Dienstag, 22. September 2020

Herbst

Nun ist es offiziell. Herbst, es ist wieder einmal Zeit ... und in der Luft Altweibersommer! In der Feldmark leichter Nebel und eine blutrote Sonne. Sehr erfrischend. Herr Caruso hat ziemlich üblen Mundgeruch und ist appetitlos. Hat sich die ganze Nacht nicht von meinen Füßen wegbewegt. Ich frage mich, ob er wirklich ein Freigänger ist. Und warum er so wenig Nachtaktivitäten zeigt.

Montag, 21. September 2020

Montag

Stadtfahrt. Der Hausarzt gibt Entwarnung. Verschreibt keine Antibiotika ("nicht, wenn es nicht nötig ist" - wie vernünftig). Verschreibt gar nichts. Etwas Ruhe, nicht unbedingt mit der Gartenschere Rosen schneiden. Die Schwellung ist fast abgeklungen. Dann bringe ich die neue Arbeitsbrille zur Optikerin zurück. Sie misst neu. An das falsche Prisma kann sich das Hirn nicht gewöhnen, sagt sie. Es stimmt oder es stimmt nicht. Wenn nicht, meckert der Körper. Reagiert mit Schwindel. Den hab ich eh schon und mehr davon kann ich wirklich nicht gebrauchen. Mit überlagerten Bildern. Na ja! Flirrendes Irren. Caruso wandert, wie früher Rasputin, den Sonnenflecken auf dem Teppich nach. Nach draußen scheint es ihn nicht zu ziehen. Ich pflücke Birnen und fahre dann zum Schwimmen. Verzichte auf die Chorprobe in Heide. Die Hand dankt es mir, der Kopf dankt es mir, die zurechtgerückten Bilder danken es mir.

Sonntag, 20. September 2020

Nordsee

Ich sitze eine Stunde an der Sonne im Garten, Lese in den Briefen der Wölfe und Kirschen und halte die Hand still. Mit Quarkwickel. Dann fahre ich an die Nordsee. Vernunft oder Unvernunft. Es wäre eine Sünde, dies nicht zu tun. Bei dem Vorzeigewetter. Fast kein Wind. Viel Wasser. Angenehme Lufttemperatur. Ich schwimme eine Viertelstunde im kalten Wasser und die Hand dankt es mir. Ich dusche nicht mehr, um das Salz auf der Haut zu behalten.

Samstag, 19. September 2020

Bauchschmerzen

Herr Caruso hat Bauchschmerzen. Wenn ich ernsthafte Dinge mit ihm bespreche, spreche ich ihn mit vollem Namen an: "Enrico Caruso". Der Name klingt gewichtig und der Kater hört aufmerksam zu. Gestern abend hat er mich in die Hand gebissen. Natürlich in die Rechte. Situationsbedingt. Weil ich ihn dort angefasst habe, wo er nicht angefasst werden möchte, weil er offenbar Schmerzen hat. Am Bauch. Das hat er mir schon mehrmals signalisiert. Ich rufe im Tierheim an und man beruhigt mich. Das hätte wahrscheinlich mit der Entwurmung zu tun. Der aufgeblähte Bauch, die Überempfindlichkeit. Ich lasse ihn in Ruhe und mähe Rasen - weil es niemand für mich tut. Die Hand ist heiß und geschwollen. Ein Katzenbiss sei immer ein Notfall, sagt das Internet und die Nachbarinnen raten, den Notarzt zu rufen. In die Notaufnahme des WKK zu fahren. In Coronazeiten? Ich winke ab und bade die Hand in grüner Seife.   

Freitag, 18. September 2020

Caruso

In der Feldmark der erste Bodenfrost. In meinem Garten ist es etwas wärmer. Caruso ist ein vornehmer Herr. Gut erzogen? Eine Fundkater - gehört erst ein Jahr nach Vertragsunterzeichnung wirklich mir. Und die früheren Besitzer können sich bis zu einem halben Jahr nach Auffinden melden. Und bekommen ihn, gegen Erstattung aller Kosten (Pflege und ärztliche Betreuung im Tierheim, Vermittlungskosten), zurück. Ich denke nicht daran. Herr Caruso zieht sich diskret zurück. Betritt die Küche nicht. Wartet geduldig, auch wenn er hungrig ist, an der Schwelle. Gibt das Bett frei, wenn ich schlafen will. Liegt im Flur an der strategisch richtigen Stelle. Beobachtet. Hat mich schon zweimal richtig gehauen und einmal gebissen. Das ist sein gutes Recht. Frisst! Das ist meine größte Freude. Hat gestern das ganze Haus abgeschnuppert und in der Nacht beide Katzenklos benützt. Ein Vorzeigekater.

Donnerstag, 17. September 2020

Neumond

Der Mond nimmt ab und wieder zu. Das Nichts, die Leere fand um 13 Uhr statt. Wir sollen genau das, das Nichts, die Leere, den Stillstand als Teil des Weges betrachten, schreiben die Mondlichter. Die Nacht war kalt und der Vormittag wild. Kopfschmerzen! Am Nachmittag dann der schwere Gang ins Tierheim. Die meisten Katzen wirken auf mich lethargisch, verängstigt. Wie Insassen einer Irrenanstalt. Antriebslos. Misstrauisch. Ich verliere schnell den Mut. Sie mit Leckerlis zu ködern, aus der Reserve zu locken und so ihre primäre Zuneigung zu kaufen, finde ich beschämend. Da ich ständig die Hände desinfizieren muss, riecht das, was ich ihnen entgegenstrecke, sicherlich alles andere als interessant. Schließlich werde ich in der Waschküche fündig. Und taufe den Kater bei der Vertragsunterzeichung um: Caruso!

Mittwoch, 16. September 2020

Trennung

 um Mitternacht - passt auch


Der Rest des Fadens ...

... nicht das Ende! 

Moritz Kirsch liest im Dithmarscher Landesmuseum. Unter Einhaltung strikter Hygienevorschriften. Mann und Frau muss an so etwas erst wieder gewöhnen. An mehrere Leute. Und alle mit diesem gewissen Etwas.

Aber: Moritz Kirsch, der durch seine schreibende Mutter sensibilisiert ist auf Katzen und Poesie, hat neue und alte Gedichte von Sarah Kirsch gelesen. Und eines Herrn Rasputin gewidmet.


 

 


Nebelsuppe

Feuchte, warme Nacht im Garten. Dicker, kalter Nebel in der Feldmark. Kein Sonnenaufgang!

Warum geht die Sonne manchmal als faszinierend scharfe Kontur, kugelrund und feuerrot auf und manchmal streut sie ihr gleißendes weißes Licht, kaum tritt sie übern Horizont, so dass ich auch mit neuer Brillenstärke geblendet die Augen abwenden muss? Die Optikerin hatte dazu gestern ihre eigene Meinung (Waldbrände in Kalifornien), aber die war vorgefasst und betraf gar nicht meine Frage.

Dienstag, 15. September 2020

Sternengucken

Ich konnte die Augen die ganze Nacht kaum schließen, weil so viele Sterne vom Himmel auf mich herabgucken. Ist es möglich, dass ich die Venus bis in die frühen Morgenstunden sehe? Ich schlafe mit offenen Augen stracks nach Westen. Viel Feuchtigkeit, mein outdoorschlafsack ist außen klatschnass, innen trocken. Er trieft, als ich ihn auf die Wäscheleine hänge. Ich kann heute nachmittag drei neue Brillen abholen. Allesamt alte Fassungen, mit neu angepassten Gläsern. Werde ich die nächsten Nächte mit Brille draußen schlafen ?

Montag, 14. September 2020

Schattensprung

 Ich fahre an die Meldorfer Bucht. Gefühlt seit einer Ewigkeit zum ersten Mal wieder. Aber es ist erst vier Tage her, seit ich zitternt udn frierend am Abend vom Deich zurück kam. So täuschen die Gefühle. Trotzdem nutze ich die katerfreien Nächte und schlafe im Garten. Der Sommer ist wieder da und mit ihm die scharfen Schatten. Hitze. Hoher Sonnenstand. Die Wunderblume blüht endlich. Gelb. Bei den Nachbarn blühte sie schon im August. Rot. Wie es Wunder so an sich haben.

Sonntag, 13. September 2020

Sonne und Wind

Ungünstige Tide. Viel Wind. Frischer Morgen mit winziger Mondsichel. Kein Schwimmen, dafür Wäsche. Ich habe geträumt, dass mein zweiter Traumkater wieder aus dem Internet zu mir gekommen ist und ich in Eile das Designer-Klo mit Öko-Klumstreu befülle, ist ja noch alles ausreichend da von Herrn R. ... Im Wachzustand kann ich es mir aber überhaupt nicht vorstellen. La donna è mobile! Erledige ganz nebenbei viel Kleinkram, steige auf den Dachboden, putze das Wohnzimmerfenster von innen und außen. Schicke dabei ganz viele Spinnen zum Teufel. 

Samstag, 12. September 2020

Kirschen und Wölfe

Ich lese im  Briefwechsel von Sarah Kirsch und Christa Wolf. Stecke noch in den 1960-er Jahren fest. Das kreative - auch das quantitative Gefälle ist deutlich. Oder liegt es nur daran, dass die Wölfe ordentlicher aufbewahrten? Kirschen jedenfalls im Plural gab es aber nur, solange die Ehe zwischen Sarah und Rainer bestand. Die Wölfe hingegen hielten sich die Treue bis zum bitteren Ende.

Freitag, 11. September 2020

Rückseitenbetrachtung

Die Kehrseite eines Verlusts ist der Gewinn. Ich vermisse Herrn Rasputin an allen Ecken und Enden, werde mir aber gleichzeitig nach und nach bewusst, dass - und wieviel! - ich plötzlich ein Stück meines eigenen Lebens, meiner eigenen Zeit, meines eigenen Raums zurück gewinne. Zum Beispiel kann ich nun die Backofentür zum Auskühlen offenstehen lassen, ohne zu befürchten, dass ein neugieriger schwarzer Kater sein empfindliches Näschen reinsteckt. Oder eine Kerze darf brennen, ohne dass versengtes Schwanzhaar einen üblen Geruch verbreitet. Ganz zu schweigen vom Schreibtisch, der nun wieder vollumfänglich mir selbst zur Verfügung steht, dem Fensterbrett, auf dem nun wieder "Goethes Faust" Platz genommen hat, meinem Kopfkissen, meiner Bettdecke, allen Stühlen, Tischen, Sesseln, Decken im Haus, die er usurpiert hat, den beiden roten Ledersofas, an denen er mit Vorliebe seine Krallen wetzte, oder dem Perserteppich, auf den er sich liebend gerne zum Putzen oder Spucken setzte ...  

Er ist nun auch in der Schweizer Presse verewigt: https://www.tagesanzeiger.ch/wir-singen-einen-bankraub-541007630618

Hier kann der Artikel als pdf eingesehen/heruntergeladen werden: https://stimmtuul.ch/einsingen-um-9/

Donnerstag, 10. September 2020

Bildbeschreibung

Ich mag Heiner Müllers Stücke nicht. Aber sein Prosatext "Bildbeschreibung" beeindruckt mich mehr als alles Coronagestammel, das ich seit einem halben Jahr höre, lese und selbst sage oder schreibe. Ein uralter Text (1985 erschienen, geschrieben wann?), der beginnt mit dem schönen, immer wieder wiederholten Satz: „Eine Landschaft zwischen Steppe und Savanne, der Himmel preußisch blau“. Der Text "verrätselt" sich zunehmend und "beschreibt eine Landschaft jenseits des Todes".

 „Uneinholbarkeit des Vorgangs durch die Beschreibung, Unvereinbarkeit von Schreiben und Lesen, Austreibung des Lesers aus dem Text. Puppen, mit Wörtern gestopft statt mit Sägemehl. Herzfleisch. Das Bedürfnis nach einer Sprache, die niemand lesen kann, nimmt zu. Wer ist niemand. Eine Sprache ohne Wörter. Oder das Verschwinden der Welt in den Wörtern. Stattdessen der lebenslange Sehzwang, das Bombardement der Bilder (Baum Haus Frau), die Augenlider weggesprengt. Das Gegenüber aus Zähneknirschen, Bränden und Gesang. Die Schutthalde der Literatur im Rücken. Das Verlöschen der Welt in den Bildern.” Alle Zitate von Heiner Müller.

Ich habe draußen unter Sternen und einem halben Mond geschlafen. Heute ist bundesweiter Warntag. Macht Euch nichts draus, falls um 11 die Sirenen heulen.

Mittwoch, 9. September 2020

Sommernacht

Kaum zu glauben: die Nacht war so warm und sternenlos, blieb trotz dicker Wolkendecke trocken, dass ich im Garten geschlafen habe. Nachdem ich gestern nachmittag allen Ernstes überlegt hatte, ob ich endlich mein ganzes outdoorschlafzeug einpacken und für den Rest des Jahres auf den Dachboden tragen soll ... aus den Augen aus dem Sinn! Trotz langer Hitzeperiode und unendlich vieler tropischer Nächte an der Nordsee, habe ich in diesem Sommer kaum draußen geschlafen - aus Rücksicht auf meinen kranken Mitbewohner. Es schien mir unmenschlich (!), Herrn Rasputin im Haus einzusperren und mich selbst nachts im Garten unter freiem Himmel den Träumen hinzugeben. Das tat ich übrigens hitzebedingt auch tagsüber nicht. Wie bei allen kranken Familienmitgliedern beobachtete ich auch beim Kater starke Stimmungsschwankungen. Von beleidigt, trotzig distanziert bis hin zu grenzenloser Anhänglichkeit. So schliefen wir die meisten heißen Nächte dieses Jahres eng aneinandergeschmiegt. Er wärmte meinen Bauch, meine Brust oder meine Füße - in weiser Voraussicht, dass er dies in den kommenden kalten Winternächten nicht mehr wird tun können.

Dienstag, 8. September 2020

Igeltreue

Nein, erhebend war die gestrige Chorprobe nicht. Da lob ich mir das täglichfrohe Einsingenumneunlive vor dem Bildschirm allein zu Hause, mit der Möglichkeit, das Fenster zu öffnen oder zu schließen, die Heizung auf- oder abzudrehen, mit einigen Hundert virtuellen Mitsängerinnen und Mitsängern. 

 

Nein, die Stimmung gestern abend war nicht locker, wir sangen zwar ganz nett, bewegten uns aber linkisch wie Marionetten. Es gab eine Art Anwesenheitsappell, wir mussten uns nicht mit Namen, sondern mit einer Nummer, die uns beim Betreten des Raums zugeteilt wurde, auf unseren Sitzplätzen melden. Vielleicht eine Vorschrift (sprich Schikane) des KGR oder des Gesundheitsamtes oder von Herrn Spahn persönlich. Ich war die Nummer Eins und fühlte mich trotzdem krank, als ich nach Hause kam. Eine Stunde im Durchzug sitzen, ist wahrscheinlich auch singend schädlicher für unsere Gesundheit als einmal Hände nicht desinfizieren. Durchgefroren bis auf die Knochen hatte ich nur einen Wunsch: unter die Decke. Für Sauna war ich zu erschöpft. Vor der Flucht ins Bett musste ich aber den Igel versorgen. Er wartete tatsächlich an der Hausecke und guckte mich vorwurfsvoll an. Ja, beruhigte ich ihn, du bekommst dein Abendbrot, angereichtert mit den letzten Vitamintropfen von Herrn R.

