Sonntag, 30. April 2023

Dem Mond die Bahn

Übermütig bin ich also mit dem Fahrrad nach Marne gefahren. Zu Vernissage von Manfred Schlüters Lebenswerk-Ausstellung: Manchmal träume ich, ich bin der Mond, der um die Erde kreist. Übermütig, obwohl am Morgen der Frost noch einmal meine Mooswiese überzuckerte. Übermütig, weil die Wetterapp abnehmenden Wind voraussagte. Übermütig, weil ich viele anständige Menschen treffen wollte (und traf!). Die Einladung zum Maifeuer schlug ich aus, denn ich wollte vor Sonnenuntergang wieder zu Hause sein. Und ein Feuer brennt am besten danach. 

Nun bin ich da, sitze mit Wollmütze und meinem Untermieter als Wärmekissen auf dem Schoss auf dem Sofa. Überall hab ich geschwitzt, nur am Kopf fürchterlich gefroren. Ein Fahrradhelm wärmt nicht und ist winddurchlässig wie ein Sieb. Der tat auch, was er konnte, um mich zu plagen. Nur der Mond ist freundlich. Auch zur Walpurgisnacht. Schon gut über halb, stand er den ganzen Heimweg beschützend über mir, leicht zur Rechten.

Samstag, 29. April 2023

Der Spaten dem Beet

Ich mähe den ganzen vermoosten Rasen und steche ein Beet ordentlich ab. In umgekehrter Reihenfolge natürlich. Damit alles schier ist. Die Erde ist nass und schwer, der Spaten hat einfaches Spiel. Der Rasenmäher nicht. Er schluckt nach der langen Winterpause nur unwillig das dichte Gemisch von Blättern, Unkraut, vereinzelten Grashalmen und in der Hauptsache unverdaulichem Moos. Die Gartenfee will nächste Woche vertikutieren und Sand aufbringen. Vielleicht hilft der ja. Vom Rasen wird nichts übrig bleiben. Aber der Sand soll das Nachwachsen (den Nachwuchs) befördern. Die Nachbarin schneidet Stacheldraht von ihrer zugewachsenen Grundstücksgrenze, der dort, keiner erinnert sich warum oder von wem, vor einem halben Jahrhundert wohl aus Sicherheitsgründen angebracht und mit der Zeit von mehreren Holzzäunen verbaut und vergessen wurde. Heute schrammt sich der Nachwuchs beim Versteckspielen immer mal wieder Knie und Ellbögen blutig oder reißt Hosenböden auf. Die zerstückelten Draht-Teile im Eimer sehen aus wie neu. Kein Rost! Gute Qualität. Hält ewig. Wohl aus Beständen der ... und wer hatte hier was abzusichern ...? Sie sagt, mehr schafft sie heute nicht. Ich sage, ich auch nicht. Der Wind bläst uns kalt um die Ohren und wir geben das Nachdenken auf.

Freitag, 28. April 2023

Kein Ton dem Tag

Es ist wahrlich nicht zu glauben. Regen. Trübe. Finsternis. Nur der Frost in der Früh blitzte und blankte. In einer Pause mähe ich einen halben Rasen.

Donnerstag, 27. April 2023

Zwölf Ton dem Protest

Nach drei Wochen Probenpause ist es wahrlich nicht einfach, aus dem Stand Eisler zu singen. Dodekafonie. Über Brechts Textvorlage Gegen den Krieg. In der "Weite der realistischen Schreibweise". Immerhin: ein Meisterstück! Natürlich sind wir alle gegen den Krieg, wir Pantoffelheldinnen und -helden. Auch 90 Jahre später oder 100 Jahre später oder 1000 Jahre später. Verbunden mit der avancierten Technik der Musik. Musik war immer schon und ist es nach wie vor: meilenweit weiter als die Schrift. Angeblich wollte Eisler Schönbergs Zwölftontechnik "vom Kopf [wieder, Erg JA] auf die [zwei, dito] Füße" stellen. Wir verlassen den Probenraum stolpernd und kopflos. Von den 24 Varationen haben wir gerade mal einen Bruchteil gesungen und auch den ohne Überzeugung. Ohne Standhaftigkeit. Die auf- und absteigenden kleinen Terzen (Kuckucksrufe! Kleinterzstruktur), die auf- und absteigenden großen Sexten, die Leittonschritte und Regelbrüche, die Krebse und Krebsumkehrungen, die homophon harmonischen und unharmonischen Akkordbildungen - alles zitternd und wackelig.

