Montag, 31. Juli 2023

Nachtschaden

Ein schönes Wort für Alptraum oder Albdruck. Nachtmahr gibt es auch (zu englisch "nightmare" oder niederländisch "nachtmerrie"). Die brennende Fremantle Highway wird in der Nacht an einen, wie es heißt, "weniger gefährlichen Liegeplatz" vor der holländischen Küste geschleppt. In Zeitlupe. Ein riskantes Unterfangen. Die ÖkoKatastrophe wird also nach Osten gebracht, näher an die deutsche Grenze, näher an sensible und schützenswerte Gebiete, näher an das Unsesco Weltnaturerbe Wattenmeer, genauer vor die Wattenmeerinsel Schiermonnikoog. Bei uns wird weiterhin amtlich vor Dauerregen gewarnt. Die Zeltplätze in Wacken stehen unter Wasser. Die Anreisenden werden gebeten, noch nicht anzureisen sondern unterwegs alternative Übernachtungsmöglichkeiten zu suchen. Um 5 Uhr kommt Herr Caruso nach Hause und legt sich zu meinen Füßen. Wir schlafen noch ein Stündchen und mir träumt, der Nachtschaden bestünde darin, dass die Nachbarn einen Gärtner beauftrag haben, der meine Edelkastanie brutal herunterschneidet. Er tut dies mit einer schallgedämpften Motorsäge, damit ich nichts davon merke. Schlaumeier! Ich trete trotzdem laut protestierend aus der Tür und sein Gehilfe überreicht mir eine zitronengelbe Plastikarmbanduhr. Geschenk der Firma! Sagt er und zeigt seine tadellosen Zähne. Eine Sonnenuhr? Vom Baum ist nur noch der lange kahle Stamm übrig. 

Ich wache auf und freue mich über den Regen. Mein Raubtier freut sich auf sein Frühstück.

Sonntag, 30. Juli 2023

Streifen

Heute also mit festen Schuhen, Strümpfen, einer warmen Hose. Schal und Helm. Handschuhe? Herbstschwimmen. Ein bekannter Wetterprophet prophezeit mir auf seinem Regenradar Regenfreiheit. Ungefähr bis nach dem Mittagessen. Das reicht allemal. Es sind mehr Leute da als gestern, aber niemand, den oder die ich kenne. Touristen mit Kindern, die den Sonntag dem Wetter zum Trotz am grünen Strand nutzen. Und den Blick abwenden. Sie spazieren am FKK-Strand. Das Wasser ist aufgewühlt, kein Wunder, und ich schwimme Streifen.

Samstag, 29. Juli 2023

Sommer am Wattenmeer

So ist der Sommer bei uns: kalt und nass und windig. Zehn Tage kein Schwimmen. So ist der Juli am Wattenmeer. Der Frachter vor Ameland brennt immer noch mit seiner giftigen Ladung. Trotzdem heute tapfer zum Vormittagsschwimmen. Kein Mensch weit und breit. So ist der Badestrand zur touristischen Hochsaison an der Meldorfer Bucht: wolkenverhangen, leer. Ich ziehe mich im Windschatten von Strandkorb 6 aus und denke verwundert daran, dass ich letzten Sommer hier mehrmals übernachtet habe. Es zieht mich gar nicht ins Wasser, so kalt ist es. Und dann vollende ich doch schwimmend mein Dreieck. Auf der Heimfahrt spüre ich den Herbst.

Freitag, 28. Juli 2023

Recherchetausendsassas

Günter Grass hatte für die Vorarbeit zu seinem Roman "Ein weites Feld" einen Zuarbeiter. Dieter Stolz - es ist kein Geheimnis. Stolz wiederum war stolz, dass ihn der Meister in den literarischen Schaffensprozess einweihte. Ihm vorlas! Stolz wurde stolzer Zeuge, wie aus dem "notwendigen Material", das er laut Rechercheauftrag heranschleppte, Literatur wurde. Über das Ergebnis kann und darf man geteilter Meinung sein. Aber nicht darum geht es hier. Natürlich traf Grass die Frage des zuständigen Menschen in der Treuhand-Anstalt "Sie schreiben doch nicht etwa über uns ..." ins Mark. Fontane, das Vorbild zum Aktenboten Fonty, konnte diese Frage nicht mehr stellen. Trotzdem hatte Stolz natürlich alle Hände voll zu tun, auch Material über Fontane heranzuschaffen. 