Montag, 7. September 2020

Klinkenputzen

Heute abend fahre ich zur ersten regulären Probe seit März nach Heide. Sie soll im gewohnten Probenraum stattfinden. Die outdoor Proben habe ich verpasst, erst wetterbedingt, dann katerbedingt. Schleswig Holstein ist das letzte Land im Land, das Chorproben auch in Innenräumen erlaubt. Wir werden in ungewohnter Aufstellung singen, mit viel Distanz in jede Richtung. Das fördert die sängerische Sicherheit! Und zwingt zu Eigendisziplin. Kein Anlehnen mehr an die Nachbarn oder Nachbarinnen. Ich habe immer gerne an der Grenze zum Tenor gesessen. Nun singen wir in zwei vierstimmigen Durchgängen, mit jeweils ungefähr der Hälfte der Sängerinnen und Sänger. Dazwischen lange Lüftungspause. Und das übliche Hygienekonzept. Auch ein Wort, das ich nicht mehr hören kann. Als ob wir früher (ja, wann war das?) lauter Dreck von uns gegeben und nie die Hände gewaschen hätten. In Birmingham hing schon vor 25 Jahren in den Pubs auf den Toiletten der unmissverständliche Aufruf "and now wash your hands!"! (Diese doppelte Ausrufzeichensetzung ist laut Duden korrekt!). Ich habe mich dort immer mehr vor den klinkenlosen Türen geekelt als vor den Händen der Barbesucher.

Sonntag, 6. September 2020

Sonntagsruhe

Weil ich die Stille nicht ertrage im Haus, das Klappern der Katzenklappe vermisse, das Plätschern des Trinkbrunnens, gleichzeitig bei jedem Geräusch verstört aufschrecke, zusammenfahre - wer oder was war das? wenn Herr Rasputin es nicht sein kann - werde ich doch bald ins Tierheim Tensbüttel fahren müssen.

Samstag, 5. September 2020

Wettlauf

Irgendwann beginnt immer der Wettlauf. Mit Vögeln, Wespen, Pilzen. Mit dem Wetter, dem Regen, der Kälte. Meine Birnbäume tragen so viele Früchte, dass die Äste unter Last fast brechen. Und da greift dann die Monilia Fruchtfäule regulierend ein. Ihre Sporen dringen über Wunden in die noch unreife Frucht ein. Wunden fügen den Birnen zum Beispiel ungeduldige Rabenvögel mit ihren spitzen Schnäbeln zu. Oder meine zahmen Gartenamseln, die nicht warten können, bis das Fruchtfleisch zuckersüß ist. Oder Wespen und Asseln, die wie Ohrwürmer Gänge bohren. Das Fruchtgewebe beginnt ringförmig zu faulen und nach und nach bildet sich ein samtweiches Schimmelpolster um die ganze Frucht. Manche trocknen so am Baum aus und bilden Fruchtmumien. Schöne Wörter und faule Früchte sammle ich diesen Herbst.

Freitag, 4. September 2020

"Tod ist ein laaaaanger Schlaf"

Herr Rasputin ist berühmt rund um den singenden Globus. Er war bis zum letzten Tag ständiger und aufmerksamer Zuhörer beim Einsingen um 9 - live. Nun bekommt er beim zweiten Special der Wunderbaren Vier ein an-an-ständiges Ständchen:



Donnerstag, 3. September 2020

Regenschauern

Herr Rasputin war ein Regenwasser- und Gießkannentrinker. Nun regnet es. Ich sammle alle Trinkschalen in allen Zimmern ein und mindestens vier grüne Gießkannen verschiedener Größen über die Flure und Stockwerke verteilt. Die gelbe steht draußen, aus der wollte er nie trinken. Den Trinkbrunnen trenne ich vom Strom. Der Bewegungsmelder reagiert nun nicht mehr. Es bewegt sich kein Kater mehr im Haus, also sind auch die Verlockungen des Plätscherns überflüssig. Den Inhalt des Brunnens entleere ich in einer Regenpause auf seinem Grab, in das Wasser hatte ich am Wochenende vorsorglich Notfalltropfen gegeben. Die werden ihn weiterhin besänftigen. Ich habe Bleiwurz gepflanzt, der muss eingeschlämmt werden. 

Mittwoch, 2. September 2020

Eulenheulen

Der Sohn der Nachbarin fragte, ob Rasputin nun fliegen könne. Seit zwei Nächten heulen die Eulen im Kastanienbaum und putzen sich um die Wette. Ich sammle im Morgengrauen alle feinen Federn ein und lasse sie auf Herrn Rasputins letzte Ruhestätte rieseln. Ja, ein toter Kater kann natürlich fliegen! 

Der Mond ist gerade voll geworden, das Licht in der Nacht wird nun wieder abnehmen.

Dienstag, 1. September 2020

Herr Rasputin

Neuer Monat. Herr Rasputin ist seinen letzten Weg gegangen. Sehr vernünftig. Gefasst. Wollte früh nochmals vor die Tür. Weiter nicht. Sass kurz an der frischen Siebenuhrsonne. Die Nacht war kalt, die erste Herbstnacht mit einstelligen Temperaturen. Der Morgen über der Feldmark neblig. Fressen wollte er nicht. Nur ein bisschen schnuppern über dem Futter. Aber trinken. Trinken. Trinken. Die Nieren hätten ihren Dienst bald ganz aufgegeben und den Moment musste ich ihm ersparen. Er war noch einmal auf meinem Schreibtisch. Hörte sich noch einmal unser Einsingen an. Kackte noch einmal in den Garten der Nachbarin. Verabschiedete sich. Dann fuhren wir zusammen nach Nindorf. Hin. Und wieder zurück. So ist das Leben am Wattenmeer. Das Wasser läuft auf und wieder ab. Herr Rasputin schleicht jetzt irgendwo am Himmel zwischen den Wolken herum und kann endlich sehen, was ich so treibe, wenn ich nicht zu Hause bin. Ich schwimme in der Nordsee. Sein abgemagerter Körper ruht im Garten, im verwilderten Blumenbeet unter der Edelkastanie.

Montag, 31. August 2020

gold - titan

Die Optikerin sagt, Gold sei das neue Titan. Filigrane Goldfassungen lösen endlich die monströsen schwarzumrandeten Brillen ab, die alle seit Jahren tragen. Ich grabe in meinen Schätzen, weil die Lieblingsfassung meiner Arbeitsbrille nicht mehr neu verglast werden kann. Und finde ein zartes Modell, wahrscheinlich aus Hongkong. Eigenimport. Aus einem anderen Leben. Meine Augen haben sich nicht nur coronabedingt (ständiges Zuhausesitzen) verändert, sondern im Laufe der Jahre wird die eine Sehschwäche natürlicherweise schwächer, während sich die andere verstärkt. Ganz im Gleichschlag des Höheren und Niederen.

Sonntag, 30. August 2020

einfach - doppelt

Kaiserreich am Reichstag? Und ich tüddel am Wattenmeer mit meinem todkranken Kater herum. In solchen Momenten gehöre ich nicht zu diesem Land. Als Schiedsfrau wurde ich lange vor Corona "geschult". Sensibilisiert auf aktuelle Strömungen in der deutschen Gesellschaft. Dass Reichsbürger auf den Corona-Protest-Zug aufspringen, war schon vor Wochen in kleinerem Rahmen und von der Presse weitgehend unbemerkt in Dithmarschen zu beobachten. 

In anderen Momenten gehöre ich nicht zu dem anderen Land. Wenn ich zB über eine "maßvolle Zuwanderung" (natürlich nicht mit ß) abstimmen soll. Oder über Änderungen im Jagdgesetz. Getreulich gebe ich meine Stimme ab. Per Post, weil das elektronische Sicherheitssystem Helvetiens versagt. 

Doppelte Staatsbürgerschaft bedeutet nicht Doppelte Heimat, sondern Nicht Eine Heimat. Ich switche, berufe mich auf das "eigentliche", meine Sozialisation oder betone mein Recht auf Kritik und Distanz. Einen Kaiser hatten "wir" nie! Auch keine freie Bauernrepublik. Sondern unendlich viele Kleinkriege, unendlich tapfere Soldaten in fremden Heeren. Das ist bis heute geblieben.

Die Sonne geht blutrot über dem Nebel in der Feldmark auf. Der Morgen ist frisch und der Tag verspricht heiter zu werden

Samstag, 29. August 2020

temperatur - sturz

Morgenschwimmen. Das Wasser ist um 5 Grad kälter als noch vor ein paar Tage, der Wind auflandig unbarmherzig, die Sonne bereits kraftlos. Trotzdem schwimme ich mein Dreieck. Mit kühlem Kopf und regelmässigen Arm- und Beinbewegungen sende ich eine Anfrage in den wolkenlosen Himmel, in den Kosmos, ins Getriebe der Urkräfte. Die heutige Losung sagt - und ich verstehe sie nicht, aber der Name des Protagonisten gefällt mir:

Hiskia wurde todkrank; und er betete zum HERRN. Der redete mit ihm und gab ihm ein Wunderzeichen. Aber Hiskia vergalt nicht nach dem, was ihm geschehen war; denn sein Herz überhob sich.
2. Chronik 32,24-25

Freitag, 28. August 2020

gemüse - brühe

Sintflutartiger Regen. Ich suche meinen Hausarzt auf wegen meiner Schwindelanfälle. Er fragt, wann und wie oft, misst meinen Blutdruck und sagt, der sage alles. Natürlich könnte man, gibt er zu bedenken, nun eine Reihe von Untersuchungen lostreten, deren Mühle langsam mahlen und nicht unbedingt gerecht. Er verschreibt mir nochmals Camphertropfen. Für den Notfall. Und empiehlt zur Guten Nacht eine Tasse heiße Gemüsebrühe. Ich schaffe es, in einer Regenpause nach Hause zu kommen. Der Kater empfängt mich. Seit der gestrigen Aussprache weicht er nicht mehr von meiner Seite.

Donnerstag, 27. August 2020

open - mind

Ruhe nach dem Sturm. Die Tide ist ungünstig und der Wind immer noch zu stark für einen Ausflug ans Meer. Ideal für Wäsche. Alles ist voller Haare! Herr Rasputin sonnt sich am Nachmittag auf der Bank im Garten und ich nutze die Gelegenheit, ein offenes Wort mit ihm zu sprechen. Biete an, dass wir nächste Woche in die Tierarztpraxis fahren. Er auf meinem Rücken. Ich auf meinem Fahrrad. 

Mittwoch, 26. August 2020

hoch - tief

Die erste Herbststürmerin. Kirsten. Bringt in exponierten Lagen schwere Sturmböen bis Bft 10 (=26m/s, 51 kn oder um die 95 km/h). Aus südwestlicher Richtung, dann direkt von Westen. Mal sehn, was mein Bambuszaun dazu meint. Noch ist er geschützt von mächtig wuchernden Brombeertrieben. Herr Rasputin bekommt Besuch von Mio.

Dienstag, 25. August 2020

herbst - zeitlose

Ich weiß es, alle wissen es, die länger als eine Saison hier leben: der Sommer ist immer ganz schnell vorbei. Und es folgt ihm auf den Fersen die Zeit des Endlosen. Hinundhers. Hellunddunkels. Kaltundwarms. Die Luft ist schwer und feucht. Am Vormittag noch voller Sonne. Doch dann kommt von Westen der Regen ins Land. Auf die Geest. Und H. ruft an, sie fahre zum Deich. Also schwimmen wir. Wieder im Regen. Und der Deichwärter wandert über den Deich mit einem Deichwagen. Kippt alle Strandkörbe um. Legt sie vor- und fürsorglich in den Wind, der da kommen wird. 

Montag, 24. August 2020

vor - gestern

Irgendwann werde ich sagen: Vorgestern hat es begonnen. Das Begreifen. Der Abschied. Die Trauer. Mir steht etwas bevor, das ich erst im Nachhinein bewerten kann. Eine Entscheidung dafür oder dagegen. Und ob sie richtig gewesen sein wird oder falsch, wird mir niemand sagen wollen. Aber unabhängig von einer moralischen Bewertung wird die Zeit vorbei sein, eine Revision unmöglich, ein Revisit(ed) absurd. Ich möchte Herrn Rasputin in meinem Garten begraben. Ich weiß bereits, wie tief das Grab gegraben werden muss. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie ich die Tierarztpraxis mit dem toten Kater auf dem Rücken verlassen und nach Hause radeln soll. Ich kann mir auch nicht vorstellen, den lebendigen Kater in den Transportrucksack zu packen, auf das Fahrrad zu steigen und am helllichten Tag durch die Felder nach Nindorf zu fahren.

Sonntag, 23. August 2020

spring - verspätung

Zur Springzeit springt das Wasser. Damit es springen kann, muss es zuerst an Masse gewinnen. Die Masse macht es aber träge. Und die Trägheit verzögert den Sprung. Der größte Gezeitenunterschied, die Springflut, kommt deshalb immer mit Verspätung. Denn eigentlich addieren sich bei Voll- oder Neumond die kosmischen Kräfte, die Anziehung zwischen Erde, Mond und Sonne. Aber wegen irdischer Materie und Trägheit, der immensen Wassermasse, hatten wir die Springflut und den Starkwind tatsächlich erst heute am Sonntag.

Samstag, 22. August 2020

stoff - wechsel

Herr Rasputin leidet seit langem an Stoffwechselstörungen. Infolge seiner Nierenschwäche. Und durch das Spezialfutter, das er bekommt zur Entlastung der kranken Nieren. Sie können nicht mehr alle Gifte ausscheiden. Deshalb werden ihm weniger zugeführt. Weniger Phosphor, weniger Proteine. Das ist auf die Dauer keine ausgeglichene Kost! Er ist zudem oft appetitlos und entsprechend mager. Aber er ist noch nie ins Koma gefallen. Die Regenbogenzeit hat begonnen. Es regnet und die Sonne scheint in einem fort.

Freitag, 21. August 2020

zettel - wirtschaft

Ich reibe mir ungläubig die Augen. Wir werden aufgefordert, eine App auf unsere Smartphones zu laden, die ständig stänkert und nie richtig funktioniert. Unter anderem auch deshalb, sagen die Spezialisten, weil sie zu wenig Menschen installiert haben. Ich gehöre zu denen, die dieses schwachbrüstige Überwachungsinstrument längst entnervt wieder deinstallierten. Und dann füllen Hunderttausende von Traumstrand- und Risokogebietrückkehrern bei der Wieder-Einreise am Flughafen (oder noch im Flugzeug beim Landeanflug auf wackliger Unterlage) oder am Hauptbahnhof, an der Autobahn (wo sind die ehemaligen Kontrollstellen geblieben?) in die Heimat mit Kugelschreiber oder Bleistift, was gerade zur Hand ist, Zettel aus. Die müssen dann sortiert werden und Kistenweise den zuständigen Ämtern übergeben. Natürlich ist heutzutage niemand mehr Papierflut und Handschrift gewachsen. Wo lebe ich eigentlich? In Dithmarschen - auf der Insel der Glückseligen!

