Samstag, 8. August 2020

nebligtrüb - blutrot

Die kühlste Stunde des Tages ist vor Sonnenaufgang. In der Feldmark liegen die Morgennebel und ich sichere mir das erste und einzige Frösteln des Tages! Was für ein wunderbares Gefühl! Kein Mensch weit und breit! Und dann steigt die Sonne blutrot über eine imaginierte oder tatsächliche Waldgrenze am Kanal im Ostnordosten. Ich kann aus Rücksicht auf meinen Mitbewohner, der aus gesundheitlichen Gründen Hausarrest hat, nicht im Garten schlafen. Aber ich kann pendeln in die Feldmark von Sonnenuntergang zu Sonnenaufgang.

Freitag, 7. August 2020

wahr - unwahr

Natürlich war ich gestern schwimmen. Natürlich hab ich gestern Kuchen gebacken. Manche mögens heiß. Natürlich ist längst nicht alles wahr, was ich hier schreibe. Ich kann es nicht oft genug betonen. Trotzdem neigen viele Lesende lieber dazu, an das geschriebene Wort zu glauben. Das ist einfach einfacher. Natürlich hat mich gestern der aushäusige Kater wieder auf Trab gehalten, so sehr, dass ich mir überlegen muss, wie unser Zusammenleben weitergeht. Heute fahre ich nicht zum Deich, weil ich die Strecke bei der Hitze nicht überleben würde. Heute treten wir, mein Kater und ich tatsächlich nicht vor die Tür. Denn auch er, der untergewichtige, urämische Untermieter würde seine stundenlangen Streifzüge durch die Gärten der Nachbarn nicht überleben. Sondern verdursten. Austrocknen. Verlorengehen. Ich halte zu unser beider Wohl alle Türen und Fenster geschlossen. Aber mein gezähmtes Haustier ist eine ständige Herausforderung. Es ist ihm tatsächlich im Laufe des heißen Tages mehrmals gelungen, unauffindbar im Innern des Hauses zu verschwinden und nicht auf meine Lockungen, schmeichelnden Rufe, mit oder ohne Futter zu reagieren. Herr Rasputin ist stinksauer, dass seine Klappe zu ist.

Donnerstag, 6. August 2020

schnell - langsam

Ich tauche plötzlich ab und ein ins letzte Jahr des letzten Jahrhunderts. Das mag nun in der Zeitrechnung des Universums korrekt sein oder nicht, spielt keine Rolle. Wichtig ist das Tempo, nicht die Distanz. Aus heutiger Sicht scheint mir jenes Jahr vollgepackt gewesen und in Windeseile vergangen - und vergessen! jenes Fußbad so mutterseelenallein, an einem Ort, an dem heute niemand mehr alleine seine Füße badet oder fotografiert. Damals hatte ich nicht die leiseste Ahnung, dass ich einst unweit der südlichen Grenze Dänemarks leben, die Meldorfer Bucht lieben und im Dithmarscher Watt auf der Stelle treten werde. Heute aber gehe ich nicht einmal vor die Tür. So heiß ist es. Die Luft brennt auf der Haut.

Mittwoch, 5. August 2020

oben - unten

Ich steige auf den Dachboden. Ich räume auf. Trage Dinge nach oben, die noch nicht nach unten können. Unten ist die Ebenerdigkeit. Dort stehen, draußen, im Schatten des Hauses und der Blutpflaume, die Mülltonnen. Einen Keller gibt es zum Glück nicht. Aufräumen - dieses nach oben oder unten tragen von Dingen - ist so etwas wie das Auffüllen von Zwiespalten. Der Blick in Abgründe. In längst Vergessenes. Natürlich bin ich auch auf der Suche. Das ist die Zwiespältigkeit. Ich möchte wissen, wann ich in Grenen am Strand entlang lief bis zum nordöstlichsten Punkt Dänemarks, wann ich im Badeanzug ganz allein dort im Wasser stand, wo die Wellen der Nordsee von der einen Seite an die Wellen der Ostsee von der anderen Seite schlagen, ohne sich zu vermischen.

Dienstag, 4. August 2020

heiß - kalt

Das Leben in Quarantäne ist schwierig. Vor allem an einem heißen Sommertag. Vielleicht ist es auch Hausarrest. Oder Ausgehverbot. Solange mein nierenkranker Kater den Eingang durch die Katzenklappe nicht mehr findet oder - aus welchen Gründen auch immer! - nicht mehr benützen mag, steht ihm diese kleine quadratische Öffnung auch nicht mehr als Ausgang zur Verfügung. So einfach ist die Logik der Menschen. Aber Herr Rasputin ist kein Mensch und schaut mich herzerweichend vorwurfsvoll an. Ich tröste ihn den halben Tag und fahre eine Stunde zu spät an den Deich. Aber es ist Springzeit und immer noch viel Wasser da. Viel Wolken, kaum Leute. Ich tröste ihn weiter die ganze Nacht hindurch. Leider weiß ich, wo dieses Drama enden wird - in meinem Garten! - und da läuft es mir kalt übern Rücken.

Montag, 3. August 2020

hell - dunkel

Ich kann leider Nachrichten nicht mehr hören, wie der Schulbeginn im Lande, in den Landen!, vonstatten gehen soll. Ich mag nicht einmal mehr das Wort Mund-und-Nasen-irgendwas hören, weil angeblich das Wort "Maske" geschützt ist. Oder Pflicht sei. Was auch immer. Ich habe zu beiden Seiten meines Grundstücks, im Süden und im Westen, Nachbarinnen, die gerade ein Kind einschulen. Auf den anderen beiden Seiten, im Westen und im Norden, führt zwei Straßen mit zwei Namen vorbei. Der Wind ist den ganzen Tag scharf und kalt. Ich ware trotzdem im Wasser. Am Deich kein Verweilen. Der Mond wird am Abend voll. Die Sonne geht später unter. Der Himmel färbt sich blutrot und der Mond lässt wie immer auf sich warten und verwandelt dann doch die Nacht zum Tag.

Sonntag, 2. August 2020

laut - leise

Bei uns am Wattenmeer geht es gesittet zu und her. Wenig Leute am Deich, aber fast alle davon im Wasser. Die Dusche am FKK-Strandabschnitt ist wieder montiert und funktioniert. Aus der Schweiz höre ich Echos wie vom Krieg, der die ganze Nacht getobt habe. Das ist wie alles andere auch: selbstgemacht, selbstgewollt, selbstbestimmt.