Mittlerweile ist diese Art der "Arbeitsteilung in der Literatur" professionalisiert, industrialisiert und nicht zuletzt gesellschaftsfähig geworden. Bei entsprechenden Dienstleistern sind die Referenzen abrufbar wie bei jeder anderen Firma. Von Faktenchecking über Betreuung der socialmedia-Kanäle bis hin zur Ablieferung von Ideen, Geschichten, Hintergründen usw wird alles angeboten und offenbar auch bereitwillig angenommen. 

In Zeiten von AI könnten solche Dienstleister wieder überflüssig werden. Bestimmt weiss die AI ganz genau, wie kriegsbeschädigt das Gebäude bis hinunter in die Keller war, indem die Treuhand ihre Arbeit aufnahm. Oder zB wie eine Wasserleiche riecht. Was man tun muss, um die metabolischen Prozesse in einem leblosen Körper aufzuhalten, konnte man anlässlich des Todes von Benedikt XVI in jedem Provinzblatt nachlesen. Manche Informationen liegen auf der Straße. Andere auf der Hand. Wer es sich aber leisten kann, engagiert lieber Profis. Optimiert sein Hirn mit Rita und seinen Körper mit Biohacking und seinen Schreibfluss traditionell mit Vorzimmerdamen oder -herren und betrachtet Literatur als eine Art Quintessenz. 

Ich betrachtLiteratur als eine Art Suche nach dem Unsäglichen. Nach dem Unsagbaren oder noch nicht und nie Gesagten. Mich interessiert immer das Dahinter. Da hilft mir weder AI noch das Vorzimmer.

Donnerstag, 27. Juli 2023

Der Süden

Es gibt solche und andere Katastrophen. In Meldorf ist ein Haus an der südlichen Süderstraße fast vollständig abgebrannt. Obwohl es hier ständig regnet. Ich hab in der Früh mein wertvolles, aber feuchtes kompostierbares Schnittgut in 5 Biomüllsäcke abgefüllt, die nur zugebunden an die Straße gestellt werden dürfen. Nun denn. 

Als ich nach Hause kam, war alles weg und die Tonne leer.

Mittwoch, 26. Juli 2023

Guten Morgen!

Dauerregen. Höhere Gewalt, fürsorgliche Fügung oder einfach Gottes Gnade. Vielleicht werden wir nie wieder schwimmen im Wattenmeer. 

In der Nacht ist vor der niederländischen Wattenmeerinsel Ameland die Fremantle Highway in Brand geraten. Laut Wikipedia ein unter panamaischer Flagge fahrender Autotransporter der japanischen Reederei Shōei Kisen. Die 22 Seeleute konnten aus dem Wasser gerettet, bzw evakuiert werden bis auf einen Mann, der unter noch ungeklärten Umständen zu Tode kam. Alle sind indische Staatsangehörige. Dies nur nebenbei.

Nicht nebenbei: 3783 Fahrzeuge an Bord, davon eine unbekannte Anzahl - aber mindesten 498 - E-Autos. PKW, LKW sowie Bau- und Landmaschinen. Und: 1600 Tonnen Schweröl sowie  200 Tonnen Marinedieselöl.

