Sonntag, 11. April 2021

Weißer Sonntag

Die am Ostersonntag Neugetauften durften früher - ja wann? In der frühen Kirche! - in der Woche nach ihrer Taufe nicht baden und trugen die weißen Taufkleider bis zum ersten Sonntag nach Ostern. Deshalb wird der heutige Sonntag heute noch Weißer Sonntag genannt. In oder von der katholischen Kirche. Die Evangelische Kirche nennt ihn Quasimodogeniti (quasi modo geniti infantes- wie die neugeborenen Kindlein). Dass katholische Kinder am Weißen Sonntag das erste Mal die Heiligen Kommunion empfangen, das nach der Taufe zweite Initiationssakrament, Erstkommunion als Erneuerung der Taufe, soll ein Schweizer Brauch sein. Das war mir damals, vor gefühlt hundert Jahren, festlich ausstaffiert mit zurechtgeschneiderten Resten des Hochzeitskleides unserer Mutter, natürlich nicht bewusst. Wer in starre Traditionen hineingeboren wird, kann sich lange Zeit kaum, manchmal auch seiner Lebtag nie vorstellen, dass die Welt anderswo anders funktioniert.

Unsere Mutter wäre heute 95 Jahre alt geworden. Sie ist am ersten Sonntag nach Ostern, am Weißen Sonntag oder Quasimodogeniti - quasi modo geniti infantes! - geboren worden. Vor 95 Jahren verhielt sich am und im Himmel alles exakt so wie im Jahr 2021. Vollmond, Ostern, die wunderliche Auferstehung nach einer fragwürdigen Verurteilung und brutalen Bestrafung. Die Osteroktav oder Weiße Woche ging schon damals mit dem 11. - ihrem Geburtstag - zu Ende. Und schon damals lag der 31. März - der Todestag ihrer Erstgeborenen - außerhalb des Leidenstriduums. 

Unsere Mutter ist vor fünfeinhalb Jahren gestorben. Wenige Monate vor ihrem 90. Auch meine letzte Glarner Tante ist letzten Herbst wenige Monate vor ihrem 90 gestorben. Dieses Zeitmuster gehört wohl zu dieser Generation von Frauen. Meine Schwester hingegen hat, Patriciahighsmithähnlich, wenig Zeit gehabt, ein Leben ohne Mutter zu leben. Aber vielleicht wollte sie das gerade nicht?

Samstag, 10. April 2021

Ostersamstag

Heute ist der letzte Tag, an dem ich noch verreisen könnte. Nur auf Sparflamme. Mit dem deutschen Personalausweis. Den Deutschen Pass hat mir die Dame im Amt kürzlich, als ich einen neuen beantragte, kurzerhand mit der Schere entwertet. Obwohl er bis heute noch gültig gewesen wäre. Ich kam gar nicht auf die Idee, darauf zu bestehen, dass sie bitte einen noch nicht abgelaufenen Reisepass nicht vernichten möge. Es fiel mir nicht im Traum ein, dass ich aus der norddeutschen Provinz abberufen werden könnte.

Die neuen deutschen Ausweise bekomme ich in zehn Tagen. Alles eingefädelt und festgezurrt, mit bestätigtem Abholtermin. Auch der Gang ins Rathaus ist mittlerweile eine Reise, die beantragt und genehmigt werden muss. Also zehn homedays, mehr als die Osteroktav. Splendid ... was auch immer. Marvelous isolation. Gorgeous privacy. Sumptuous grounding.

Der Schweizer Pass und die Schweizer ID sind seit Jahren verfallen. Sie würden mir wahrscheinlich derzeit die Einreise in die Schweiz erleichtern. Obwohl hüben wie drüben, gehupft wie gesprungen, geimpft oder ungeimpft, vor unnötigen Reisen gewarnt wird. Ob ein Begräbnis eine Reise nötig oder unnötig macht, weiß ich nicht. Und ob ich am offenen Grab überhaupt vorgesehen bin? Unlikely! 

Idealerweise wäre ich als Schweizerin in die Schweiz eingereist und als Deutsche nach Deutschland zurückgekehrt. Aber das sind nun reine Albtraumtänzereien.