Donnerstag, 20. August 2020

regen - schwimmen

Zum ersten Mal in diesem Jahr fahre ich mit H zum Deich im Regen. Er ist warm wie das Wasser. Das Wasser ist wild wie der Wind. Der Regen fällt sanft wie das Erwachen. Der Deich ist fast leer. 

Endlich ist es wieder so, wie es immer ist im Sommer an der Nordsee.

Mittwoch, 19. August 2020

neu - mond

Die Sonne geht bereits deutlich nach 6 Uhr auf (und deutlich vor 21 Uhr unter). Hoffnungsvoll fahre ich in die Feldmark. Der Kater wollte nicht mit vor die Tür. Er schläft seit neuestem auf meinem Kopfkissen. Und ich daneben ohne Kissen. Er ist, glaube ich, auf seine Zielgerade eingebogen. Ich weiss nur nicht, wie lange die ist. Mich empfängt draußen meterhoher Nebel. Gefühlt bis in den Himmel. Keine Sonne, keinen Dom, keine Kühe sehe ich, die Hand nicht vor dem Mund oder den Augen und ich fürchte, den einzigen Spaziergänger, der zu dieser Tageszeit immer schon unterwegs ist mit einer Wasserflasche, aus Versehen zu überfahren. Aber ein Reh springt vor mir her und warnt ihn. Der Mond war leer um 04:41 Uhr. Er nimmt nun bereits wieder zu und ist deshalb neu zu nennen.

Dienstag, 18. August 2020

ja - nein

Ein Hin und Her an Gedanken. Worten. Und Taten. Ich kaufe Fliegengitter für drei Fenster. Für das Küchenfenster finde ich eines originalverpackt bei meinem Putzzeug. Gekauft im letzten Jahr. Zum Ausprobieren. Also probierte ich es aus und staune, wie einfach das geht. Also werden nun zum Sommerende noch drei weitere angebracht. Ich bestelle einen Staubsauger bei einer Firma, von der ich bereits eine Bohrmaschine und eine Heckenschere besitze. Ich bestelle eine neue Küche, bzw einen Menschen, der mir eine einbauen kann. Was noch? Ich fahre rechtzeitig an die Meldorfer Bucht. Es läuft viel Wasser auf.

Montag, 17. August 2020

hate - speech

heit - spitsch. Wochenstart. Schulstart. Vokabellernen: doodeln, helikoptern, flugschämen. Die neuen Wörter im Duden sind diskriminierungsfrei, gendersensibel und fremsprachenfreundlich. Zum Beispiel das Gendersternchen - im Gegensatz zu Diven und anderen Sterchen, der Genderstern und der Asterisk, die Asteriske (nein, nicht Asterix). Oder Fridays for Future (wird übersetzt zu Freitage für die Zukunft) im Gegensatz zu Schulschwänzen oder Blue Monday (fehlt im Duden). Warum hate speech Eingang in den Duden findet - natürlich in deutscher Recht-, Groß- und Zusammenschreibung: Hatespeech - neben Hasskommentar und anderen Hass-Komposita wie Hasstirade, Hassbotschaft oder Hassgesang, ja sogar Hassrede ist bereits im Duden drin, seit langem, kommt mir spanisch vor. Die Bibel sagt "Hass erregt Hader" (Sprüche 10,12). Auch Hader findet sich im Duden, noch. Als "gehoben veraltend", sprich auf dem Weg aus dem Duden hinaus. Dafür wurde nun heit spitsch in den Duden gehievt, obwohl wir dort die deutsche Hassrede mit Erklärung finden: "Hass verbreitende Art des Sprechens oder Schreibens". Die Wettervorhersage sagt, dass der letzte Hitzetag am Wattenmeer angebrochen ist. Hochwasser um Elf, Weg zum Deich umweltverträglich zu dritt in einem Auto. Monday for sea (foresee).

Sonntag, 16. August 2020

moll - dur

Auch die Musik kennt Geschlechter. Tongeschlechter. Wer weist sie zu? Der Schöpfer natürlich, oder die Schöpferin. Anders als im Himmel gibt es in der Musik Komponistinnen und Komponisten, Virtuosinnen und Virtuosen, Künstlerinnen und Künstler. Und sie setzen in ihren Werken Schritte, Ganz- und Halbtonschritte. Je nach dem, wie die Leitern verlaufen, die Harmonien sich finden oder in Disharmonien enden, wird daraus Dur von durus, dura, drum - hart und herb wie männlich oder Moll von mollig, mollis, molle - weich, sanft und mild wie weiblich. Dur ist eher heiter und fröhlich (der saufende Vater), Moll eher traurig und von Schmerz erfüllt (die seufzende Mutter). Ganz schön stereo-typ!

Manche sprechen lieber von Tonvorräten - statt Tongeschlechtern. Denn Vorräte sind gleichberechtigt. Jeder Tonvorrat besteht aus sieben Tönen und basiert auf einem Grundton. Moll und Dur unterscheiden sich nur in der Lage der Halb- und Ganztonschritte. Und natürlich im Ausdruck. Auch das ist wahr.

Ein weiterer Hitzetag steht bevor. 

Samstag, 15. August 2020

cis - trans

In Bayern, im Saarland und in einigen Kantonen der Schweiz sowie im Fölmliland ist heute Feiertag. Mariä Himmelfahrt. Dormitio. Die Entschlafung der heiligen Jungfrau Maria. Oder wie? Oder wer? Neu in den Duden aufgenommen wurde unter anderem das Wort Cisgender. In manchen - katholischen - Ländern ist allein das Wort "gender" ein feuerrotes Tuch, das den Stier im Mann in Wallung bringt. Aber sicher war die u.a. vom polnischen "heiligen" Papst tief verehrte Maria auch eine Cisgender, so wie ich und die meisten von uns und euch auch. Laut Duden bezeichnet Cisgender Menschen, "deren Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde." 

Von wem? Von wem wird bei der Geburt das Geschlecht "zugewiesen"? Vom lieben Gott höchstpersönlich (aber erst bei der Geburt? ist das nicht etwas verspätet? Darüber, ab wann ein Menschenskind Menschenskind ist, streiten sich katholische Politiker und Hierarchen vortrefflich)? Wer hält das Neugeborene als erste/r in der Hand und übt diesen Gewaltsakt von Geschlechtsbestimmung aus? Die Hebamme? Oder doch der Himmel, Gottvater und seine Heerscharen seiner (wohlbemerkt: stets männlichen) Schutzengel? Die Geburtsklinik? Das Standesamt? Oder vielleicht die leibliche Mutter? Der leibliche Vater? Und wie war das dort im Stall? Maria wurde bereits am ersten Tag ihrer unbefleckten Empfängnis-Schwangerschaft das Geschlecht des Kindes mitgeteilt. Vom Erzengel Gabriel. Einem gestandenen Mann!

Wie auch immer. Cisgender steht im Duden im Gegensatz zu Transgender, was wiederum die LGB (auch ein Wort, das die Gemüter im katholischsten aller katholischen Länder erhitzt) auf die Palme bringt, weil "cis" = diesseits im Gegensatz zu "trans" = jenseits nicht wirklich Klarheit schafft. Geschweige denn Grenzen oder Ausgrenzung aufhebt. Die Geschlechtsidentität sagt ja beileibe (!) noch gar nichts aus über sexuelle Orientierung oder Vorliebe. Woher soll der Familienbucheintrag wissen, ob da gerade ein*e homo oder hetero, cis oder trans, bi oder inter ins gleißende Licht der Welt gestoßen wurde?

Freitag, 14. August 2020

gelb - grün

Gelbgrün ist das Sonnenblumenfeld an der Bürgerweide erblüht. Plötzlich, von einem Tag auf den anderen. Gleichzeitig ist der Mais im Osten in die Höhe geschossenauf den Sonnenaufgange. Ich muss bis fast nach Hesel fahren, um den Tagesanfang zu erleben. Laut Duden könnte ich mich darüber gelb-und-grün-ärgen. Ich ärgerte mich bisher nur grün-und-blau. Grün, gelb und blau sind Nachbarn auf dem Farbenkreis und können als Intensivierung verstanden werden. Aber natürlich haben die Farben auch mit windelweichschlagen zu tun, mit Hämatomen, blauen Flecken auf der Haut, die über grün zu gelb verblassen. Die Sonnenblumen aber werden braun und trocken, starr, vor Schreck über den Farbwechsel, wenn sie denn mal verblühen sollten.

Donnerstag, 13. August 2020

schwarz - weiß

Schwarz-weiß-Maler gelten gemeinhin als Pessimisten und Panikmacher, bestenfalls als geistige Brandstifter, Alles-oder-Nichts-Denker, die die Welt nur in Extremen erfassen und weder Schattierungen, Grautöne noch Buntes zulassen. zB so: https://www.queer.de/detail.php?article_id=36711

Schwarz-weiß-Seher hingegen sind krank und nehmen aufgrund von gleich mehreren Gendefekten die Welt nur in Grautönen wahr. Sie sehen keine Farben, leiden an überhöhter Lichtempfindlichkeit und sind im hellen Sonnenschein fast blind. Achromatopsie heißt der medizinische Fachbegriff.

Eine Schwarz-Weiß-Grenze kennt nur das vergletscherte Hochgebirge. Es ist die Grenze zwischen kahlem Stein oder Fels und mit Schnee oder Eis bedeckten Oberflächen. Diese Grenze ist höchst gefährlich und aktiv, hier wird die Frostverwitterung begünstigt und die Frostsprengung verstärkt. Da bleibt nach intensiver Sonneneinstrahlung in der folgenden Nacht kein Stein auf dem anderen.

Mittwoch, 12. August 2020

vorher - nachher

Es gibt immer ein vorher und ein nachher, aber nicht immer fällt das, was dazwischen ist - das jetzt? die Gegenwart? unser Leben? - auf. Die Direktheit, mit der die Tierärztin  "jederzeit" und "kurzfristig" den finalen Termin für Herrn Rasputin anbietet, ernüchtert mich am Nachmittag. Am Abend fahre ich nicht zum Deich, weil es mir um 18 Uhr immer noch zu heiß scheint. Kurz vor Mitternacht beschließe ich, leicht verzweifelt, mich im Garten unter die Sterne zu legen, da der Kater noch aushäusig ist.

Dienstag, 11. August 2020

voll - leer

So voll wie am Wochenende habe ich den für den Badebetrieb von Schafen freigehaltenen Deichabschnitt in Elpersbüttel noch nie gesehen. Die "Angezogenen" (= Textilbadende) mussten zu den "Ausgezogenen" (= Nacktbadende) ausweichen - obwohl ihnen eh schon der größte Teil des Grasstrandes zur Verfügung steht. Aber sonst hätte wohl die Meldorfer Bucht wegen Überfüllung und Nicht-Einhalten-Könnens der AHA-Regeln (Abstand, Hustenhygiene, Alltagsmaske) geräumt worden müssen. Interessant ist, dass es die Nudisten nicht stört, neben Nichtnudisten zu liegen, oder zu schwimmen. Umgekehrt aber schon. Als bei uns Texttillosen ein paar Tage die Dusche infolge Vandalismus nicht in Betrieb war, wollten uns die Badehosenhelden um nichts in der Welt bei sich die Füße waschen lassen.

Montag, 10. August 2020

digital - analog

Überall werden wir mittlerweile aufgefordert, mit Karte zu bezahlen. Angeblich aus hygienischen Gründen. Sogar ich habe mir angewöhnt, meine Karte nicht mehr am Geldautomaten einzusetzen, sondern direkt an der Kasse, wenn ich Futter für den Kater kaufe oder Biomilch aus Witzwort für mich. Beim Tierarzt hängt ein Zettel, dass Kartenzahlung erst ab einem Mindestrechnungsbetrag möglich sei. Beim Zahnart werden die Patienten gebeten, geringe Beträge bar zu entrichten. Lange vor der Pandemie redete mir ein guter Freund zu, zu einem sicheren Messengerdienst zu wechseln. Für Sicherheit muss Mann und Frau aber bezahlen. Dazu wäre ich sogar bereit gewesen, der Betrag war gering genug. Das Problem bestand in der Zahlweise. Es wurde (warum wohl?) nur Bezahlung über Kreditkarte akzeptiert. Ich besitze seit langem bewusst keine Kreditkarte mehr. Wenn ich mir also erneut eine Kreditkarte anschaffe, nur um einen bombensicheren Kommunikationsweg zu beschreiten, gebe ich wahrscheinlich mehr persönliche Daten preis, als wenn ich über bekannt offene Kanäle mich mit H. zum Schwimmen verabrede oder A. mitteile, dass der Kater gerade Ausgang hat. Zahlungsschmerz nennen die Fachleute das, was man den Konsumenten durch mobile Geldbörsen abgewöhnen will. Das analoge Bezahlen mit Bargeld ist physisch erfahrbar und zeigt den Verlust sofort an. Schmerz eben. Man gibt große Scheine her, klaubt sie umständlich aus dem Portemonnaie aus der Gesäßtasche oder Handtasche, und bekommt bestenfalls ein paar lächerliche Centstücke zurück, die man zu Hause hortet, um wieder Platz im Gesäß oder der Hand zu gewinnen. Je transparenter der Bezahlvorgang, desto schmervoller. Kartenzahlung gibt den Banken nebst Gebühren unendlich viel Macht. Sie können unser Kaufverhalten - wann, wo, wieviel - einsehen, analysieren, vermarkten, verkaufen. Die Konsumenten lassen sich so im Handumdrehen manipulieren und wirtschaftlich "auspressen".  Die Abschaffung des Bargelds, der letzten Bastion des Zeigefingergerechten selbstgeisselnden Geldausgebens, sagt einer, der es wissen muss, sei der "Weg in die digitale Knechtschaft."

Sonntag, 9. August 2020

blau - zahn

Wahrscheinlich blamiere ich mich mit diesem Post vor aller Welt - blamieren ist etymologisch tatsächlich mit Blasphemie verwandt, und das macht die Sache nicht besser! Ich wusste nicht, dass das Logo von bluetooth - das nun in aller Munde, Augen und Ohren ist, spätestens seit Corona und allen damit verbundenen Kontroll-Apps - eine Binderune ist. Hand aufs Herz, wer von Euch weiß, was eine Binderune ist? Die Verbindung von zwei Runen. Und ich wusste nicht, dass der Name bluetooth tatsächlich auf den dänischen König Harald "Blauzahn" Gormsson zurückgeht. Also den Sohn von Gorm, dem Alten und seiner Frau Thyra, der vielleicht einen toten Zahn im Mund hatte, der sich dunkel verfärbte oder aus anderem Grunde den Beinahmen Blauzahn bekam, der nun in aller Hände ist und sich vor allem in seinem Monogramm niederschlägt. König Harald einigte und christianisierte Dänemark und Norwegen im 10. Jahrhundert. Ich habe seinen "Taufstein" in Jelling Tausend Jahre später besucht und befinde mich derzeit an meinem Schreibtisch auf einer virtuellen Reise zum sagenhaften Skagener Licht. Die Binderune, das bluetooth-logo, verbindet die Initialen Harald Blauzahns, Hagall (ᚼ) und Bjarkan (ᛒ). Das könnt Ihr auf Eurem händi überprüfen und ist nichts als die Wahrheit.