Dienstag, 25. Juli 2023

Sonne. He(c)k-tik

Wäsche. Hecke, Hektik, Rasen, Ruhe. Halbmond und Nippzeit. Ich habe 45 Meter Hecke zu schneiden, einmal außen, einmal innen und einmal obendrüber in Wellen und noch einmal von Hand kosmetische Korrektur. Der Rasen wächst bei dem Regen saftig und grün. Ich erledige eines nach dem anderen. Den Rasen mulche ich, dafür habe ich das richtige Gerät und es fällt kein Schnitt an, sondern der Schnitt verbleibt als Dünger an Ort und Stelle. Nachhaltig. Der Rasen kann nun noch saftiger und noch grüner weiterwachsen. Den Rasenmäher schiebe ich zur Erholung der Hände bzw lasse ihn mit Antriebhilfe vor mir her laufen. Kreative Pause. Dann wieder Hecke. Schere. Kabel. Besen. Karre. Den Heckenschnitt kippe ich auf meine Auffahrt. Zwischenlager. Morgen soll es wieder dauerregnen. Übermorgen wird der Biomüll abgeholt.

Montag, 24. Juli 2023

Regenpause

Ich schaffe es, in der Regenpause am frühen Morgen alles zu erledigen, was ich aushäusig erledigen muss. Dann da capo. Regen ohne Pause.

Sonntag, 23. Juli 2023

Dauerregen

Es dauerregnet tatsächlich. Den ganzen Tag. Ohn' Unterlass. Ich erledige Schreibtischarbeit. Das ist nicht zu verwechseln mit schreiben oder arbeiten. Hat mehr zu tun mit ordnen und sortieren, Gedankenverschieben.

Samstag, 22. Juli 2023

Dauerregenwetterwarnung

Meine Wetterapp warnt heute schon vor- und fürsoglich vor Dauerregen am Sonntag. Genauer vor "Dauerregen wechselnder Intensität". Ein Novum, auch spachlich. Bislang warnte sie nur vor Unwetter. Gewitter, Orkanböen oder Starkregen. Das waren Einwortwarnungen. Leicht verständlich. Nun also ein vollständiger und korrekter deutscher Satz: "Es tritt Dauerregen wechselnder Intensität auf." Ab sofort, also genau von jetzt, Samstag 19 Uhr bis Sonntag 19 Uhr. 24 Stunden wechselnder Intensität! Bitte keine Pläne machen. Sich auf Ausschlafen und Homeday einstellen und den Kater warnen, dass es kein Frühstück gibt!

Freitag, 21. Juli 2023

Hitzewelle

Hitzewelle? Im Süden? Touristen, die in Rom in Warteschlangen krepieren und sich bei ihren Reiseversicherern nach Stornogründen und Entschädigungszahlungen erkundigen. Und sich lauthals beklagen, dass sie im Sommer Ferien machen müssen! Wie kürzlich meine Sitznachbarin in der vorletzten Chorprobe vor der Sommerpause: Lehrerinnen und Lehrer sowie Eltern von schulpflichtigen Kindern seien gezwungen, sich im Hochsommer mit "allen anderen" ein Stück Strand, einen Platz auf der Autobahn oder im Flugzeug zu teilen, während Rentnerinnen und Rentner oder Freischaffende, Künstlerinnen und Künstler, Nichtsnutzerinnen und Nichtsnutzer es sich übers Jahr verteilt fröhlich aussuchen könnten, wann sie wohin und mit welchem Fortbewegungsmittel wie lange wegfahren. Wir wunderten uns nämlich, warum so wenige Sängerinnen und Sänger zur Probe erschienen waren. Wahrscheinlich alle in den Ferien ... Interessanterweise hörte ich dieselbe Klage zwei Tage später wortidentisch an meinem Gartenzaun. Scheint ein neuer "Lehrerinnenwitz" zu sein, falls es so etwas überhaupt noch gibt. In meinem Garten, übrigens, ist es angenehm kühl. Auch unter meinem Dach. Der Rasen, der Bambus, alle Pflanzen freuen sich über den Regen. Der Natur, was der Natur gebührt.

