Donnerstag, 14. Januar 2021

Atemweg

Auf dem Wege des Atems. Herr Caruso ist für mich immer noch ein Mysterium. Manchmal, wenn er gefressen hat, liegt er schwer und matt an seinem Lieblingsplatz, weiterhin vor der Küchentür, in seinem warm ausgepolsterten Nest. Und atmet so laut und so tief, dass ich mich schon erschreckt habe. Ein Brummen, ein Stöhnen, ein Murren und Wälzen von wunderlichsten Tönen oder Steinen auf und ab der Abwege des Atems. Dabei scheint er vollkommen wohlauf zu sein. Sein Appetit ist ungebrochen. Wirklich satt ist er wahrscheinlich nur in dem Moment, in dem er seine Portion vertilgt hat und anfängt, sich zu putzen, eh er sich zum Schlafen hinlegt und sein Atem seltsame Wege in das Innere der Seele oder des Magens nimmt.  

Mittwoch, 13. Januar 2021

Atemlähmung

Neumond. Der erste des Jahres. In den letzten Nächten wurde es in der Tat immer dunkler, während sich die Tage nur zögerlich in die Länge ziehen. Ich lese in stockdunkler Nacht, dass Forscher bei der Braunen Nachtbaumnatter eine neue Fortbewegungsart entdeckt haben. Bislang sind Biologen davon ausgegangen, dass Schlangen - im Gegensatz zu Menschen - vier Arten der Fortbewegung beherrschen: kriechen, schlängeln, seitlich winden und über die Ziehharmonikatechnik vorwärts oder aufwärts kommen. Nun gibt es die fünfte: die Lassobewegung. Das ist schon erstaunlich - und wohl auch anstrengend: den eigenen Körper zu einem Lasso zusammenbinden und ihn aus eigener Kraft an einem Hindernis hochschwingen. Wie so oft fanden die Wissenschaftler, was sie gar nicht suchten. Sie wollten nämlich Vögel auf Guam vor dem Aussterben schützen, befestigten Nistkästen auf Metallröhren und stellten das Ganze mittels Kameras unter Rundumbeobachtung. Auf den Videos ist zu erkennen, wie es der Braunen Nachtbaumnatter gelingt, die Eier oder bereits geschlüpfte Küken trotzdem zu erreichen. Haben die Röhren einen Durchmesser von weniger als 15 Zentimeter, überwinden sie die Schlangen mit der Ziehharmonikatechnik. Mit dem vorderen Körperteil suchen sie Halt und ziehen den Rest nach. Sind die Pfähle dicker, umspannt sie die Schlange mit ihrem Körper, bindet Hinter- und Vorderteil zu einer Schleife zusammen, wie der Mensch den Bändel an seinem Schuh, und ruckelt sich dann, gebunden und geschliffen Millimeter um Millimeter hoch. Der Hunger muss groß sein, denn die Schlange verbraucht mehr Energie beim Ergreifen der Beute als die Beute selbst ihr zurückgibt.

Auch Strommasten erklimmen die Braunen Nachtbaumnattern. Sehr zum Leidwesen der Inselbewohner. Denn es kommt immer wieder zu Kurzschlüssen und Stromausfällen. Aber dann sind auch die invasiven und gefräßigen Nattern tot. Vom Stromschlag getroffen, an Atemlähmung krepiert.

Dienstag, 12. Januar 2021

Atemluft

Heute ein bisschen Sonne. Aber keine Klarheit. Ich schneide endlich die jedes Jahr wildwuchernde Clematis von der Hauswand. Sie ist längst ausgedorrt, dachte ich,jedesmal, wenn ich die Haustür aufschloss. Nun, bei näherer Betrachtung mit der Gartenschere saehe ich aber, dass sie im trockenen Inneren überall schon zu sprießen anfängt. Anfang Januar! Trotz Kälte und Wind! Verwöhnt von der Nähe zum Haus, geschützt vom üppigen Rhododendron. Es tut mir ein bisschen leid um die hoffnungsfrohen, frischen, jungen, grünen Triebe. Aber das Letztjährige muss einmal radikal weg und an die kahle Wand will ich einen kleinen Nistkasten nageln, der schon lange bereit steht. Für die Zaunkönige! Diese Vögel sind mindestens so klug wie ich und wissen, dass die Clematis sie schnell überwuchern und ihren Nachwuchs schützen wird. Nur muss ich einmal den richtigen Moment an der frischen Luft erwischen und in einer Sturm- und Drangpause mit Bohrer auf die Leiter steigen, zwei Löcher in die Wand bohren, zwei Schrauben eindrehen und den Königspalast in luftiger Höhe (nicht höher als 2 Meter) freigeben.