Samstag, 8. August 2020

nebligtrüb - blutrot

Die kühlste Stunde des Tages ist vor Sonnenaufgang. In der Feldmark liegen die Morgennebel und ich sichere mir das erste und einzige Frösteln des Tages! Was für ein wunderbares Gefühl! Kein Mensch weit und breit! Und dann steigt die Sonne blutrot über eine imaginierte oder tatsächliche Waldgrenze am Kanal im Ostnordosten. Ich kann aus Rücksicht auf meinen Mitbewohner, der aus gesundheitlichen Gründen Hausarrest hat, nicht im Garten schlafen. Aber ich kann pendeln in die Feldmark von Sonnenuntergang zu Sonnenaufgang.

Freitag, 7. August 2020

wahr - unwahr

Natürlich war ich gestern schwimmen. Natürlich hab ich gestern Kuchen gebacken. Manche mögens heiß. Natürlich ist längst nicht alles wahr, was ich hier schreibe. Ich kann es nicht oft genug betonen. Trotzdem neigen viele Lesende lieber dazu, an das geschriebene Wort zu glauben. Das ist einfach einfacher. Natürlich hat mich gestern der aushäusige Kater wieder auf Trab gehalten, so sehr, dass ich mir überlegen muss, wie unser Zusammenleben weitergeht. Heute fahre ich nicht zum Deich, weil ich die Strecke bei der Hitze nicht überleben würde. Heute treten wir, mein Kater und ich tatsächlich nicht vor die Tür. Denn auch er, der untergewichtige, urämische Untermieter würde seine stundenlangen Streifzüge durch die Gärten der Nachbarn nicht überleben. Sondern verdursten. Austrocknen. Verlorengehen. Ich halte zu unser beider Wohl alle Türen und Fenster geschlossen. Aber mein gezähmtes Haustier ist eine ständige Herausforderung. Es ist ihm tatsächlich im Laufe des heißen Tages mehrmals gelungen, unauffindbar im Innern des Hauses zu verschwinden und nicht auf meine Lockungen, schmeichelnden Rufe, mit oder ohne Futter zu reagieren. Herr Rasputin ist stinksauer, dass seine Klappe zu ist.

Donnerstag, 6. August 2020

schnell - langsam

Ich tauche plötzlich ab und ein ins letzte Jahr des letzten Jahrhunderts. Das mag nun in der Zeitrechnung des Universums korrekt sein oder nicht, spielt keine Rolle. Wichtig ist das Tempo, nicht die Distanz. Aus heutiger Sicht scheint mir jenes Jahr vollgepackt gewesen und in Windeseile vergangen - und vergessen! jenes Fußbad so mutterseelenallein, an einem Ort, an dem heute niemand mehr alleine seine Füße badet oder fotografiert. Damals hatte ich nicht die leiseste Ahnung, dass ich einst unweit der südlichen Grenze Dänemarks leben, die Meldorfer Bucht lieben und im Dithmarscher Watt auf der Stelle treten werde. Heute aber gehe ich nicht einmal vor die Tür. So heiß ist es. Die Luft brennt auf der Haut.

Mittwoch, 5. August 2020

oben - unten

Ich steige auf den Dachboden. Ich räume auf. Trage Dinge nach oben, die noch nicht nach unten können. Unten ist die Ebenerdigkeit. Dort stehen, draußen, im Schatten des Hauses und der Blutpflaume, die Mülltonnen. Einen Keller gibt es zum Glück nicht. Aufräumen - dieses nach oben oder unten tragen von Dingen - ist so etwas wie das Auffüllen von Zwiespalten. Der Blick in Abgründe. In längst Vergessenes. Natürlich bin ich auch auf der Suche. Das ist die Zwiespältigkeit. Ich möchte wissen, wann ich in Grenen am Strand entlang lief bis zum nordöstlichsten Punkt Dänemarks, wann ich im Badeanzug ganz allein dort im Wasser stand, wo die Wellen der Nordsee von der einen Seite an die Wellen der Ostsee von der anderen Seite schlagen, ohne sich zu vermischen.

Dienstag, 4. August 2020

heiß - kalt

Das Leben in Quarantäne ist schwierig. Vor allem an einem heißen Sommertag. Vielleicht ist es auch Hausarrest. Oder Ausgehverbot. Solange mein nierenkranker Kater den Eingang durch die Katzenklappe nicht mehr findet oder - aus welchen Gründen auch immer! - nicht mehr benützen mag, steht ihm diese kleine quadratische Öffnung auch nicht mehr als Ausgang zur Verfügung. So einfach ist die Logik der Menschen. Aber Herr Rasputin ist kein Mensch und schaut mich herzerweichend vorwurfsvoll an. Ich tröste ihn den halben Tag und fahre eine Stunde zu spät an den Deich. Aber es ist Springzeit und immer noch viel Wasser da. Viel Wolken, kaum Leute. Ich tröste ihn weiter die ganze Nacht hindurch. Leider weiß ich, wo dieses Drama enden wird - in meinem Garten! - und da läuft es mir kalt übern Rücken.

Montag, 3. August 2020

hell - dunkel

Ich kann leider Nachrichten nicht mehr hören, wie der Schulbeginn im Lande, in den Landen!, vonstatten gehen soll. Ich mag nicht einmal mehr das Wort Mund-und-Nasen-irgendwas hören, weil angeblich das Wort "Maske" geschützt ist. Oder Pflicht sei. Was auch immer. Ich habe zu beiden Seiten meines Grundstücks, im Süden und im Westen, Nachbarinnen, die gerade ein Kind einschulen. Auf den anderen beiden Seiten, im Westen und im Norden, führt zwei Straßen mit zwei Namen vorbei. Der Wind ist den ganzen Tag scharf und kalt. Ich ware trotzdem im Wasser. Am Deich kein Verweilen. Der Mond wird am Abend voll. Die Sonne geht später unter. Der Himmel färbt sich blutrot und der Mond lässt wie immer auf sich warten und verwandelt dann doch die Nacht zum Tag.

Sonntag, 2. August 2020

laut - leise

Bei uns am Wattenmeer geht es gesittet zu und her. Wenig Leute am Deich, aber fast alle davon im Wasser. Die Dusche am FKK-Strandabschnitt ist wieder montiert und funktioniert. Aus der Schweiz höre ich Echos wie vom Krieg, der die ganze Nacht getobt habe. Das ist wie alles andere auch: selbstgemacht, selbstgewollt, selbstbestimmt. 

Samstag, 1. August 2020

innen - außen

Der erste August. Nationalfeiertag der Schweiz. Der Schweizerinnen. Der Schweizer. Beim Einsingen um Neun (made in switzerland, täglich live - ein echtes Schweizer Qualitätsprodukt) wird natürlich die Nationalhymne angestimmt. Ich habe sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesungen. Tröte hier bei offenen Fenstern voller Inbrunst von den frommen Schweizern und eile danach hinaus in die Welt, ans Meer. Kater bleibt derweil drinnen. Es gelten ab sofort strenge Regeln im Hause Arlt. Ich draußen - er drinnen. Ich drinnen - er draußen.

Freitag, 31. Juli 2020

fremdschämen

Ich stolpere immer wieder über Bibelverse, die in der Tageslosung in meinem Postfach landen als Gottes Wort an diesem Tag. Ich habe Gottes Wörter abonniert zur Schärfung meines Intellekts im sonst so inspirationslosen Alltags in der tiefsten norddeutschen Provinz, die nur durch den rasanten (+/- 20 neue Infektionen pro Tag) Anstieg der Corona-Fälle gerade nationale Berühmtheit erlangt- Heute also dies: 
Du sollst kein falsches Gerücht verbreiten.
2. Mose 23,1

Da fragt sich doch jede/r einigermaßen des Deutschen Mächtige, ob es denn ein richtiges Gerücht gibt?

Mittwoch, 29. Juli 2020

Die Meise

Ungünstige Tide. Ungünstiges Wetter. Wir besingen beim Einsingen den Rege. Also regnet es. Ungünstige vibrations überm Wattenmeer oder unter dem Himmel. Irgendetwas hindert meinen Kater seit ein paar Tagen daran, selbstständig nach Hause zu kommen. Wenn er zum Beispiel Hunger hat. Oder müde ist. Nach dem Regen Rasenmähen. Und Samenfäden zusammenfegen. Unter den Brombeeren finde ich eine tote Meise. Sie ist ganz offensichtlich kein Opfer des Katers, denn äußerlich unverletzt.

Montag, 27. Juli 2020

Falsch abgebogen

Die Irrgäste in der Natur - Zugvögel, Kegelrobben, Zwergwale u.a. - die immer wieder an falschen Orten dieser Erde auftauchen, wo sie meist nicht überleben können, biegen an irgendeiner Stelle ihres Weges falsch ab. Und gehen - fliegen, schwimmen - danach aber solange weiter, wie ihre Kameraden, die nicht falsch abgebogen sind. Das heißt, die Distanz wird eingehalten, aber die Richtung ist falsch.
Herr Rasputin ist irgendwann zwischen gestern und heute auch falsch abgebogen. Er landete bei den Nachbarn. Das ist nicht weiter schlimm und nur zwei Häuser weiter, außerdem stehen wir, wenn etwas ist, in ständigem Kontakt. Ich wusste also, wo er war und machte mir einen halben Tag lang keine Sorgen. Schlimm ist, dass er trotzdem den Heimweg selber nicht mehr fand. Und nun mache ich mir Sorgen.
Er muss jetzt erstmal drinnen bleiben.

Sonntag, 26. Juli 2020

Zeichenlesen

Gegen Mittag kommt mein schwarzer Kater, eskortiert von drei Kindern nach Hause. Das heißt, er kommt nicht, sondern trottet, von den dreien immer wieder dazu aufgefordert, hinter ihnen her und guckt mich dann ziemlich verdutzt an, als ich die Tür öffen. Die Älteste hatte geklingelt. Ich kennen sie, sie hat mir im Mai letzten Jahres geholfen, den verschwundenen Kater ihn zu finden. Er sei nun das erste Mal wieder in ihren Garten gekommen, sagt sie. Und sie habe ihn sofort wieder erkannt und sich an seinen Namen erinnert. Aber ihre eigenen Katzen wollten mit ihm nicht spielen. Herr Rasputin hört sich das alles mit skeptischer Miene an, auf Hygienedistanz, im Gras hockend. Näherkommen will er nicht, Futter von mir auch nicht. Als die Kinder gegangen sind - ich habe ihnen zwei Dosen Bio-Hähnchen und Bio-Kaninchen für ihre gesunden Katzen mitgegeben, die Herr Rasputin eh nicht mehr frisst - schleicht der Kater scheinheilig in die andere Richtung davon.

Samstag, 25. Juli 2020

Hesselesen

Aus meiner Taschenbuchausgabe des "Glasperlenspiels" fällt ein Lesezeichen. Es steckte zwischen den Seiten 436 und 437. Eine Postkarte, die eine niedersorbische Festtracht zeigt. Volkseigener Verlag Domowina Bautzen. DDR 0,20 M. Und handschriftlich, leider undatiert: "Wenn Du ein sorbisches Maiteli wärest und im Auslieferungsverzeichnis stehen würdest ... Ja, dann!"
Am Morgen vorgelesen wurde heute gerade die Sonnabendstory. Der Anfang von Orwells 1984. Ich steige sofort in mein Bücherregal, ziehe zwei Originalausgaben Nineteen Eighty-Four heraus. Die eine, Penguin Book, von vorne bis hinten mit Erklärungen und Anstreichungen versehen. Schullektüre! Vor 1984!
Wenn das so weiter geht ... Ja, dann!
Dann, last but not least, eine Konsternation jagt die nächste an diesem Samstagmorgen, noch die heutige Losung! In welchem Bezug, um Himmels Willen, steht die zur gestrigen?
Gerechtigkeit führt zum Leben; aber dem Bösen nachjagen führt zum Tode.
Sprüche 11,19

Freitag, 24. Juli 2020

Bildschirmlesen

Gestern abend hörte ich einen Bericht darüber, wie die Digitalisierung unser Leseverhalten verändert. Verschiedene "LeserInnen" kamen zu Wort, von der Sprachwissenschaftlerin über einen Drehbuchautor bis hin zum normalen Vater, der seinen Kindern Gutenachtgeschichten vorliest. Ich dachte immer, es sei mein persönliches Problem, dass mich am Bildschrim schnell alles langweilt, dass ich keine Geduld aufbringe für "kilometerlange" (wie ich es nenne) Texte. Ich dachte, das hätte mit meinem Alter zu tun, mit meiner Einsamkeit, mit meinem Alltag in der tiefsten Provinz - und dann noch Corona! Frau wird einfach düddelig. Aber nein, es ist ein gesellschaftliches Phänomen, und dahinter öffnet sich der kulturelle Abgrund: wir verlernen zu lesen, wir verlernen, uns auf mehr als zwei Sätze zu konzentrieren, uns auf einen fiktiven oder sachlichen Text einzulassen, egal wie lang er ist und wovon er handelt. Das Paradebeispiel der Wissenschaftlerin: sie wollte mal wieder Hesses Glasperlenspiel lesen, das sie - wie wir alle! - einst begeistert verschlungen hatte, und sie konnte es nicht! Sie musste erst wieder lernen, über Tage und Wochen, mit geduldigem Meditieren am Morgen, im Dialog mit der Vorsehung und einer Viertelstunde selbstverordnetem absoluten Bildschirmverbot, täglich. Wahlweise zu steigern! Im Gleichklang mit der Anzahl der täglich zu lesenden Seiten auf Papier. Meine Taschenbuchausgabe vom Glasperlenspiel umfasst 613 Textseiten. Das Buch ist bereits etwas vergilbt, jede Seite dünn bedruckt.
Ich werde diesen Test nachmachen und versuchen, von meiner Wohlfühltextlänge loszukommen - siehe heutige Losung:
Erlöse uns von dem Bösen.
Matthäus 6,13

Donnerstag, 23. Juli 2020

Neowise

Neowise ist heute Nacht der Erde am nächsten. Aber der Himmel über dem Wattenmeer ist schon den ganzen Tag zugezogen. Wie die Vorhänge im Chambre Séparée (cabinet particulier). Dieser erst jüngst entdeckte Komet (Schweifstern größeren Kalibers) ist immer noch gute 103 Millionen Kilometer von uns entfernt. Und diese Distanz entspricht, lese ich, gerade mal zwei Dritteln des mittleren Abstands der Erde zur Sonne. Was immer das bedeuten mag. Mein Kater hat das Haus nach Sonnenuntergang verlassen und ist noch nicht wieder aufgetaucht. Also kann ich jetzt getrost schlafen gehen, derweil er bestimmt Sterne guckt.