Durch eine kalte Nacht unter einem klaren Himmel ohne Handschuhe nach Hause. Vor der Haustür die klare Erkenntnis: Der Protest, auch mit schrägen Harmonien auf Halbtonleitern, hat nichts gebracht. Es ist Krieg und alle laufen hin. Kein Brechtzitat, auch kein verfälschtes. Der entsprechende Satz wurde aus dem Englischen übersetzt zum deutschen geflügelten Wort der Pazifisten: "Sometime they’ll give a war and nobody will come." (Carl August Sandburg 1878-1967, aus dem Gedichtband "The people, yes" von 1936)

Mittwoch, 26. April 2023

Dem April der Rest

Viel Zeit hat er nicht mehr. Also tagsüber Wind, Sturm von West. Mein Sichtschutzzaun wackelt. Regen, Sonne, Hagel im Wechsel. Die Wäsche trocknet trotzdem. Nach Einbruch der Dunkelheit nur noch Nacht. Klarer Himmel. Mars und Mond im Westen!

Dienstag, 25. April 2023

Dem Luxus der Preis

Es regnet. Ich habe die Startseite meines Internetauftritts entbildert. Und ein bisschen aufgeräumt auf der Seite. Eine Rubrik Black Cats - Czarne Koty eingefügt, für alle Schwarze-Kater-Liebhaber, bebildert, weil die Texte so doch netter rüberkommen. Meine Sammlung der Weihnachts- und Neujahrsgeschichten, die in unserer Provinzzeitung erschienen sind. Für die DLZ schreibe ich nur vom Kater. Der Blick aus dem Fenster verheißt keine Besserung. Im Osten nichts Neues.

Montag, 24. April 2023

Der Wahrheit die Stunde

Sapere aude - sagte Kant. Wage zu wissen. Wage, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Heute gilt das Umgekehrte. Wehe, du wagst es! Eine eigene Meinung zu haben - dann wirst Du beschimpft als griesgrämiges altes Weib und griesgrämig bist du, weil du keine Kinder hast (so mir kürzlich geschehen - genau in dieser Argumentionskette). Wehe, du wagst es, zu denken und zu sagen, was Du denkst. Wehe, du wagst es, dich dem mainstream zu entziehen, keinen fb account zu pflegen, auch keinen unter einer erfundenen Identität, und nicht bei Herrn Musk oder Herrn Trump und wie sie alle heißen. Kein Auto zu fahren, nicht in den Urlaub zu fliegen. Und so weiter. Und so fort. Wehe, du wagst es!

Vor fast zwei Jahrzehnten ist mir in Japan die Infantilisierung der Gesellschaft an jeder Straßenecke, an jedem Busbahnhof, in jedem Supermarkt entgegengekommen, meist pinkfarben oder demütig nickend oder kreischend aus einem Lautsprecher. Mittlerweile hat sie, die Infantilisierung jeden Winkel der überhitzten Erde erreicht. Gestern hörte ich vor dem Sonntagsgottesdienst und vor der Sonntagspredigt, dass man gemeinhin unter Infantilisierung eine "Vermischung von drei Impulsen" verstehe: 1. Komplexitätsflucht (Widerwille gegen alles Komplizierte), 2. Hang zu Intimisierung und Verniedlichung in allen Kommunikationsformen (das omnipräsente DU im WWW), 3. Sieg des Narzissmus und Egoismus. 