Freitag, 9. April 2021

Osterfreitag

Ja, die Osterwoche dauert immer noch an. Sie ist länger als jede andere Woche des Jahres. Die Osteroktav hat, wie der Name sagt, 8 Tage und alle acht, nicht nur die beiden Sonntage, der eine am Anfang, der andere am Ende dieser Woche, stehen im Rang eines Hochfestes.

Jeder Tag ein Fest. Mancherorts auch verkürzt als Triduum, drei Tage nach Ostern reicht zur Feier der Auferstehung. Auferstehungstriduum - in Entsprechung zum Leidenstriduum. Drei Tage Leiden vor Ostern reicht ja auch. Partnerarbeit wie auf der Wippe. Jedes Hoch - Runter braucht den Gegenpart Runter - Hoch, fördert den Gemeinsinn, den Gleichgewichtssinn und den Koordinationssinn.

Wir am Wattenmeer haben jeden Tag April. Schnee. Regen. Sturm. Sonne. Hagel. Schnee. Orkan. Regen.

Donnerstag, 8. April 2021

Osterdonnerstag

Es schneit immer noch. Aber für den Sonnenaufgang - und für mich! - macht sich der Himmel jeden Morgen frei. Ganz nach der heutigen Tageslosung: "Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt." ( 1. Mose 3, 10) - den Rest verschweige ich mit unversteckter Absicht.

Die Blutpflaume blüht. Die Tomaten wachsen wild auf der Fensterbank. Der Kater schläft zufrieden, er beansprucht nach dem Frühstück keinen andern Platz als den auf dem Sofa.

Mittwoch, 7. April 2021

Ostermittwoch

Lehrtext für den heutigen Tag: Segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen. (Lukas 6,28)

Dem heutigen "tap bulletin" - das ich, wie die Losungen, online abonniert habe zu dem einen Zwecke: täglich emotionslos informiert zu werden, dort über Bibelsprüche, hier über Todesfälle im Umkreis von 15 Kilometern meines Geburtsortes - entnehme ich, dass meine Schwester bereits vor einer Woche, an dem Tag, als ich übermütig in der Nordsee anbaden war, gestorben ist. Es ist wie bei den Inzidenzen und Infektionen: über die Feiertagen wird weniger getestet und später gemeldet. 

Nun hat also die Erstgeborene sich als erste auf den Weg dort hinüber gemacht, sich bestimmt bereits zu den anderen gesellt, auf diesem düsteren, nun für immer in der Vorosterzeit eingefrorenen Familienporträt, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt, auf dem keine Rehabilitierung der virides möglich ist, das vor dem Triduum Sacrum steht und keine Fußwaschung kennt, kein letztes Abendmahl, kein Leiden, kein Ostern, keine Auferstehung, keine Vergebung!

Dienstag, 6. April 2021

Osterdienstag

Mit Schnee. Die Sonne ging an einem im Osten klaren Himmel auf. Im Norden stand noch blass der halbe (abnehmende) Mond. Im Westen die Wolken, eine gewaltige Wand, leuchteten kurz in allen die Sinne betörenden Farben. Seit der Zauber vorbei ist, herrscht Krieg. Über unseren Köpfen Schneetreiben. Hagel. Sturm. Regenschauer. Windböen um Bft 7. Peitschen an die Fenster und über die Dächer. Der Rasen wechselt von grün auf weiß, die Osterglocken von gelb auf weiß. Das Eis auf dem Gartentisch kämpft mit der Sonne. Immer wieder mit der Sonne. Versuche der Demut. 

Hans Küng ist tot. Der katholische Theologe, der sich seit Ende der 1970-er Jahre so nicht mehr nennen durfte, hat mich trotzdem, auch ohne die kirchliche Lehrerlaubnis, damals schon überzeugt, dass ich in dieser Kirche nichts mehr suchen, nichts mehr finden werde.

Montag, 5. April 2021

Ostermontag

Mit Regen. Der Kater kommt hungrig und durchnässt nach Hause. Er will zuerst Futter. Und dann die Fellpflege. Der Wettergott regelt die Osterruhe besser als alle Virologen, Infektiologen, Politologen, Anthropologen, anders, quer oder kopfüberdenkende.