Mittwoch, 22. Juli 2020

Naseweis

Am Mittag schüttet es gnadenlos vom Himmel. Also kein Schwimmen. Ich frage mich in letzter Zeit öfter mal, welchen Tag wir eigentlich haben. Nicht, dass es irgendeinen Unterschied machte, ob Mittwoch oder Sonntag, früh oder spät, Regen oder Sonne. Ich bin längst vollkommen aus der Zeit und aus dem Universum gefallen. Ich mache dieses Gedankenspiel nur den Farben zuliebe. Grüne Tonne. Blaue Tonne. Schwarze Tonne. Das ist hier die Frage. Meine Edelkastanie fängt an zu samen, dh die Samenfäden abzuwerfen. Oben hängen noch Tonnen. Was schon auf der Straße liegt, fege ich in der Regenpause zusammen und übergebe es der Grauen Tonne. Ganz nebenbei mähe ich auch noch rund ums Haus Rasen, aber da fällt nix an für die Tonne, denn ich mulche. So gesund war der übrigens noch nie.   

Dienstag, 21. Juli 2020

Sehnsucht

Meine Sehnsucht beginnt unter den Fußsohlen, solange ich barfuß unterwegs bin. Und kriecht dann allmählich über die Achillessehne hoch in die Waden, Knie und Oberschenkel, über's Füdli (wie Daniel, der Sonntags-Einsänger es nennt), bis sie endlich im Bauch ankommt. Die Nordsee spüre ich noch Stunden und Nächte später heiß in den Fußsohlen, obwohl das Wasser kalt ist und ich Ganzkörperschwimmen praktiziere. Aber diese Hitze in den Füßen beim Einschlafen ist keine Sehnsucht, sondern die Erinnerung. Und die nimmt die entgegengesetzte Richtung, steigt ab vom Hirn in die Zehen.
Am Deich ist es heute eiskalt. Wir fliehen ins Wasser. Das ist wärmer und noch wilder als der Wind.

Montag, 20. Juli 2020

Neumond

Am Mittag viel Wasser und kein Mensch an der Meldorfer Bucht. Viel kalter Wind von Nordwest. Danach quäle ich mich am Schreibtisch mit meinem literarischen Sehnsuchtsort. Ich verrate nicht, wo er liegt. Er bewegt sich ständig und hat tatsächlich keine festen Koordinaten. Um mich abzulenken lese ich im Briefwechsel Boie (Henrich Christian) - Mejer (Luise). 1777-1785. Im Radio beginnt das unsägliche Sommerfestival. 40 Tage lang, so lange wie die katholische Fastenzeit vor Ostern, oder die "quaranta" - die 40 Tage, die zu Zeiten der Pest Schiffe im Hafen vor Venedig lagen, bevor die Besatzung von Bord und in die Bordelle der Stadt gehen durfte - unsere Quarantäne! So lange wird nun morgens und abends dasselbe vorgelesen. Und das Ganze als wahnsinniges Kulturangebot - in Zeiten von Corona! - verkauft. Ich schalte ab und verziehe mich an meinen Sehnsuchtsort.

Sonntag, 19. Juli 2020

Massenauflauf

Zur Mittagszeit am Mittagstisch Massenauflauf. Frisch aus dem Ofen, noch dampfend. Am Deich und auf dem Weg dorthin. Fahrradtouristen, Familien mit Kind und Kegel, Zelt und Hunden im Gepäck. So viele Köpfe habe ich im Wasser in der Meldorfer Bucht noch nie gesehen. Bedeckter Himmel und frischer Wind. Und immer noch dampft das Gericht! Ein Segelschiff hat seinen Anker geworfen und im Schlepptau Schlauchboote mit tollenden Kindern. An Deck der Rest der Familie bereits beim Nachtisch, schwarzer Kaffee und Sandkuchen. Soviel Übermut ist hier nicht üblich. Ich schwimme mein Dreieck. Das Wasser ist hoch aufgelaufen, die Springzeit hat begonnen, und wird nur langsam ablaufen. Bis dahin bin ich längst wieder zu Hause.

Samstag, 18. Juli 2020

Lavendelkuchen

Ich verzichte auf die Fahrt zum Deich und das Schwimmen, da sich Schwindel meiner bemächtigt. Mein Kreislauf erträgt die Hitzeschübe und stotternden Hochsommertage schlecht. Also sammle im Garten im Schatten Lavendelblüten ein, wasche Wäsche und sauge Staub. Mische die Zutaten für den Kuchen ganz für mich allein und denke, es dürften doch mehr lila Blüten in den zitronengelben Teig. 

Freitag, 17. Juli 2020

Kein Regen

Und fast windstill. Ein Hochsommertag am Deich. Sonnenhungrige schon am Vormittag. Die Strandkörbe stehen im vorgeschriebenen Abstand und desinfiziert in Reih und Glied. Die Dusche hingegen ist dem Rost am Fuß erlegen und umgekippt. Jemand sagt, das seien die Vandalen gewesen. Auch das Tor, das die Schafe daran hintern sollte, unseren sauberen Strandabschnitt zu betreten, hängt schief in den Angeln. Schafe sind allerdings weit und breit keine zu sehen.

Donnerstag, 16. Juli 2020

Endlich Ruhe

Morgenschwimmen. Statt Einsingen. Seit die Bojen wieder den Bereich markieren, in dem wir schwimmen dürfen, kann ich mein Dreieck schwimmen. Ich kann es auch ohne Bojen schwimmen, laufe dann aber Gefahr, aus dem Ruder zu geraten. Wie auch immer. Endlich Ruhe und die Bohrinsel zum Greifen nahe. Kaum Wind. Kaum Menschen. Kaum Wasser. Nipptide. Aber immer noch genug, um zu schwimmen. Kaum Sonne. Wilde Wolken über der Meldorfer Bucht und Schwarze Wolken im Osten über dem Meldorfer Dom.

Mittwoch, 15. Juli 2020

Schlechtes Timing

Oder "Verheerende Taktung" wie die Nationalparkverwaltung meldet. 3 Spitzentiden im Frühjahr, Tief  Ela im Mai, und Sturmtief Verena Anfang Juli brachten für viele Brutvögel einen "Totalausfall". Die Taktung von Hochwasserständen, Landunter und Starkwindereignissen hätten verheerender nicht sein können, sagen die Biologen. Einerseits wurde die Brutsaison verzögert, andererseits dann bereits flügge Küken oder ganze Gelege weggespült. Betroffen sind vor allem Seeschwalben, Austernfischer und Lachmöwen. Letztere hatten schon im letzten Jahr kaum was zu lachen. "Populationsbiologisch" dramatisch seien schlechte Bruterfolge in mehreren Jahren hintereinander.

Dienstag, 14. Juli 2020

Schlechtes Wetter

Gestern habe ich die 5000 km - Marke geknackt. Ich habe leider vergessen, wann der Zähler auf Null stand. Vor ein, zwei Jahren vielleicht. Heute Dauerregen. Also kein Schwimmen, aber trotzdem den ganzen Nachmittag unterwegs. Bin gerade klatschnass nach Hause gekommen. Und hab den Kater überall gesucht. Er kann bei dem Wetter doch nicht draußen sein! Bis ich ihn unter der Bettdecke entdecke. Zum Trost nun ein besseres Bild.

Montag, 13. Juli 2020

Schlechtes Bild

Halbmond. Nippzeit. Manchmal gibt die Welt oder geben wir Menschen ein schlechtes Bild ab. So wie oben ist die Stimmung in der Meldorfer Bucht heute beim Schwimmen. Ruhig. Absolutes Nichts. Zwar Hochwasser. Kaum Wind. Kaum ein Mensch. Die Strandkörbe stehen alle im vorgeschriebenen Abstand von 5 Metern. Leer! Milde Abendsonne. Ich schwimme zur Boje und zurück und schieße in mein Handtuch gewickelt, splitternackt, ein schlechtes Bild. Ziehe mich an, schwinge mich auf mein Rad und fahre nach Hause zurück. Die Rückseite des schlechten Bildes ist mein Hausschlüssel, der ganze Schlüsselbund, den ich außen an meiner nicht verschlossenen Haustür habe stecken lassen, statt mitzunehmen - weil der Kater mich im allerletzten Moment ablenkte. Weil er plötzlich so todtraurig schien, dass ich wegfahre. Und ich ihm gut zureden musste. Er hat sich dann in der Tat vor die Tür gelegt und nicht von der Stelle gerührt, bis ich wieder komme. Jeden Dieb, jeden Einbrecher hätte er erfolgreich davon abgehalten, die Schwelle überschreiten oder auch nur über seinen Kopf hinweg nach meinem Schlüsselbund greifen zu wollen.

Sonntag, 12. Juli 2020

Kurzes Ende

der Schwimmpause. Die Polen wählen einen neuen Präsidenten. Ganz egal, wer es wird, er wird einen schweren Stand haben in einem zutiefst gepaltenen Land. Daran hat der bisherige Präsident einen großen Anteil, aber vor allem ein kleiner grauer Mann ohne Rückgrat hinter seinem Rücken, der sein persönliches Leid auf die Menschen - ja die Menschen, auf den sich die Politiker immer wieder berufen, die Menschen in unserem Land wollen dies oder jenes - seines Landes überträgt. Ich schwimme in der Nordsee mit angenehm kühlem Wind. 

Samstag, 11. Juli 2020

Langer Atem

Ich lese endlich das Lesebuch von Corinna Bille zu Ende. Ich las brav von vorne nach hinten. In der sogenannten Coronakrise. Verdammt zu homeworking. Wunderte ich  mich das eine und andere Mal in meinem sonnigen Garten über die Wucht blutrünstiger Szenen im Wallis. Bis ich heute im "biographischen Nachwort" die Erklärung für das andere und eine Motiv finde. Entrüstet, dass ein (alter) Mann sich zum Biograph dieser Frau aufschwingt! Statt schwimmen mähe ich in einer Regenpause mulchend Rasen rund ums Haus und freue mich über das satte Grün.

Freitag, 10. Juli 2020

Überrand

Der Überrand ist das Produkt eines Schreibfehlers. Passt aber wie angegossen auf das Wetter und das Primärdünenfeld. In der Zeitung lese ich, dass die Schweizer Regierung Masken aus alten Beständen, die zu Beginn der Corona-Krisa als Soforthilfe abgegeben wurden, wegen Schimmelpilzbefalls zurückruft. Das ist der Überrand einer hochzivilisierten Gesellschaft, ihres Zeitgeistes und Krisenmanagements: nun wird untersucht, woher die Verunreinigungen stammen.

Donnerstag, 9. Juli 2020

Regen

Ich traue meinen Augen nicht, was da den ganzen Vormittag vom Himmel fällt. Und höre zum dritten Mal Lukas Bärfuss' "Traum nach Corona", weil erstens der Text mit einer miserablen Körperhaltung eingesprochen wurde (vom Autor selbst - ich sehe seine Haltung, auch wenn er meint, beim Radio kommts nicht drauf an ob im Schlafanzug oder mit Krawatte), zweitens gerade deshalb an gewissen Stellen akustisch kaum verständlich ist, und drittens, weil ich einfach nicht glauben will, dass dem mittlerweile bereits abgelösten Büchnerpreisträger nix Gscheiters partpout nicht einfallen wollte. Ich schalte ab und begebe mich nun literarisch auf mein Primärdünenfeld. 

Mittwoch, 8. Juli 2020

Sonne

Ein Hochsommertag. Aber der Kater braucht Zuwendung. Also Tierarzt statt schwimmen. Seit zwei Tagen bereite ich Herrn Rasputin verbal (mit ständigen Einflüsterungen) und emotional (Notfalltropfen im Futter) auf unseren Fahrradausflug nach Nindorf vor. Und ich vertraue meinem Untermieter, der nach langen Regentagen den heute überraschend warmen Mittag natürlich draussen im Garten verbringt, dass er nicht wegläuft. Sondern sich, wenn die Zeit gekommen ist, einstellt und, ungern zwar und erbärmlich jaulend, in seinen Transportrucksack packen lässt.
Vor langer langer Zeit schilderte ich einer Freundin, Hundehalterin, unsere Hausordnung. Der Kater macht was er will, die Klappe ist immer offen, er kann kommen und gehen, wann immer er muss oder Lust auf Abwechslung verspürt, Futter steht rund um die Uhr bereit, denn er ist untergewichtig und frisst gerne im Vorbeigehen kleine Portionen über den Tag und die Nacht verteilt. Wichtige Termine wie Tierarztbesuche hält er zuverlässig ein, obwohl sie für ihn mit Stress verbunden sind. Vorausgesetzt natürlich, er ist informiert.
Die Hundehalterin sagte: das könnte ich nicht haben. Ich muss wissen, was in meinem Haus geschieht. Wer wann zum Essen kommt. Wer wann schlafen geht. Ich entscheide über Lichterlöschen, Spaziergänge und Futtermengen!
Hundehalter sind Herrenmenschen. Auch Frauen. Katzenhalter sind Vertrauensselige. Auch Männer. Hundehalter üben Macht aus und wollen sie (die Macht) kontrollieren. Katzenhalter glauben an das Große Ganze und lassen es (das Große Ganze) geschehen. 

Dienstag, 7. Juli 2020

Regen

Pünktlich zum Hochwasser - wir haben Springzeit und viel Wasser - kommt der Regen. Also siesta statt schwimmen. Ich träume von der Dynamik der Außensände. Der Norderoogsand wird bald (= in 20 bis 30 Jahren) schon die Vogelhallig Norderoog mitsamt Vogelwart, falls der nicht rechtzeitig das Weite sucht in dieser endlosen Weite, unter sich begraben. Das ist unbestritten und in Simulationen in Laboren und an Bildschirmen bereits mehrfach geschehen. Dasselbe wird wahrscheinlich irgendwann, aber in einer ferneren, noch nicht greifbaren Zukunft, mit Süderoog passieren. Die Hallig wird überrannt vom Außensand. Falls sie nicht vorher von der Nordsee verschlungen wird. Der Japsand ist der kleinste der drei Außensände und der dynamischste. Wie bei Geschwistern. Der Kleinste will natürlich die Älteren aufholen. Oder überholen. Es könnte also sein, wenn der Japsand an Volumen gewinnt, wenn von Sylt der ganze teuer aufgespülte Sand für die Hamburger mit einem Handschlag wieder abgetragen wird, dass Hooge eines Tages im Sand versinkt.

Montag, 6. Juli 2020

April

Wetter wie im April. Nicht einmal der Mond war in der Nacht zu sehen. Kein Sonnenaufgang. Kein Sonnenuntergang. Finster und nass überall. Sehr stürmisch. Der Kater kommt mehrmals verregnet nach Hause. Will aber immer wieder raus. Hitzkopf! Gröde meldet nach dem gestrigen heute bereits das zweite Sommerlandunter.