Donnerstag, 20. Juli 2023

Grenzen

Ich sehe so manche Grenze in meiner Funktion als Schiedsfrau. Tauche in so manchen Garten ein. Und staune immer wieder. Über die Gärten an sich, die Welten eröffnen. Und über die Menschen, die Grenzen bauen. Gegensätze markieren. Normalerweise werden Gärten als Privatsphäre sichtfest gemacht. Oder unsichtbar. Es geht niemanden etwas an, was in meinem Garten wächst. Vor allem nicht die Nachbarn. Wiewohl da zuweilen wahre Wunderwerke aus dem Boden schießen und man eigentlich vieles zu teilen hätte. Aber nein. Man will nichts aus Nachbars Garten, keine Kräuter, keine wildblühenden Blumen, keine fliegenden Samen. Keine Insekten. Keine Hasen, keine Vögel, keine Katzen. Keine Hummeln, Bienen, von Wespen ganz zu schweigen.

Mittwoch, 19. Juli 2023

Das Zimmer

Beim Aufwachen dreht sich das Zimmer. Ungeschwindelt. Mir schwindelt aus unerklärlichen Gründen. Ich bin so was von "clean", dass ich mittlerweile mehr als altmodisch bin. Kein Kater - nur das bissige Raubtier zu meinen Füßen. Wenn er hungrig isdt, wird er wieder zutraulich. Ich fasse ihn nicht mehr an! Kein fake, kein hoax, keine irgendwie ausgeartete Selbstoptimierung. Ich trainiere täglich zwischen 30 und 45 Minuten auf dem Trampolin. Unter Anleitung. Ausdauer, Gleichgewicht, Koordination, Sturzprophylaxe, Herz und Kopf. Heute verzichte ich aus besagten Gründen. Nicht nur auf das Trampolin. Der Bludruck ist vollkommen normal, der Puls auf moderaten 55. Drehschwindel. Ungeschwindelt. Das Zimmer dreht sich.

Dienstag, 18. Juli 2023

Rita

Neuro Enhancement nennt man das, was im Sport Doping ist. Also unehrenhaftes Aufmöbeln der eigenen Muskelkraft. Neuro Enhancement bedeutet, dass gesunde Menschen ihren Geist - oder ihr Gehirn mit Psychopharmaka optimieren. Diese Menschen gelten als Smart-Drugs-Konsumenten und ihr Tun ist mehr oder minder legal und billig. So gibt eine Bachmannpreisträgerin freiwillig im Radio preis, dass ihre tägliche Dosis Ritalin 17 Eurecent koste, also für jeden HartzIVEmpfänger erschwinglich sei. An ihrer Twitter-Timelife könne wahrscheinlich, erzählt sie lachend, ihr Ritalinspiegel ausgelesen werden. Denn Ritalin mache plapperig, aussagefreudig. Eine andere Bachmannpreisträgerin erklärte einst auf die Frage, woher ihre so wundersamen Bilder in ihre Texte kämen, sie habe noch einen großen Kartoffelsack voll im Keller stehen. Früchte der aktiven LSD-Zeit. Sie ist kürzlich gestorben und wer den Schatz erbt, entzieht sich meiner Kenntnis. 

Ritalin ist - wie so vieles - einer Erfindung der Basler Chemieindustrie. Bei CIBA (heute Novartis) am Rheinknie macht einst ein Mitarbeiter einen Selbstversuch, zusammen mit seiner Frau. Ihr Tennisspiel verbesserte sich nach Einnahme der Substanz Methylphenidat (erstmals in den Laboren von CIBA 1944 synthetisiert) erstaunlich. Sie hieß, wie in Basel üblich, französisch vornehm Marguerite, wurde aber im Alltag ganz normal Rita gerufen. Daraus wurde Ritalin.

Ein einziger Interviewpartner weist in der Sendung auf eine Gefahr hin - nicht die Gefahr der Gehirnoptimierten Geistig Arbeitenden, von denen geht erfahrungsgemäß keine Gefahr aus. Sondern die Gefahr der Gier. Des Marktes. Was passiert, wenn das Forschungsinteresse (gekoppelt selbstverständlich mit Gewinnoptimierung) der Pharmaindustrie von Kranken Menschen auf Gesunde Menschen umschwenkt ...