Huizinga hat 1956 (da war ich noch gar nicht auf der Welt) das historische Spiel von Kindern als Verbildlichung der Geschichte bezeichnet. Die Verbildlichung unseres Alltags hat in den letzten Jahren rasant zugenommen, nicht nur im Sandkasten und beim Edelitaliener. Was wir nicht sehen, existiert nicht, weil denken zu anstrengend ist. Die Phantasie pendeln zu lassen, sich etwas vorzustellen oder auszumalen. Die wohl pandemiebedingte Beliebtheit von Ausmalbüchern für Erwachsene ist mit der pünktlich Pandemie wieder verschwunden.

Ich hörte also gestern im Radio das Wort zu meinem Sonntag: "Nicht umsonst heißt das populärste Organ der journalistischen Infantilisierung in Deutschland BILD Zeitung." In der Schweiz heißt das entsprechende Printmedium Blick.

Sonntag, 23. April 2023

Der Wette das Rennen

Nun beginnt wieder das Wettrennen am Abendhimmel. Der wieder zunehmende Fingernagelmond jagt Venus und Mars nach. Die Venus erreicht er heute Nacht, kurz bevor sie gemeinsam vor unseren Augen untergehen. Den Mars trifft er in drei Tagen, aber da ist der Mond bereits wieder bei Kräften. Halbvoll.

Der Lyriden Maximum hatten wir letzte Nacht. Bei uns am Wattenmeer ging der Segen nach der ersten Hitze als handfester Landregen nieder.

Samstag, 22. April 2023

Der Frösche kurzer Sommer

Die Heizung spingt auf Sommerbetrieb. Die Frösche läuten aber bereits das Ende dieses frühen Sommers ein und steigen ihre Leitern, Sprosse für Sprosse wieder ab.

Freitag, 21. April 2023

Dem Strich die Ergänzung

Der Unruh. Ein schöner Name für eine noch nicht existierende Figur. Ich sammle seit langem Namen. Seit kurzem schreibe ich sie in ein Heft. Mit Bleistift. Alphabetisch geht nicht, also muss die Niederschrift chronologisch erfolgen. Gefunden an dem und dem Tag, an dem und dem Ort. Doppelnamen sind besonders heimtückisch. Das weiß auch das Neue Namensrecht. Das Alte setzte bei Eheschließungen immer den Namen der Ehefrau mit Bindestrich hinter den des Ehemannes. So kommt es zu Verbindungen wie Mauti-Gattamorta oder Killer-Zimmermann, Nein-Miserez, Gutjahr-Dummermuth uä. Bei Straßennamen aber wird ein Ergänzungsstrich gesetzt, sagt der Duden und nennt als Beispiel die Ecke der Motz- und Albrecht-Dürer-Straße.

Donnerstag, 20. April 2023

Den Ketten die Pflege

Eine Verkettung unglücklicher Umstände? Der Mond ist neu! Ich habe das Fahrrad zur jährlichen Inspektion in die Werkstatt gebracht. Der Meister beanstandete die Kette. Wie viel ich denn gefahren sei? Da ich bei der letzte Inspektion einen neuen Fahrradkomputer brauchte, kann ich die Frage auf Knopfdruck beantworten: 2600. Die Kette müsste mindestens doppelt so lange halten. Ohne Verschleiß. Entweder falsch gefahren (was heißt das? Immer mehr oder weniger auf demselben Kranz) oder nicht richtig gepflegt (was heißt das? Nie geschmiert).

Nun denn. Der Mond ist neu. Das Fahrrad bekommt einen neuen Kranz und für den Kater einen neuen Korb. Obwohl Herrn Caruso der heutige Tierarztbesuch gnädig erlassen worden ist. Die kahlen Stellen im schwarzen Fell wachsen zu und er ist munter und bösartiger als jede Blondine. Verteidigt nach wie vor erfolgreich sein Revier. Am Dom sind immer noch Osterferien. Chorfrei.