Sonntag, 5. Juli 2020

Vollmond

Regen. Sturm. Drinbleiben. Ich werde heute ein paar Tausend Mails aufräumen. Und verloren gegangene Bilder suchen. Und vergessen gegangene Geschichten entsorgen.

Samstag, 4. Juli 2020

Caspar

Die Lesung im Schuhcafé Caspar in  Huttwil ist nun definitiv abgesagt. Wie alles derzeit. Wer in der Nähe wohnt und nicht aus einem Krisengebiet anreist und zuerst in Quarantäne - Selbstisolation ist das Zauberwort der Zeit - geschickt wird, kann trotzdem mal vorbeigucken. Die neuen Schuhe, wie meine Schuhfrau mitteilt, haben viel weiße Kreuze (ordentlich über Kreuz in die Löcher eingefädelte Schuhnestel). Ich verbringe den Sommer am Wattenmeer und kümmere mich um meinen kranken Kater. Und fange etwas Neues zu schreiben an! Jetzt.

Freitag, 3. Juli 2020

Nordsee

Endlich. Nach Tagen der Abstinenz. Und trotz Wolken und auflandigem Wind: Nordsee. Wie ich sie liebe. Stürmisch. Am Mittag. Der Deich menschenleer. Fast. Bei dem Wetter wagen sich nur Altgediente ins Wasser. Auf dem Rückweg herrlicher Rückenwind. Ich erledige meinen Coronabedingten Wocheneinkauf, für dem Wochenmarkt bin ich zu spät, nehme vom Wochenangebot Rasendünger und die neuesten Lieblingsleckerlis meines Hauskaters mit. Der Regen klopft mir auf die Schulter, während ich meine wohlverdiente Siesta mit Rasputin auf der Gartenbank abhalte. Den Dünger verteile ich am Abend während einer Niederschlagspause. Das reicht an Gutem für heute.

Donnerstag, 2. Juli 2020

Felsenbirne

Die Felsenbirne ist schon seit Tagen voller reifer Früchte. Nun wirft sie bereits massenhaft gelbe Blätter ab. Während die Früchte dunkler werden, süßer, reifer. Herbst und Sommer zugleich. Nicht einmal die Vögel machen sich mehr die Mühe, die winzigen Marzipanfrüchte zu verspeisen. Ich ernte ein Kilo und verarbeite es, das kostet mich den halben Tag. Mähe Rasen und sammle unter dem Apfelbaum die vom Sturm heruntergefegten frühreifen Äpfel auf. Das kostet mich den anderen halben Tag. Zum Schwimmen hatte ich einfach keine Zeit.

Mittwoch, 1. Juli 2020

Fieber

Ein fiebriger Vormittag. Ich fürchte, dass nun alles zusammenbricht. Sichere meinen Text im Viertelstundentakt. Überprüfe die Häufigkeit von Wörtern wie "hingegen", "heute", Mensch" oder "paarungswillig" (da liefere mir mal einer ein Synonym). Eliminiere im letzten Moment alle "Boten"(-stoffe) weil auf der vorletzten Seite der eine und einzige Bote endlich auftritt. Nachdem ich mir mit diesem Text jahrelang träge und rege Zeit gelassen habe, sind nun die letzten Minuten kaum auszuhalten. Ich zittere und rühre mich nicht von der Stelle aufmeinem Wackelstuhl mit Rollen, da ich nicht sicher bin, ob ich nicht auf dem Weg zum Wasserkocher die Treppe hinunterfalle. Und mir das Bein oder das Genick breche.

Dienstag, 30. Juni 2020

100

Gerade eben ist das einhundertste Einsingen um 9 zu Ende gegangen! Seit einhundert Tagen werden wir täglich um 9 von drei Profis im Wechsel eingesungen. Seit einhundert Tagen genießen Tausende von followern oder usern eine halbe Stunde täglich hygienisches Ein- und Ausatmen, lautstarkes Silbentraining und Tonspiel ohne jede Tröpfengefahr oder Aerosolbelastung. Absolut coronafree! Die Nachbarn, die sich über den lauten Gesang jeden Morgen wundern, machen mittlerweile auch mit. Und so rollt die Welle der Einsingensen um den Erdball. Ich bin jeden Tag seit einhundert Tagen um halb zehn total happy! Ich glaube, ich hatte es schon mal erwähnt: von mir aus kann das ewig so weitergehen.

Montag, 29. Juni 2020

Chronobiologie

Die Zeit des zu Ungünstigen. Das Morgenbhochwasser ist zu früh und das Abendhochwasser zu spät. Das Wetter zu unbeständig. Die Winde zu kapriolisch. Meine Gedanken zu unstet. Das Fortkommen zu stolpernd. Noch immer zuviele Steine im Weg.
Die Vorsehung aber hat vorgesehen, dass ich bis zur Jahresmitte, also bis morgen um Mitternacht meinen Jahrhunderttext abschließe. Nun denn: gut anderthalb Tage habe ich noch. Und heute und mindestens zwei Stunden durch die ungünstige Tide gewonnen. Vielleicht habe ich auch noch viel mehr Zeit, je nachdem, in welchem Erdteil die Vorsehung sitzt und ob sie nach Sommer- oder Winterzeit tickt. Ob sie nach circanualer oder circalunarer Rhytmik lebt, oder in der circadianen, ultradianen oder infradianen feststeckt.

Sonntag, 28. Juni 2020

Nippzeit

Ich komme nur stockend voran mit den Korrekturen. Es regnet und regnet nicht. Ist schwül. Der Kopf schwer. Abkühlen will es nicht.

Samstag, 27. Juni 2020

Kopfschmerz

Der Computer kommt zurück, völlig clean und jungfäulich. Nett! Aber anstrengend. Muss wieder das MS-Blau vertreiben. Gegen Abend sind Gewitter angesagt. Pünktlich zur Flut fällt tatsächlich Regen. Die ganze Igelfamilie versammelt sich nach Sonnenuntergang - da ist es bereits wieder trocken, so aufgeheizt war die Atmosphäre, dass das wenige Wasser vom Himmel sofort verdampfte - in meinem Garten zum Abendessen. Und ich beziehe mit dem Kater das Tatamizimmer. 

Freitag, 26. Juni 2020

Hitzetag

Ich fahre zum Schwimmen und dann bei der Nachmittagshitze noch über Helmsand nach Hause. Wegen Wind. Durch die Stadt in das Nahversorgungszentrum. Kaufe Eis am Stil. Mein neuestes Lieblingsfutter. Und für Herrn R. Nierennassfutter. Hab ich es schon gesagt, dass mich der Verlust aller Hooge-Fotos frei macht? Einfach frei.

Donnerstag, 25. Juni 2020

Sommernacht

Es ist so warm in der Nacht draußen, und immer noch so still, dass ich auf den Sommerschlafsack umstellen muss. Herr Rasputin ist sehr unruhig draußen in der Nacht draußen. Er will einerseits in meiner Nähe sein und lauert andererseit natürlich auf alles,was sich rundum bewegt. Schwimmen fällt heute aus. Gestern war das Wasser so warm, kaum auszuhalten.

Mittwoch, 24. Juni 2020

Sternenhimmel

Hab zum ersten Mal draußen geschlafen. Musste lange den Himmel und die Sterne betrachten. Lange auf die überwältigende Stille hören (warum eigentlich? Hier ist es immer still), bis ich endlich in traumlosen tiefen Schlaf gefallen bin. Geweckt hat mich die innere Uhr eine Stunde nach Sonnenaufgang. Und dann hab ich die letzte Seite geschrieben. Einfach so. So einfach.

Dienstag, 23. Juni 2020

Fischsterben

Bei uns sind keine toten Fische zu sehen. Aber von Otterndorf, Cuxhaven über SPO bis Sylt wurden tonnenweise tote junge Heringe, Aale, Störe, sogar ein Schweinswal, Stinte, Finte angespült - und bereits wieder weggespült. So ist das im Tidenbereich. Alles kommt und geht. Die Algen blühen noch lange nicht. In der Meldorfer Bucht sind die Wassertemperaturen gerade so traumhaft und die Hochwasserzeiten so ideal, dass reger Badebetrieb ist.

Tonnenweise junge Heringe, Stinte, Finten, tote Aale und sogar Schweinswale und Störe werden an der Nordseeküste angespült.


(Quelle: www.wetter.d

Tonnenweise junge Heringe, Stinte, Finten, tote Aale und sogar Schweinswale und Störe werden an der Nordseeküste angespült.


(Quelle: www.wetter.de)

Montag, 22. Juni 2020

Geburtstag

meines Meisters und seiner Tochter. Er wäre 94 geworden und es ist ihm zu gönnen, dass er die letzten 5 Jahre nicht mehr erleben musste. Nicht in Polen und nicht in der diesseitigen Welt. Wieder wabert der Nebel aus den Feldern und der Miele, kaum ist die Sonne untergegangen. Als ob schon Herbst wäre. Ich fröstle, kaum hat der Sommer offiziell angefangen.

Sonntag, 21. Juni 2020

Neumond

Nach der Wende kommt das Neue. Die lichtlose Nacht. Ich habe schlecht geschlafen und bin vor dem Wecker aufgestanden. Ich arbeite nun schon drei Stunden erfolgreich. Mein Fenster geht nach Osten. Dorthin, wo gestern die Flugzeuge flogen.

Samstag, 20. Juni 2020

Sommersonnenwende

Die Sonne über dem Wattenmeer ging um 22 Uhr unter. Ich stand mitten in der Marschkammer und betrachtete den noch frischen Abendhimmel. Über dem Farbspektakel lag ein waagrechter Strich. Von einem silbernen Bleistift gezogen. Oder dieser Bleistift selbst. Die Flugzeuge fliegen wieder. Alle in die selbe Richtung. Der Sommer beginnt aber erst jetzt. Unglaublich viel Feuchtigkeit hat sich seit dem Sonnenuntergang auf meinen Garten herabgesenkt, so dass ich beschließe, nicht draußen zu schlafen.

Freitag, 19. Juni 2020

Ballastfrei Zwo

Ich habe alle Fotos der letzten Jahre verloren. Aber das ist nicht weiter schlimm. Ballast abgeworfen. Leid tut es mir nur um einige Japsandimpressionen. Vor dreizehn Jahren, als ich zum ersten Mal Daten vermeintlich durch eine kaputte Festplatte verloren habe, stellte sich später heraus, dass ich etwas ganz anderes verloren habe und die Festplatte intakt ist. Nun frage ich mich natürlich den ganzen Tag schon, was gestern über mich gekommen sein mag, von dem ich noch nichts ahne. Ich putze das Fenster über meinem Schreibtisch für den besseren Durchblick. Die heftigen Gewitter haben uns umschifft. Für die nächsten Tage ist kein Niederschlag zu erwarten.

Donnerstag, 18. Juni 2020

Verzögerung

Bin geschwommen in der herrlichen Nordsee. Durch die Felder über Elpersbüttel nach Hause geradelt. Hab den Kater gut behandelt. Zwei lange Telefonate geführt. Und wollte arbeiten, längst fällige Mails schreiben. Ein neues Formular herunterladen. Anfragen beantworten. Meinen Stellvertreter und das Amt usw. ... Dann - zum zweiten Mal in meinem Leben: ein Computer, der keinen Wank mehr tut, wie die Schweizer zu sagen pflegen. Der von mir verlangt: "Reboot and Select proper Boot device". Ich bin auf der drittletzten Seite eines Textes, den ich - dem Himmel über'm Wattenmeer sei's gedankt - auf dem anderen, meinem Schreibcomputer heut Nacht zu Ende schreiben wollte. Leider ist der Moment zur Fertigstellung dieses Textes noch nicht gekommen. Also. Nochmals Verzögerung. Erstmal schlafen.

Mittwoch, 17. Juni 2020

Artenschutz

Ich, die Verweigererin, hatte auf dem Fahrrad gesehen, wie vor Pfingsten im Speicherkoog (Naturschutzgebiet, Vogelreservat, Froschwanderwege usw) die Kameras in den Büschen installiert wurden. Und natürlich hab ich keinem was gesagt. Ich merke ja täglich, wie viele Autofahrer sich nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten. Gefühlt 9 von 10. Nun steht in der Zeitung, dass an einem Tag von 1.183 gemessenen Fahrzeugen 81 zu schnell fuhren, die meisten im "Verwarnungsgeldbereich", an einem weiteren Tag von 610 immerhin 67 und es wurden 9 Fahrverbote verhängt.

Dienstag, 16. Juni 2020

Ruhe

Ich verzichte aufs Einsingen live. Das Wasser lockt. Windstille wie sie stiller nicht geht. Ich schwimme mein imaginiertes Dreieck, frühstücke am Deich und fahre meine neue Runde zurück. Einige Schafe stolpern vor Helmsand über die Deichsteine. Sie haben sich von der Herde auf dem Grasdeich absentiert, ganz im Sinne von neuesten Hygienemaßnahmen. Und warten darauf, dass das Wasser verschwindet. Damit sie sich im Watt suhlen können.

Montag, 15. Juni 2020

Ballastfrei

Montag. Wieder ein Wochenbeginn. Das Wasser kommt ungünstig. Am Morgen zu früh und am Abend zu spät. Einmal im Monat ist das so. Ich räume mein Telefon auf. Über 8000 WhatsApp-Nachrichten! Videos. Fotos. Man stelle sich mal vor, was facebook damit anstellt! Bei Telegram kann ich einstellen, dass die Nachrichten nach einem Tag, einer Woche oder einem Monat gelöscht werden. Automatisch. Aus den Augen aus dem Sinn. Ich lösche alles auf einen Schlag und ohne das leiseste Bedauern.

Sonntag, 14. Juni 2020

Frische

Es regnet tatsächlich in der Früh! Wie erquickend. Ein kurzes Gewitter und ein tropfnasser Kater steht plötzlich unter der Tür. Guckt mich vorwurfsvoll an.

Samstag, 13. Juni 2020

Ethanol

Samstag der Dreizehnte! Eine Hiobsbotschaft jagt die nächste: Schweizer Winzer, lese ich, müssen Millionen Liter hochpreisigen Wein vernichten. Weil das Wetter zu gut ist. Weil die Leute zuwenig trinken. Weil die Weinkeller vom letzten Jahr noch bis oben voll sind. Weil es keine Abnehmer gibt in Zeiten von Pandemien. Und wenn es doch welche gibt, zahlen sie nicht.
Das Virus sei aber nur der Tropfen, der das Fass buchstäblich zum Überlaufen bringe, sagen die Rebbauern. Es fehle im Land eine Vision für den Schweizer Wein! Die Krise ist schon älter. Die Ernten seit Jahren zu reich. Und die Schweizer Weintrinker greifen immer lieber zu billigeren ausländischen Flaschen.
Hilfe kommt von oben. Der Bund reicht die Hand, einer der 7 Bundesräte ist selbst Winzersohn. Mit 10 Millionen Schweizer Steuerfranken unterstützt die Regierung die Weinproduzenten: mit diesem Obolus soll der hochwertige Spitzenwein der letzten Jahre vernichtet werden, zu Tafelwein deklassiert, beigemischt zu Fertigfondue oder Fertigsuppen, oder zu Putzessig verwandelt. Die Weinkantone geben auch noch ein paar Millionen dazu. Und weil gerade Desinfektionsmittel knapp sind, werden die überflüssigen Edeltropfen nun dazu verwendet, leergelaufene Ethanollager aufzufüllen. Dies sei sinnvoller, meinen die Verantwortlichen, als den Wein in die Rhone zu schütten.