Montag, 17. Juli 2023

Höllenritt

Neumond am Abend. Sturm und Regen den ganzen Tag. Springzeit. Hochzeit. Wellenzeit. Nordsee pur. Die Flut läuft einen halben Meter über Normal auf. Ausgelassen und fröhlich. Wir klammern unsere Klamotten an den Holzverschlag eines Strandkorbs. Sonst sind sie womöglich nachher nicht mehr da. Flöten gegangen oder den säuselnden Einflüsterungen des strammen Nordwests gefolgt. Und gehen dann tapfer ins Wasser. Von schwimmen kann keine Rede sein. Wellenmassage. Höllenritt.

Sonntag, 16. Juli 2023

Muttermilch

Ich höre ein Feature über Ernst Ludwig Kirchner. Viel Helvetisches. In die Jahre gekommene Zeitzeugen aus Davos. Auch Kirchner wurde von seinem Arzt zu Tode behandelt. Wenn ein Arzt die Sucht seines Patienten nicht nur in Kauf nimmt, sondern die Abhängigkeit aktiv befördert - ja was dann? Wenn der Entzug nicht kontrolliert stattfindet, sondern jeder Fürsorge und jedem Anstand entgleitet, willkürlich und wild zur noch größeren Katastrophe führt? Ingeborg Bachmann oder Michael Jackson sind nur die Prominentesten. Arme Schweine gibt es zu Hauff. Unerkannte Spätfolgen auch. Friedrich Glauser ist auch nur ein Beispiel. Jackson hat angeblich jeden Abend nach seiner "Milch" gebettelt. Er konnte nicht einschlafen. Armer Kerl. Kirchner fragte höflich und formvollendet schriftlich immer wieder nach einem R (für Rezept, später blanco ausgestellt, dh der Süchtige konnte die Menge selbst bestimmen). Die Bachmann konnte leider am Schluss nicht mehr sagen, was ihr fehlt.

Kirchner hat im Gegensatz zu den oben Genannten den finalen Schuss selbst abgegeben. Er gilt als Selbstmörder.

Samstag, 15. Juli 2023

Hitze

Hitze am Samstag. 

Der Kater war wieder auf Jagd und verschmäht mein Dosenfutter. Eigentlich gut so. Er wirkt sehr matt, schläft seinen Beuterausch im kühlen Hausflur aus und ich radle zum Deich.

Freitag, 14. Juli 2023

Die Hoffnung

Daniel Hope, Porträtkünstler des SHMF 2023, wird das ganze Jahr gefeiert mit "Hope 50". Die Hoffnung stirbt nie. Hope wird im August 50 Jahre alt. Angeblich war die Idee, ihn zum Stargast zu machen, das Ergebnis einer durchzechten Nacht. Wie auch immer. Jetzt tritt er in Marne in der ausverkauften Kirche auf und stellt mit seiner fulminanten Band seine "Irish Roots" vor- Ich sitze mitten drin, mucksmäuschenstill.

Als er im Februar im Meldorfer Dom spielte, verzichtet ich darauf, im eisgekühlten Gotteshaus ein zwei- bis dreistündiges Konzert zu erleben. Zu sehr steckte mir noch die Grabeskälte unserer eigenen Weihnachtskonzerte in den Knochen.

Im Nachhinein erfuhr ich, dass der Dom auf Kosten des SHMF auf Wunsch der Musiker am 7.2. geheizt worden war.

Donnerstag, 13. Juli 2023

Wärmewende

Es gab und gibt Zinswenden, Agrarwenden, Schicksalswenden, Trendwenden, Jahreswenden, Zeitenwenden, Weltenwenden, Lebenswenden, Kriegswenden, Konjunkturwenden ... nun also auch die Wärmewende. In Meldorf soll bis zum Jahr 2035 jeder Haushalt, der dies wünscht und bezahlen kann, an ein Fernwärmenetz angeschlossen werden. Ich höre mir einen Vortrag zur Wärmewendeversorgungsstrategieplanung an und gehe anschließend zur letzten Chorprobe vor den Sommerferien.