Montag, 11. Januar 2021

kurzatmig

Wir können einen kurzen oder langen Atem haben. Viel oder wenig aushalten. Zufällig und absichtslos bin ich im Netz - wo denn sonst, heutzutage? - auf die wohl seltsamste Todesanzeige gestoßen, die ich je gelesen. Der Verstorbene lebt seit fast 7 Jahren nicht mehr, er wird es mir verzeihen, dass ich in meiner Bestürztheit zitiere: "Leider holten ihn die Nöte seiner Kindheit ein und verdüsterten seine letzten Jahre." Was heißt das? Warum schreiben Kinder so etwas über ihren toten Vater? Oder hat er es selbst geschrieben?

Ich weiß, dass er Asthmatiker war. Viel mehr weiß ich nicht. Ich habe ihn vielleicht ein Vierteljahrhundert vor seinem Tod das letzte Mal gesehen. Ich weiß, dass er immer eher kurzatmig war, langsam, nie abgehetzt, schon mal keuchend oder pfeifend.

Das Netz, übrigens, ist auch ein seltsames Wort. Voller Löcher. Voller Luft. Voller Leere.

Sonntag, 10. Januar 2021

atemverschlagen

Wenn es mir den Atem verschlägt, bin ich noch lange nicht atemlos oder leblos. Sondern nur ("nur"?!) sprachlos. Vor Begeisterung oder Entsetzen. Freude oder Trauer. Gut und Bös. Auch die Sprache lebt vom Atem. Meine Sprache lebt von meinem Atem. Poetischer ausgedrückt: vom Odem. Von der küssenden Muse.

Wenn ich (mit meiner Sprache?) jemandem den Atem verschlage, heißt das nicht, dass ich sie oder ihn töte. Es bedeutet nicht einmal, dass ich handgreiflich werde, zuschlage oder zudrücke.

Dürrenmatt sagt, eine Geschichte sei erst dann vollendet, wenn sie ihre schlechtest mögliche Wendung genommen habe. Das Leben ist auch eine Geschichte.

Samstag, 9. Januar 2021

Atemzug

Der Atemzug führt in die Tiefe. Immer ins Innere. Immer weiter. In den Tunnel. Auf der Einbahn des Atemweges. 

Ich wusste nicht, dass Dürrenmatt seine erste Frau in den Selbstmord (misslungen) getrieben hat. In die Alkohol- und Nikotinabhängigkeit. In die Sucht. Bis zum letzten Atemzug.

Jetzt weiß ich es.

Freitag, 8. Januar 2021

Atemholen

Am 8. Januar 1967 um 04:20 Uhr starb Zbigniew Cybulski am Hauptbahnhof in Wrocław. Gerade erst 39 geworden, am Bahnsteig 3, eingeklemmt zwischen Bahnsteinkante und Fahrwerk des bereits ausfahrenden Zuges nach Osten, in die stolica (Hauptstadt). Diesen Zug wollte er im letzten Moment seines Lebens besteigen. Ganz außer Atem. Er war zu spät. Die Züge fuhren damals pünktlich los.

Cybulski war einer der ungewöhnlichsten Schauspieler Polens. 1965 spielte er in "Salto" (Regie + Drehbuch Tadeusz Konwicki) den Unbekannten, die Hauptfigur, die zu Beginn des Films irgendwo in der Provinz aus einem fahrenden Zug springt (s.u. - ein herrlich anachronistisches Video!) und anschließend ein ganzes Dorf in Aufruhr bringt.

Sie waren alle kleine Teufel zu jener Zeit. Mein Meister Konwicki. Seine literarischen Figuren. Die Verkörperungen seiner irren Phantasie auf der Leinwand. Am Set. Cybulski spielte (fast) immer mit Sonnenbrille, war immer in körperlicher und seelischer Unruhe, tänzelte, wirbelte, sprach in Halb- und Ganzsätzen, in atemberaubenden Tempo. Seine Augen sieht der Zuschauer selten, und wenn, dann verschattet. Die Filme waren schwarzweiß. Aber die Macher, diese kleinen und großen Teufel vor oder hinter der Kamera leuchteten die letzten finsteren Ecken der menschlichen Existenz aus. Ja, so war das damals.

Und heute? Heute erst ist mir bewusst geworden, dass der Todestag Konwickis (7.1.2015) nahtlos übergeht in den Todestag Cybulskis (8.1.1967). Es trennen die beiden tatsächlich nur ein paar Stunden. Eine kleine Verschnaufpause zwischen Mitternacht und Morgengrauen im atemlosen Lauf zum Bahnhof. Zum letzten (oder ersten) Zug in die Hauptstadt.