Mittwoch, 19. April 2023

Der Abhängigkeit die Verheerung

Das Verheeren, das Verheertwerden, das Verheertsein. Verheerung anrichten. Kommt alles von althochdeutsch farheriōn und meint eigentlich etwas, meist ein fremdes Land natürlich, mit (s)einem Heer überziehen. Das Heer einfahren lassen und das fremde Land vereinnahmen. Seltsamerweise muss es, das Land, dazu immer erst verwüstet und geplündert werden, die Männer getötet, die Frauen vergewaltigt. heriōn bedeutete einst genau das: verwüsten, plündern, sich raufen bis aufs Blut. 

Heute gibt es Verheerungen vielfältiger Art. Nicht nur der sogenannte Angriffskrieg in der Ukraine richtet Verheerungen an. Sondern auch die unendlichen Kleinkriege an unseren Gartenzäunen. Mein Nachbar baut ein tiny house in seinen Garten. Für seinen Vater. Haus im Haus. Garten im Garten. Familie in der Familie. Der Garten, den er erst letztes Jahr aus Schönste angelegt hatte, wurde brutal verheert. Mit großem Getöse und mächtigen Greifern. Jede Blumenzwiebel, jede Baumwurzel untergegraben.

Dienstag, 18. April 2023

Den Tomaten das Fensterbrett

Vermeeren ist besonders schön am Wattenmeer. Ich schwimme in einem Meer von pikierten Baselbieter Rötelis, das sich über das Fensterbrett in mein ganzes Wohnzimmer hinein ergießt! Im richtigen Meer kann ich derzeit noch nicht schwimmen. Noch sind die Wassertemperaturen einstellig und der Wind pfeift bitterkalt von Nordost.

Montag, 17. April 2023

Der Kaiserin die alte Masche

Manchmal braucht es ein Kind, das die Wahrheit ans Licht hebt. Über den Nackten Kaiser. Oder der Kaiserin kunterbunter Luftballon! Ich habe eine Stecknadel! Pffffffrrrrrrr!

Das Klischee von blond und dumm oder Mutter und Helikopter bestätigt sich immer wieder. In Zeiten der Kunstfiguren und Kunsthaarfiguren, der künstlichen Verhütung und Kunsthaarfarben ist das besonders verheerend. Stillende Mütter sind ein Graus.

Das war heute wohl meine letzte Probe in Marne. Der Alt ist in einem erbärmlichen Zustand. Und die Hybris greift um sich. Ungesund. Giftig.

Erst beim lauten Stühlerücken hat mich eine Sopranistin auf meine neue Frisur angesprochen. Wenn eine Frau, sagte sie, während ein Bass mir Altem Alt wohlwollend den Holzstuhl aus der Hand nahm und oben auf den Stapel hievte, ihre Frisur radikal ändert, muss etwas in ihrem Leben geschehen sein. 

Nun denn. Vielleicht läuft die Zeit gerade rückwärts und die Kausalität schlägt Purzelbäume.

Sonntag, 16. April 2023

Den Lyriden der Thatcher

Sie tauchen ab heute am Nachthimmel auf, allerdings in noch bescheidenem Ausmaße. Das Maximum ist in einer Woche zu erwarten. Also Zeit genug, die Augen in den späten und frühen Nachtstunden Richtung Osten zu trainieren und den Körper bei immer noch eisigen Nachttemperaturen zu stählen.

Der Meteorstrom ist alt, die Chinesen haben schon vor 2700 Jahren einen heftigen Sternschnuppenregen aus dem Sternbild der Leier (lat. lyra - deshalb Lyriden) beobachtet. Der Ursprungskomet ist aber der erst seit 1861 bekannte Komet Thatcher (benannt nicht nach der iron lady, sondern nach dem Entdecker, dem amerikanischen Amateurastronomen Albert Thatcher). Die Erde kreuzt gerade dessen Umlaufbahn und durchquert die Staubwolken im Sonnensystem, die sich hinter seinem Schweif ausbreiten. Die Bruchstücke, die mit etwas 50  kms auf die Erdatmosphäre treffen und verglühen, höchstens 20 pro Stunde, erscheinen unseren müden Augen als Sternschnuppen.