Mittwoch, 12. Juli 2023

Das Fenster

Milan Kundera ist tot. Konwicki hat ihm mehrere Aufenthalte in Paris verdankt. Kundera lud viele Autoren und Autorinnen aus dem damaligen Ostblock an die Seine ein. An die EHESS (Ecole des hautes études en sciences sociales). Insofern war er eine Art Fenster zum Westen. Und zum Osten. Ein Fenster gibt die Sicht nach zwei Seiten frei und es ist nur eine Frage der Perspektive, wo oder wer innen oder außen ist.

Dienstag, 11. Juli 2023

Hypothenuse

Ich schwimme nur die längste Seite des Dreiecks. Hin und wieder zurück. Also auch die Hälfte des Dreiecks? Auch ich nehme natürlich die gesammelte Energie des Tages mit ins Wasser, wenn das Wasser erst am Abend aufläuft und mich zum Schwimmen auffordert. Und natürlich lasse auch ich sie dort zurück. Mit allem anderen, den Fragen, Freuden, Leiden. Und den vom Rasenmähen grünen Fersen.

Montag, 10. Juli 2023

Halbmond

Ich schwimme ein halbes Dreieck, da die Nordsee heute sehr anstrengend ist. Wenn das Hochwasser in den Abend wandert, versammelt es die ganze Energie des Tages. Der Gewinnertext bei den diesjährigen TddL wurde ua dafür gelobt, dass der Protagonist mit viel Hingabe ausgestattet sei. Hingabe zum Putzen, zum Dreck, zu Kalkflecken, zu einer Armata von Putzmittelflaschen usw., auch zu seiner kleinen Schwester natürlich und deren TV-Konsum. Dabei kam mir in den Sinn, dass ich kürzlich dort im Archiv herumsuchte, weil ich mich von etwas (von meinme Rückgrat!) überzeugen wollte und mein Gedächtnis auffrischen musste. Das Netz vergisst nichts und hat wider Erwarten keine Löcher! Tatsächlich hat vor ungefähr zehn Jahren eine ganz andere Jury über einen ganz anderen Text geurteilt, ihm mangele es an - eben: Hingabe. Die Autorin sei ihren Figuren gegenüber gleichgültig, kalt, empathielos. Entsprechend hölzern stapfen die durch die dargestellte Welt. Heute schreibt besagte abgestrafte Autorin Pornos. Manche sagen Soft-Pornos. Aber das macht keinen Unterschied in der Fieberkurve. Die Autorin denkt vielleicht, dass sprachlich deftige Obszönitäten über die innere Leere hinwegtäuschen können?

Sonntag, 9. Juli 2023

Voces8

Auch ein Glück. Statt schwimmen im kühlen Dom diese unglaublichen 8 Stimmen hören. Very british. Kühl, gepflegt, kristallklar. Auf dem Heimweg zerrt der Sturm an mir. Der Regen kommt erst später.

Samstag, 8. Juli 2023

Glück gehabt

Natürlich war ich nicht beim Arzt, sondern in der Nordsee. Das Wasser ist nach dem Sturm gut abgekühlt und die Schwellung geht mir jedem Schwimmzug merklich zurück. Die Quallen haben sich verzogen. Mein Gelöbnis, dass ich diesen Kater nie wieder anfassen werde, dass ich ihn mit absolutem Streicheleinheitenentzug und totaler Nichtbeachtung abstrafe, hält nicht einmal 24 Stunden. Im Gegenteil, ich beschließe, dass er mehr Futter bekommt, da er sichtlich abgenommen hat. Es klingelt an der Tür und die Nachbarin bringt, einfach so, vom Urlaub zurück, Knabberkissen gefüllt mit Leinsamen und Lachsöl. Für den Kater natürlich. Für mich ein schönes Geschirrtuch.