Freitag, 12. Juni 2020

Umweltstabil


In auftauenden Permafrostböden lauern ungeahnte Gefahren. Nicht nur in Sibirien, wo bereits Menschen an längst ausgerotteten Krankheiten sterben - weil die alten Erreger auftauen. Auch in den einst vergletscherten Alpen. Oder irgendwo. In Grönland, wo unter dem Eis alte Kadaver liegen. In Gebieten, wo einst Menschen begraben wurden, die an Krankheiten starben. Auf ganz normalen Friedhöfen. Auf plötzlich neu spießendem Rasen. Viren, sagen die Virologen, sind eher ungefährlich, weil die das neue Klima nicht ertragen und schnell absterben. Aber Bakterien sind widerstandsfähig. Antrax-Sporen zum Beispiel, seien "umweltstabil".

Donnerstag, 11. Juni 2020

Die Geschwätzigkeit

Ich werde geschwätzig. In einen Laden geh ich nicht mehr, weil da neuerdings gelüftet wird. Und zwar so, dass die Frischluft von außen angesogen wird über der Stelle unter der die Mitarbeiter immer draußen zum Rauchen stehen. Jemand erzählt, dass der Kiosk hinterm Deich Getränke ausschenkt, aber die Toiletten unter Verschluss hält. So dass alle Badegäste in die Büsche gehen. In der Gehstrasse gibt es ein Geschäft, das seine Kundentoilette den Kunden nicht anbieten darf, weil sie an ein hauseigenes Belüftungssystem angeschlossen ist. Freiluftaktivitäten sind erlaubt. Gestern lieferte ich mir auf dem Heimweg vom Deich ein Rennen mit einem E-Bike-Fahrer. Bei scharfem Nord-Ostwind. Natürlich habe ich gewonnen! Zur Belohnung hat jemand meine verlorene Ghana-Mütze um ein Büschel Grashalme am Wegesrand gebunden. Am Ortsaus- oder eingang, an der Hafenchaussee kurz vor Mannheim. Ich hatte auf dem Hinweg nicht bemerkt, dass mir die Mütze nicht vom Kopf sondern aus dem Korb geflogen war. Ich hatte sie leichtsinnigerweise des Windes wegen ins Badetuch gesteckt. 

Mittwoch, 10. Juni 2020

Die Offenbarung

Márton Illés, Komponist. Pianist. Musiker. 1975 in Budapest geboren. Sagt, seine Musik sei nicht narrativ. Auch wenn er ein Stück für ein Quartett schreibe - das klassischerweise ein "Gespräch zu viert" ist - erzähle er nicht und nichts. "Aneinandervorbeireden kann auch Musik sein", sagt der Musiker. Und: seine Musik sei etws Körperhaftes. Eine "psychophysikalische Offenbarung".
Warum ist die zeitgenössische Literatur so elendiglich beschränkt auf ein Erzählen auf Teufel komm raus? Altmodisch, langweilig, Verschnitt von bereits gesagtem, bereits gelesenem, bereits geschriebenem. Nur, um ein uninspiriertes Lob der Kritik einzuheimsen. "Ein schönes Buch", "ein schöner Roman". Ich kann es nicht mehr hören! Am Morgen wird diese Woche noch vorgelesen "Die rechtschaffenen Mörder" von Ingo Schulze. Ich raufe mir Tag um Tag die Haare. Und hüpfe fröhlich auf meinem Trampolin herum. Nächste Woche wird alles besser!

Dienstag, 9. Juni 2020

Der Widerspruch

Die Tageslosung heute: "Du sollst nicht stehlen." (2. Mose 20,15)
Frappierend in dieser Schlichtheit.
Ich war schon oft versucht, gerade in den letzten einsamen Wochen (auch wenn das absurd erscheinen mag, aber ich ertrug diesen frommen Quatsch in diesen unfrommen Zeiten überhaupt nicht!), diesen "Dienst" - das tägliche Auffinden von Losung und Lehrtext im Postfach - abzubestellen. Wenn aber so etwas überraschend Einfaches am Morgen aus dem Kasten kommt, bin ich wieder froh, diese Nachrichten, das "Wort Gottes" für den betreffenden Tag, noch nicht übern Jordan geworfen zu haben. 
Der Lehrtext zur Losung übrigens lautet heute: "Niemand suche das Seine, sondern was dem andern dient." (1. Korinther 10,24)
Losung und Lehrtext stünden in einem gewissen Zusammenhang, erklärte mir einst eine Theologin. Oft verstehe ich diesen Zusammenhang noch weniger als die Texte selbst. Auch heute stehen die beiden Bibelverse für mich eher im Widerspruch zueinander als im Zusammenhang. Ausserdem vermisse ich, wie so oft, eine gewisse sprachliche Sorgfalt, grammatikalische Kongruenz, rechthaberische Korrektheit. Niemand suche das Seine ... hebt einer mit erhobenem Zeigefinder an zu sprechen. Warum fährt er nicht fort: ... sondern, [Komma] was dem anderen diene.

Montag, 8. Juni 2020

Ozeane

Welttag der Ozeane. Ich schwimme in der Nordsee. Der Deich ist leer. Der Wind kommt kalt von West. Schafskälte, sagte kürzlich eine Schwimmerin, sage der, der im Fernsehen immer das Wetter ansage. Sie wusste sogar seinen Namen.
Während ich mich schon anziehe, kommt tatsächlich eine zweite Schwimmerin. Sie sagt zu mir: "Wenn alle sich verweigern, müssen wir uns nicht wundern, wenn immer mehr Geschäfte in der Gehstraße schließen."
Ich höre einen Vorwurf. Und ich friere, weil ich mich nicht bewege. Verweigerung im Kontext von gelockertem Lockdown ist ein erstaunliches Wort. Mich verstört es wie einst die Entzerrung. Ich verweigere mich, ja, dem Fernsehen, dem Auto, dem Fleisch. Um nur einiges aufzuzählen. Bin ich also schuld daran, dass es bergab geht in diesem Land mit dem Gemetzel in den Schlachthöfen und einer ekelhaften Gammelfleischindustrie? Muss ich mich tatsächlich anfeinden lassen, weil ich jeden Tag mit dem Fahrrad an die Nordsee fahre und nicht mit dem Auto durch den Speicherkoog (= Naturschutzgebiet, Weltnaturerbe) brettere ungeachtet aller Krötenquerungshinweise und Tempoobergrenzen?
Ich verweigere mich nicht der Meldorfer Innenstadt. Ich habe dort bloss gerade nichts zu tun. Aber ich habe Besuch. Und die Gäste gönnten sich ein Eis. Im Lieblingseiscafé gab es keinen Kaffee und das Eis wurde nur draußen serviert, aus Pappbechern und mit Plastiklöffel. "So macht das keinen Spass", sagten meine Gäste gestern in meinem Garten, wo es Kaffee zu trinken gab. Aus Porzellantassen.
Ich muss fahren, entgegne ich am Welttag der Ozeane schlotternd mit weichen Knien an Deich und verweigere mich einer weiteren Diskussion über die Konsumverweigerung in Corona-Zeiten.

Sonntag, 7. Juni 2020

Das Glas

Mein Glaswasserkocher will nicht mehr Wasser kochen. Ich habe ihn liebgewonnen, weil ich die Temperatur wählen kann für mein Teewasser. Nicht immer muss ein Wasserkocher Wasser kochen. Er ist bunt. Gibt Leuchtsignale. Bei 60° grün, bei 70° blau, bei 80° gelb, bei 90° lila, bei 100° feuerrot! Auch die Farben habe ich, selbstredend, liebgewonnen. Ich denke längst nicht mehr über Wassertemperaturen nach nach dem Aufstehen, sondern steuere blind meine Lieblingsfarbe an.
Das ist geblieben. Die Farben geben unverdrossen ihr Signal. Ich kann sie alle der Reihe nach anwählen. Auch gibt der Wasserkocher nach wie vor Geräusche von sich. Piepst, wenn ich ihn auf den Stromsockel stelle, sowie bei jeder Berührung des Bedienfelds. Also hat er Saft. Trotzdem will er nicht arbeiten.
Ich nehme an, es verhält sich so wie bei meiner high-tech-Hausundhofheizungsanlage. Die funktioniert bei aller elektronischen finesse nicht mehr, wenn der Außenfühler (ein kleines, gut verpacktes Teil an der Hauswand) versagt und die Außentemperatur als fake übermittelt. Wenn mitten im Winter draußen plötzlich 50° Celsius plus herrschen, hört natürlich die Heizung im Haus auf zu heizen.
Ich nehme an, dass der Temperaturfühler im bunten Glaswasserkocher defekt ist, ein kleiner Metallstift, gut sichtbar in den Boden des Heizfeldes eingelassen, sichtbar gut gepflegt, entkalkt und glänzend. Natürlich ist im Unterschied zum Außenfühler eines "Ferraris unter den Heizungsanlagen" (Zitat Schornsteinfeger) der Temperaturfühler eines Glaswasserkochers wahrscheinlich nicht austauschbar. So etwas nennt die Wirtschaft - oder die Literatur "geplante Oboleszenz":
"... eine den Umsatz steigernde Strategie der Hersteller, welche die Lebensdauer der Waren konzeptionell verkürzt, Verschleiss begünstigt und Ersatzteile überteuert oder gar nicht mehr anbietet." (judith arlt, friedas gangarten, S. 77)

Samstag, 6. Juni 2020

Die Glocke

Weil Pfingsten auf das Monatsende fiel, kam der monatliche christliche Kirchenbrief der Hooger Kark mit einem Pfingstgruß. Das ist nun schon ein paar Tage her. Eine ganze Woche, genaugenommen. Und die ganze Woche lässt mich die Frage nicht los, wie der Pfingstgruß der Hooger Langzeit-Interimspastorin-Prädikantin zu verstehen ist - siehe Zitat am Ende dieses Posts. Und da mir heute den ganzen Tag nur Schlagwörter wie Rassismus, Kolonialismus, Feminismus, Diskriminierung, Hass, Gewalt usw entgegenschlagen, werfe ich diese mich nachhaltig verstörenden Zeilen nun mitten hinein in den immensen Gärtopf der Rede- und Meinungsfreiheit:

"Ich hoffe, es geht allen gut. Bis jetzt uns auch, aber wer weiß, was kommt.
Denn seit dem 18. Mai ist jede Ferienwohnung belegt, verschiedene Arbeitertrupps sind hier, in der Woche auch Tagestouristen.
Das alles müssen wir erst einmal verdauen, es war so schön unter unserer Glocke!"

Freitag, 5. Juni 2020

Vollmond

Schon wieder! Mein Kater geht seit ein paar Nächten auf Streifzüge. Hat den Wintermodus endlich hinter sich gelassen, die Winterdepression, die Wintermüdigkeit. Ruht unten auf den Tatamis, näher an der Klappe, näher am Futternapf, näher am Designerklo. Schwarzer kleiner Teufel! Angeblich todkrank und schon ein Greis. Kommt kurz rein, um zu fressen, zu trinken und das Hausklo zu benützen! Und trabt zufrieden von dannen. Heute musste er am frühen Abend tief und fest schlafen, um rechtzeitig zur Mondanbetung wieder munter zu sein.

Donnerstag, 4. Juni 2020

Tian'anmen

31 Jahre sind eine lange Zeit. Und das Vergessen schreitet voran. Unaufhaltsam. Natürlich habe ich die Bilder von damals immer noch im Kopf vom Platz des Himmlischen Friedens. Ich haben ihn Ende Mai 1989 verlassen und bin in die Transsib nach Westen gestiegen. Ich habe nicht gesehen, was danach geschah. Da muss ich mich auf die Bilder anderer verlassen. Meine eigenen und nicht eigenen Bilder trügen. Und das Gedächtnis sowieso.

Mittwoch, 3. Juni 2020

Mittzeit

Der erste Sommertag. Hochbetrieb am Deich. Alle sind wach geworden. Am Abend soll die Herrlichkeit schon wieder vorbei sein. Gewitter und Starkregen.

Dienstag, 2. Juni 2020

Blauzeit

Immer noch Nipptide. Aber nachlassender Wind. Das Wasser ist absolut still. Reglos. Nur ich bin da. Die Nordsee geht am Horizont in den Himmel über. Oder umgekehrt. Glasklare Sicht. Die Bohrinsel zum Greifen nah. Aber die Schleierwolken verschleiern das Wasser. Fallen in die Sicht. Trüben die Klarheit. Ich knipse mit dem Smartphone unzählige Male und kein einziges Bild wird scharf. Also lasse ich das unvergessliche Blau, packe die Ruhe in meinen Fahrradkorb und fahre mit ihr nach Hause. Setze mich auf meinen ferrararoten Wackelhocker und arbeite. 

Montag, 1. Juni 2020

Die endliche Qual

Zum Monatsbeginn: Igor Levit spielte von Samstagnachmittag bis Sonntagfrüh 840 Mal Erik Saties Vexations. Wie vom Komponisten vorgegeben:
Um dieses Motiv achthundertvierzigmal zu spielen, wird es gut sein, sich darauf vorzubereiten, und zwar in größter Stille, mit ernster Regungslosigkeit.
Angeblich (natürlich nicht, siehe Halberstadt und John Cage's Orgelkomposition 2 ASLSP - As Slow aS Possible, die voraussichtlich im Jahr 2640 zu Ende sein wird) das längste Stück der Musikgeschichte. Vielleicht das längste Klavierstück. Gerade mal eine Seite lang, aber 840 mal zu repetitieren! Im Livestream. Alle konnten und können zusehen. Zuhören. Kommentieren. Wie der Pianist angeblich sich quält (ich denke, er ist in seiner Bestform) und die 840 Notenblätter abarbeitet, eines nach dem anderen zu Boden wirft. Gut, dass diese Aufführung nach wie vor im Netz zu sehen und zu hören ist. Und schade, dass das Vergängliche unvergänglich wird. Aber der Pianist braucht Zeugen für seinen Akt.

Sonntag, 31. Mai 2020

Unendlich

Das Unendliche nimmt heute seinen unerbittlichen Lauf. Fuchtsteufelswilde Böen aus Nordwest rauben mir alle Sinne. Die Welt ist nicht untergegangen, aber Christo lebt nicht mehr. Seine Verpackungskunst nannte er "total irrational und sinnlos" - aber sie gab ihm und seiner Frau Jeanne Claude die Möglichkeit, "an Orte, die so viel reicher sind als die Kunstwelt oder die Galerie oder das Museum" zu kommen. "Ein Abenteuer, sehr aufregend und töricht." Soviel zum Monatsende.

