Samstag, 4. Juli 2020

Caspar

Die Lesung im Schuhcafé Caspar in  Huttwil ist nun definitiv abgesagt. Wie alles derzeit. Wer in der Nähe wohnt und nicht aus einem Krisengebiet anreist und zuerst in Quarantäne - Selbstisolation ist das Zauberwort der Zeit - geschickt wird, kann trotzdem mal vorbeigucken. Die neuen Schuhe, wie meine Schuhfrau mitteilt, haben viel weiße Kreuze (ordentlich über Kreuz in die Löcher eingefädelte Schuhnestel). Ich verbringe den Sommer am Wattenmeer und kümmere mich um meinen kranken Kater. Und fange etwas Neues zu schreiben an! Jetzt.

Freitag, 3. Juli 2020

Nordsee

Endlich. Nach Tagen der Abstinenz. Und trotz Wolken und auflandigem Wind: Nordsee. Wie ich sie liebe. Stürmisch. Am Mittag. Der Deich menschenleer. Fast. Bei dem Wetter wagen sich nur Altgediente ins Wasser. Auf dem Rückweg herrlicher Rückenwind. Und ich erledige auf dem Rückweg meinen Coronabedingten Wocheneinkauf, für dem Wochenmarkt bin ich zu spät, nehme vom Wochenangebot Rasendünger und die neuesten Lieblingsleckerlis meines Hauskaters mit. Der Regen klopft mir auf die Schulter, während ich meine wohlverdiente Siesta mit Rasputin auf der Gartenbank abhalte. Den Dünger verteile ich am Abend während einer Niederschlagspause. Das reicht an Gutem für heute.

Donnerstag, 2. Juli 2020

Felsenbirne

Die Felsenbirne ist schon seit Tagen voller reifer Früchte. Nun wirft sie bereits massenhaft gelbe Blätter ab. Während die Früchte dunkler werden, süßer, reifer. Herbst und Sommer zugleich. Nicht einmal die Vögel machen sich mehr die Mühe, die winzigen Marzipanfrüchte zu verspeisen. Ich ernte ein Kilo und verarbeite es, das kostet mich den halben Tag. Mähe Rasen und sammle unter dem Apfelbaum die vom Sturm heruntergefegten frühreifen Äpfel auf. Das kostet mich den anderen halben Tag. Zum Schwimmen hatte ich einfach keine Zeit.

Mittwoch, 1. Juli 2020

Fieber

Ein fiebriger Vormittag. Ich fürchte, dass nun alles zusammenbricht. Sichere meinen Text im Viertelstundentakt. Überprüfe die Häufigkeit von Wörtern wie "hingegen", "heute", Mensch" oder "paarungswillig" (da liefere mir mal einer ein Synonym). Eliminiere im letzten Moment alle "Boten"(-stoffe) weil auf der vorletzten Seite der eine und einzige Bote endlich auftritt. Nachdem ich mir mit diesem Text jahrelang träge und rege Zeit gelassen habe, sind nun die letzten Minuten kaum auszuhalten. Ich zittere und rühre mich nicht von der Stelle aufmeinem Wackelstuhl mit Rollen, da ich nicht sicher bin, ob ich nicht auf dem Weg zum Wasserkocher die Treppe hinunterfalle. Und mir das Bein oder das Genick breche.

Dienstag, 30. Juni 2020

100

Gerade eben ist das einhundertste Einsingen um 9 zu Ende gegangen! Seit einhundert Tagen werden wir täglich um 9 von drei Profis im Wechsel eingesungen. Seit einhundert Tagen genießen Tausende von followern oder usern eine halbe Stunde täglich hygienisches Ein- und Ausatmen, lautstarkes Silbentraining und Tonspiel ohne jede Tröpfengefahr oder Aerosolbelastung. Absolut coronafree! Die Nachbarn, die sich über den lauten Gesang jeden Morgen wundern, machen mittlerweile auch mit. Und so rollt die Welle der Einsingensen um den Erdball. Ich bin jeden Tag seit einhundert Tagen um halb zehn total happy! Ich glaube, ich hatte es schon mal erwähnt: von mir aus kann das ewig so weitergehen.

Montag, 29. Juni 2020

Chronobiologie

Die Zeit des zu Ungünstigen. Das Morgenbhochwasser ist zu früh und das Abendhochwasser zu spät. Das Wetter zu unbeständig. Die Winde zu kapriolisch. Meine Gedanken zu unstet. Das Fortkommen zu stolpernd. Noch immer zuviele Steine im Weg.
Die Vorsehung aber hat vorgesehen, dass ich bis zur Jahresmitte, also bis morgen um Mitternacht meinen Jahrhunderttext abschließe. Nun denn: gut anderthalb Tage habe ich noch. Und heute und mindestens zwei Stunden durch die ungünstige Tide gewonnen. Vielleicht habe ich auch noch viel mehr Zeit, je nachdem, in welchem Erdteil die Vorsehung sitzt und ob sie nach Sommer- oder Winterzeit tickt. Ob sie nach circanualer oder circalunarer Rhytmik lebt, oder in der circadianen, ultradianen oder infradianen feststeckt.

Sonntag, 28. Juni 2020

Nippzeit

Ich komme nur stockend voran mit den Korrekturen. Es regnet und regnet nicht. Ist schwül. Der Kopf schwer. Abkühlen will es nicht.