Freitag, 7. Juli 2023

Jaizkibel

Im Baskenland, am Jaizkibel gibt es "Reißzwecke verteilende Vollidioten". Ungefähr so eine Meldung las ich vor ein Paar Tagen im Vorübergehen. Die zweite Etappe der Tour de France endete in San Sébastián und die Kenner sagten voraus, dass am Jaizkibel die Vorentscheidung um den Tagessieg fallen werde. Auf der Straße vor dem Anstieg befanden sich verdächtig viele Reißzwecke. Zu welchem Zweck auch immer. Es gibt auch Vollidioten, die Steine von Autobahnbrücken werfen. Einer der Fahrer zählte 5 (bunte?) im Vorderreifen, ein anderer klagte über Druckverlust, einen "schleichenden Platten", den er auf der Abfahr vom Jaizkibel "einfahren" musste. Viele ärgerten sich, die "gute Beine" hatten, das sie kurz vor dem Ziel ihre Räder wechseln mussten. Ich habe einen anderen Vollidioten zu Hause. Einen Reißzähne ins Fleisch hauenden Kater. Herr Caruso hat mich gestern kurz vor der Probe angefallen. Aus dem Nichts heraus, vom Boden hockend, sprang er über meine Oberschenkel (sozusagen der Aufstioeg über den Jaizkibel, Abdrücke seiner Krallen entdeckte ich erst heute früh beim Aufstehen) an meine Hände. Das Blut floß in Strömen, die Fingerbeere des linken Zeigefinger schlitzte er mit der Kralle längs auf, die Zähne streifen ihn kurz ehe sie sich in das weiche Polster unter dem rechten Daumen bohrten. Der ganze kleine Kater hing plötzlich an meiner Hand und ich war so perplex, dass ich nicht mehr wusste, wo mir der Kopf stand. 

Nebst all dem körperlichen Schmerz (wie viel haben die armen Hände schon gelitten unter diesem Kater?) bin ich diesmal tief in meiner armen Seele erschüttert und kann nicht aufstehen.

Donnerstag, 6. Juli 2023

Nach Poly

Nach dem Sommerorkan, der drei Tage über unseren Köpfen wütete und Kübelweise Kaltes Wasser über ebendiese Köpfe und Dächer schüttete, ist die Welt am Wattenmeer fast wieder in Ordnung. Alles glänzt und atmet auf in der Morgensonne. Frisch gewaschen. Frisch gelüftet. Frisch erfrischt. Die Edelkastanie hat die Hälfte der nach dem Rückschnitt forsch nachgewachsenen Triebe mitsamt Bündeln von Tausenden Samenfäden verloren. Ich werde keine Maronen ernten in diesem Herbst. Beide Bambussichtschutzwände sind gebrochen. Noch halten die übermütig blühenden Brombeertriebe sie im Zaum. Bewahren trotzig Fassung und Form bis die Beeren schwarz sind. 

Mittwoch, 5. Juli 2023

Während Poly

Ich höre ein bisschen Bachmann. Also nicht die Bachmann sondern ein, zwei Lesungen der sogenannten TddL - Tage der diesjährigen deutschsprachigen Literatur. Dass der Preisgekrönte Text von einem putzenden jungen Mann handelt, ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Der Mann putzt, weil seine Mutter nicht putzt (oder nicht sauber genug putzt), hinter dem Rücken dieser Mutter (denn sie würde ihm die Ohren langziehen!) bzw während ihrer Abwesenheit. Der junge Mann putzt mit Hingabe das Spülbecken in der Küche in der Wohnung der Mutter, obwohl er dort nicht mehr wohnt. In der Küche der WG, in der er wohnt, kann er seiner Putzleidenschaft nicht nachgehen. Dort herrscht (außerhalb des preisgekrönten Textes) das Kollektiv. So  putzt der junge Mann in der Küche der Mutter, während er auf die kleine Schwester (10-jährig) aufpasst, die im Wohnzimmer mit einer Freundin vor dem Fernseher sitzt und völlig autonom kichert. Also eine Geschichte mehr über eine abwesende Mutter und diese Abwesenheit kompensierende geschwisterliche Fürsorge. Dass die Hälfte des Textes längst abgehalfterte Tiraden über die Schädlichkeit von Ohrstäbchen in Kinderohren einnehmen, ist schade und der Jury nicht aufgefallen. Diese literarisierten  Ohrstöpsel sind metaphorisch überfrachtet wie die 22 Bahnen im Schwimmbad. Sie kommen extensiv vor, weil sie angeblich für den Putzfimmel unentbehrlich sind, weil sie geknickt eine originelle (na ja!) Hakenkreuz-Installation erlauben und den lauen Witz "Nazis raus", wenn das Knick-Gebilde mit einer entschiedenen Handbewegung im Mülleimer (der auch och geputzt werden muss!) geworfen wird. Wattestäbchen fusseln leider nicht nur in Kinderohren, sondern auch im Küchenabflussrohr. Total kontraproduktiv für eine perfekte Reinigung. Macht nichts. Der Text ist gut gestrickt, aber weniger Fracht hätte ihm mehr Luft gegönnt. Flügel verleiht.