Samstag, 30. Mai 2020

Der Tunnel

Endlich. Auch das. Das Buch steht seit Jahren auf meiner to-read-Liste. Corona sei Dank! Eine seltsame "Utopie" aus dem Jahr 1913 - Bau eines transatlantischen Eisenbahntunnels. Geschrieben hat Herr Kellermann - was für ein sprechender Name - wahrscheinlich in den Jahren 1910-1912. Was für eine plakative Ansammlung von Baumaterial, Maschinen, Tempo, Menschen, Massen, Frauen, Kapital, Medien und "amerikanischem" Geschäftssinn. Anhäufung von Wörtern, die sich in den Schlund unterm Meeresgrund ergießen - bis zur Katastrophe, dann bekommt alles umgekehrte Vorzeichen. Ich fahre zum Abendbaden und komme halbtot vor Erschöpfung zurück. Und muss noch den Bambus wässern!

Freitag, 29. Mai 2020

Ganztonleiter

Diese  Damen, die unermüdlich täglich uns einsingen, kommen auf immer neue Ideen. Heute die Ganztonleiter. Simpel, aber für mich neu. Sie hat natürlich einen Ton weniger als die "normale"- Musikunterricht-, Schulbuchtonleiter. Also nicht 8 sondern nur 7. Weil zwei Halbtöne infolge der Ganztonschritte zu einem Ton zusammenfallen. Warum das nicht immer so ist? Denke ich und versuche auf dem ganzen Weg zum Deich und wieder zurück diese so ungewohnten Tonschritte auf dem Fahrrad zu gehen. Das Hirn ist hartnäckig, zäh, hängt am Alten, Gewohnten. Das Wasser übrigens wie immer mild. Der Deich wie neu: ausgesperrte Schafe, Duschen, Mülleimer, Treppengeländer. FKK-Schilld. Wir dürfen nun also nackt in die Nordsee.

Donnerstag, 28. Mai 2020

Sonnenaufgang

Die Sonne am Wattenmeer hat die 5-Uhr-Marke geknackt. Sonst alles beim Alten. Schwimmpause. Garten. Schreibtisch. Wackelhocker. Beim Aufstehen tut mir alles weh von den Zehen bis zum Halswirbel. Muss so sein.

Mittwoch, 27. Mai 2020

Feldblicken

Trotz heftigem Wind muss ich ans Wasser. Manchmal geht es einfach nicht anders. Die Nordsee gehört mir allein, weil ich etwas verspätet eintreffe. Der Gegenwind. Das letzte Stück steige ich mit dem Fahrrad unterm Arm übern Deich.
Und dann überwinde ich mich aus Vernunft und fahre zum Einkaufen in unser sogenanntes Nahversorgungszentrum. Ein Graus! Noch immer bereitet mir Einkaufenmüssen größtes Unbehagen. Ich brauche nur Weidemilch. Und nehme Klopapier mit. Wenn ich schon da bin und meine triefende Nase bedeckt halte. Ich treffe meine junge Nachbarin, Mutter von sage und schreibe 4 Kindern. So sieht ihr Einkaufswagen aus. Und eine Schwimmerin, die mich darauf aufmerksam macht, dass fast keine Autos auf dem Parklatz stehen. So etwas sehe ich nicht, sage ich. Ich sehe Autos nie. Ich weiss nicht, wann oder ob Parkplätze voll oder leer sind.
Ob die nun alle zum neuen Lidl an der B5 fahren? fragt sie.
Ich habe keine Ahnung. Antworte ich. Und schaue mich erstaunt um. Auf dem großen weiten Feld, das nicht meins ist.

Dienstag, 26. Mai 2020

Singen

Lassen. Das (eigene) Singen lassen. Oder (Andere - die Konserve, das Radio, spotify oä) Singen lassen. Denn singen macht neuerdings krank. Bisher machte es gesund und glücklich. Wahrscheinlich weil die Baptisten gemeinsam sangen, infizierten sich am Wochenende über hundert Gläubige. Deshalb haben wir hier im Norden nach wie vor Probenverbot. Auftrittsverbot, auch in den Gottesdiensten. Aufführungsverbot. Wir halten und daran und singen - der harte Kern von knapp 2000 Goldkehlchen - täglich um 9 mit Barbara, Julia oder Daniel im livestream. Jede/r mehr oder weniger allein bei sich zu Hause vor dem Bildschirm. Da können wir spucken und pusten so viel wir wollen. Das ist lustig und tut gut.
Hier schon mal der link für morgen:

Montag, 25. Mai 2020

Blickfelder

Die Bachstelzen sind wieder da. Und um die Futterhäuschen tobt ein erbitterter Kampf. Die Amseln kommen nicht ran und warten darauf, dass Stare, Meisen und Spatzen vor Aufregung die Hälfte der Körner fallen lassen. Ich fülle die offenen Futterstellen nicht mehr, da sich dort von Hasen über Eichhörnchen bis hin zu Mäusen alle bedienen. Kürzlich hockte ein flugunfähiges Elsternkind im Rasen. Zum Glück schlief Herr Rasputin oben auf meinem Schreibtisch. Wir haben Arbeitsteilung. Am Vormittag gehört der Schreibtisch mir, am Nachmittag ihm. Die Elsterneltern scheuchten mit lautem Geschrei alle andern Gartenbewohner weg. Und erteilten mit pädagogisch fragwürdigen Methoden (Dozieren, Liebesentzug, Hackattacken) ihrem Nachwuchs stundenlang erfolglos Flugunterricht. Ich weiß, dass man Fliegen nicht im Sitzen im nassen Gras erlernt. Aber auf mich hörte niemand. Irgendwann hob die Mutter das Küken auf das Dach der Nachbarn und aus meinem Blickfeld heraus.

Sonntag, 24. Mai 2020

Schlatt

Immer noch Sturm. Kalt und kaum Sonne. Wackelhockerwetter. Schlatt ist auch so ein aus dem Universum gefallenes Wort, über das ich seit Tagen, Wochen und Nächten nachdenke. Auf oder in der Geest liegen Schlatts "wie Augen". Lese ich. Gefüllt mit Himmelswasser. Und im Gebirge? Wie Wimpern. Sage ich. Poetisch ausgetrocknet und grasüberwachsen. Mit buchtigen Übergängen zum Wald. Wenig strukturiert. Vorderschlatt und Hinterschlatt sind Glarner Schafalpen. So steil, dass sich dort kein Rind, keine trächtige Kuh bewegen kann.

Samstag, 23. Mai 2020

Gartenarbeit

Wind zieht auf. Nach dem gestrigen Regen ist das Gras noch einmal ein paar Zentimeter in die Höhe geschossen. Also mähen. Statt schwimmen. Die Böen kommen eh von West, Nordwest bis zu Bft 7. Statt Fahrrad Rasen. Nach der Mittagspause. Nach der Morgenarbeit auf dem ferrararoten Wackelhocker, der pünktlich zur Sitzprobe bei mir eingetroffen ist. Statt Singprobe. Beim Einsingen um 9 hab ich gelernt, dass nicht alle Kuckucks in Terzen rufen. Manche tun es in Quarten.

Freitag, 22. Mai 2020

Neumond

Regen zieht auf. Gestern waren am Deich die Dithmarscher Väter anzutreffen. Einer stieg sogar vorsichtig bis zu den Waden ins Wasser. Und sagte zu mir "das ist ja der einzige Ort, wo wir Einheimische heute hinkönnen." Ja ja, Büsum, SPO, Eiderstedt, Husum, die nordfriesischen Inseln und Halligen wollen keine Tagesgäste. Auch das mondäne Sylt nicht! Ich habe erst auf dem Heimweg verstanden, was der Dithmarscher mir eigentlich sagen wollte. Dass ich mit meiner Schnauze in der Meldorfer Bucht nichts zu suchen habe. Am liebsten hätte er mich wohl rausgeprügelt. Aber dazu hätte er ein paar Schwimmzüge machen müssen. Alles neu macht der Mai.

Donnerstag, 21. Mai 2020

Vatertag

Wer mag eigentlich noch Fleisch essen? Dieses ekelhafte Produkt von unglücklichen, gequälten Tieren, tellerfertig, grillfertig geschnitten von unglücklichen, gequälten Menschen in Schlachthöfen, in denen man nicht weiß, wer schlachtet und wer geschlachtet wird. Frauen sind dort kaum anzutreffen. Alle sind krank. Schlächter und Geschlachtete. Krank vor Angst, Wut und Stress. Vor Erniedrigung und Demütigung. Moderne Sklaverei in der Fleischindustrie. In der Lebensmittelindustrie. Wie übrigens auch in der Pflegeindustrie. Wo Männer kaum anzutreffen sind, es sei denn als Händler, Halter, Vermittler. Auf die Herren des Tages!

Mittwoch, 20. Mai 2020

Endlich ...

... wieder am und im Wasser! Trotz Wind! Kalt aus Nordwest. Herrlich vor dem Herrentag, einsam und mild. Nur am wolkenlos blauen Himmel lange spitze schneeweiße Nadeln. Sie fliegen wieder!

Dienstag, 19. Mai 2020

Die Namensbasen

Kürzlich, es geschah am 1. April diesen Jahres, bekam ich eine Mail, in der mir von einer kirchlichen Organisation in Leipzig bestätigt wurde, bei welcher Tagespflegeperson ich mein Kind anmelden könne. Ich fragte nach, ob das ein Aprilscherz sei und auf welch wundersamen Wegen das Büro - Scherz hin oder her - an meine Mailadresse gekommen sei. Es war kein Aprilscherz, sondern eine Verwechslung. Meine Leipziger Namensvetterin hat eine ähnliche Adresse wie ich - um zwei Zahlen ergänzt, die beim Tippen der Mail vergessen gingen. Hmmm ...
Seit ein paar Tagen grüsst mich im Live-Chat beim Einsingen um 9 immer eine Frau, die ich nicht kenne. Auf meine Frage, ob wir uns kennen, antwortete sie kurz und bündig mit "jo" und dem geheimnisvollen Wort "Trager". Ich schrieb ebenso kryptisch zurück: "Friedaschuhe?" Mit Fragezeichen. Beim Live-Einsingen um 9 versammeln sich mittlerweile fast zweitausend chorprobenlose Sängerinnen und Sänger aus aller Welt.  Im Chat geht es entsprechen wild zu und her, drunter und drüber. Ein Dialog ist da nicht möglich und Schweizerinnen, scheint mir, können mich in diesem Umfeld nur über Friedas Schuhe kennen. Ich googelte die Sängerin, fand sie im Netz mit Foto und Kontaktdaten und verfasste eine ordentliche Anfrage per Mail. Wieder eine Verwechslung. Ich habe eine Namensvetterin in Zürich.
Wer in die Sammlung meiner Namensbasen aufgenommen werden möchte, melde sich bitte hier.

Montag, 18. Mai 2020

Der Sitzhocker

Montag. Neue Woche. Neues Glück. Lockerungen hin oder her. Ich habe mir für mein professionelles Stubenhockerleben einen neuen Hocker bestellt. Ohne Rückenlehne, ohne Armlehnen, ohne Kopfstütze. Aber für ein aktives Sitzen in drei Dimensionen, das die Konzentration fördern soll, die Versorgung des Hirns mit Sauerstoff, die Durchblutung der Beinvenen, die Stärkung der Faszien usw. In Ferrararot. Zwei Wochen zum Testen. Weil ... na ja. Der Wackelhocker kostet tatsächlich mehr als ein Trampolin. Oder ein Tierarztbesuch. Aber weit weniger als ein Besuch bei einem Menschendoktor mit all seinen therapeutisch unvermeidlichen und nachhaltigen Folgen. Der Orthodpäde, den ich vor über zehn Jahren wegen meiner Rhizarthose aufsuchte, sagte damals: operieren! Ehe er meinen Daumen und das Sattelgelenk eines Blickes würdigte.

Sonntag, 17. Mai 2020

Der Lesestein

Der Lesestein hat nichts mit lesen zu tun, nichts mit Schrift, nichts mit Papier  oder Tinte. Lesesteine, Lesesteinwälle, Lesesteinhaufen, Lesestein(trocken)mauern sind mittlerweile geschützte oder schützenswerte Klein- oder Groß-Biotope. Einst angelegt zur Gewinnung von Kulturland in steilen Lagen. Damit die Bergbauern überleben konnten auf ihren steinreichen Alpen, sammelten sie in mühsamer Handarbeit alles ein, was unaufhörlich von den Bergen herunterrollte oder im Boden nachwuchse. Auf-lesen oder ab-lesen. Alles ohne Lupe. Mit gekrümmtem Rücken. Am Feldrand aufschütten.
Lesesteinwälle sind den Bergbauern ungefähr das, was den Koogbauern die Lahnungen.

Samstag, 16. Mai 2020

Der Bann

Es ist immer noch kalt. Nach-Eiszeit. Immer noch viel zu viel Wind. Das Morgenhochwasser immer noch sehr niedrig. Also kein Schwimmen. Sondern Rasenmähen. Ich stehe immer noch unter dem Eindruck von BWV 183 "Sie werden Euch in den Bann tun". Eine weitere One-Man-Show (mit Gehülfen, die nicht alle hülfreich sind) der Bachstiftung St. Gallen. Wieder mit Hinweisen auf Orgelschuhe.

Freitag, 15. Mai 2020

Sophie

Schon wieder Nippzeit. Abgesehen davon, dass die Tide äußerst ungünstig ist (HW 07:22 - da müsste ich jetzt schon losfahren - und 20:41), das Wetter widerlich (Regen!), der Wind heftig (Windböen aus West, Bft 7), die Lufttemperatur gerade noch im einstelligen, für den Rest des Tage im knapp zweistelligen Bereich vorhergesagt (10-11°) - abgesehen davon läuft auch kaum Wasser auf zum Morgenhochwasser (wir steuern mit halber Kraft auf Neumond zu), so dass ich gar nicht richtig schwimmen, sondern höchstens wadenhoch Wasser treten könnte. Die kalte Sofie treibt mich an den Schreibtisch und das ist gut so!

Donnerstag, 14. Mai 2020

Bonifatius

Bonifatius ist der Wohltäter, einer, der gutes Geschick verheißt. Damit ist meine Weisheit auch schon am Ende. Warum er einer der Eisheiligen ist, weiß ich nicht, auch nicht, für welche Bereiche menschlichen Leidens er zuständig ist. In welchen misslichen Situationen wir ihn anrufen und Hilfe oder Beistand erbitten oder einfordern können. Mich treibt es zum Sonnenuntergang hinaus in die Feldmark an die Südermiele. Ich trage einen Wollschal, Handschuhe und Mütze und singe meinen Abendsegen mit klappernden Zähnen. Ich bin nicht in der Lage, mein Smartphone aus der Jackentasche zu ziehen und das Feuer am Himmel zu knipsen.