Am Abend Stiller, Teil 2. 

Und draußen immer noch Poly 

Dienstag, 4. Juli 2023

Vor Poly

Ich muss nun fortan ohne den Weckruf von Sankt Calixtos / Son Tgalester auskommen. Die Livecam wurde gestern mit Eindunkeln abgestellt. Die Brienzaulserinnen und Brienzaulser sind in ihre Häuser zurückgekehrt, die der Berg mit seinem Schuttstrom verschont hat. Ob auf Intervention des Heiligen oder nicht. Mich fasziniert das Bild der Verwandlung, die Erschütterung. Wie ein Berg seine Haltung aufgibt und sich in eine Geröllhalde verwandelt. 

Am Wattenmeer ist alles offen und flüchtig.

Montag, 3. Juli 2023

Vollmond

Der Mond wird pünktlich zum Hochwasserzeitpunkt voll. Immer noch Sturm. H. und ich fahren mutig mit dem Auto an den Deich. Wir klettern tapfer über den Deich. Auf der Seeseite werden wir vom Wind fast erschlagen. Noch geben wir die Hoffnung auf ein Bad nicht auf. Die Schafe sind ja auch da! Und die Rettungsschwimmer! An der Badetreppe angekommen, resignieren wir. Die Nordsee ist aus irgendeinem Grund sehr aufgebracht und spuckt uns unfreundlich  ins Gesicht.

Sonntag, 2. Juli 2023

Szymborska

Wind kommt auf. Sturm. Endlich Bewegung in der Luft. So etwas wie Dauerstarkwind. Heute wäre die Szymborska 100 Jahre alt geworden. 1996 bekam sie den Nobelpreis für Literatur, obwohl sie sich nie ins Rampenlicht gedrängt hatte. Das waren noch Zeiten! Sie überlebte die Ehrung, die schon manche kreative Existenz vernichtet hat, 16 Jahre - dank eines Sekretärs, der ihr ermöglichte, zu schreiben und zu schweigen!

Samstag, 1. Juli 2023

Fehlerquellen

Regen. Endlich Regen. So etwas wie Dauerregen. Zeit zum Drinnesitzen. Ich höre Avi Avital. Er spielt nicht Mandoline sondern spricht. Ua über Omer Klein. Nennt ihn einen der besten Jazzpianisten "unserer Zeit". Ich frage mich, welche Zeit er meint. Samstagvormittag? Sommerzeit? Regenzeit?

Avi Avital spricht von seiner Angst. Die erste Probe mit Omer sei eine Katastrophe gewesen. Weil er, Avi Angst vor dem Improvisieren habe. Ihm fehle beim Improvisieren die "Sicherheit" der Noten und er habe Angst, Fehler zu machen. Omer habe ihm die Augen geöffnet. Oder die Ohren? Die Seele? Den Zugang zum Improvisieren. Omer habe erklärt, für ihn sei es genau andersherum. Wenn Musik in Noten gefangen, festgesetzt, festgehalten, festgeschrieben sei, könne jede Note potentiell falsch oder richtig sein. Beim Improvisieren aber sei diese "Unsicherheit" ausgeschlossen!