Samstag, 15. April 2023

Der Stradivari die Philipps

16 Uhr, Maria-Magdalenen-Kirche Marne.

Die walisische Geigerin Siân Philipps spielt auf einer Stradivari aus dem Jahr 1699 exquisite Werke von Bach, Wellesz und Piazzolla. Und Heeren: Nordsee!

Sie hat bereits mit allen Größen der Musikwelt gespielt und wird gelobt: „One hour of ultimate emotion” (El Pais), „It is rare to hear such engaged, fiery playing…hard to imagine that more inspired performances could be possible” (International Record Review).

Und sie ist nicht zu verwechseln mit der britischen Schauspielerin, Dame Siân Philipps DBE.

Freitag, 14. April 2023

Dem Nacken die Kühle

Huuuuu ... der halbe Mond steht im Südosten bereits am Himmel. Vor der Sonne aufgegangen! Und er wird vor der Sonne untergehen. Ich fröstle am halboffenen Fenster. Ein halbfrostiger Morgen. Mein Oleander steht bereits draußen und muss es ertragen. Es weht mir kühl um den Nacken.

Gestern der Schritt zum Schnitt! Meine Frisöse ist letzten Herbst in Rente gegangen. Alle gehen in Rente. Die Ärzte, die Schornsteinfeger, die Baumkletterer. Auch die Frisösen oder Friseurinnen. Meist sind es Frauen. Der Kater hat eine weitere kahle Stelle. Dank meines Smartphones, das im Rahmen des Überwachungsschirms auch Bildaufnahmen speichert, habe ich, als ich das Bild mit zwei Fingern auf dem Bildschirm auseinanderzog und auf die kritische Stelle zoomte, entdeckt, dass sich da eine winzige Zecke festgebissen hatte. Und rund herum, vollmondförmig sind alle schwarzen Fellhaare ausgefallen. Also doch kein Pilz? Allergie? Schnöde Attacke eines über den zu warmen Winter am Wattenmeer mutierten Blutsaugers? Bislang ist es diesen Parasiten nie gelungen, meinen Kater kahlzuscheren.

Gestern also der Mut zum Schnitt. Neue Frisöse, neuer Kopf. Alles ab, sagte ich und sie zeigte sich erfreulich kooperativ. Die Haare sind schneller geschnitten als gewachsen oder gewaschen. Alles ab, der ganze Coronazauber, der Coronazopf, der Winterfrust, der Frostschutz. Zehn Jahre jünger, sagte die Nachbarin, als ich zu Hause vom Fahrrad stieg. Mir ist kühl im Nacken. Es gibt ja Mützen, meinte die neue Frisöse. Zum Frühstück schlinge ich einen Wollschal um den Hals.

Donnerstag, 13. April 2023

Die Farbe dem Kopf

Letzten Sommer schaffte ich mir einen signalgrüngelben Fahrradhelm an, den ich für jede Fahrt, die über den Meldorfer Marktplatz hinausgeht, aufsetze. Schon im Herbst ist mir aufgefallen, dass das Giftige und Grelle der Farbe schnell verblasst ist. Den ganzen Winter über wollte ich mich beim Hersteller erkundigen, ob das normal sei. Es wurde Ostermontagmorgen, als ich endlich, in Vorbereitung auf meine Tour gegen den Wind nach Windbergen zum Griffel griff. Bildlich gesprochen. Ich musste ja zuerst herausfinden, wie ich den Hersteller finde. Ich schrieb ins Blaue hinaus und ohne Hoffnung. Mir wurde blitzschnell und automatisch versprochen, ich würde innerhalb von 48 Stunden Antwort bekommen. Damit war ich mehr als zufrieden. Ich erwarte von niemandem, dass er an christlichen Feiertagen solchen Mist erledigt. Nach zehn Minuten entschuldigte sich jemand sehr höflich und korrekt. Das Gelb würde in der Tat leider verblassen. Aber ich könnte einen neuen Helm bekommen. Welche Farbe ich denn wünschte? Ich war perplex. Machte mich eiligst auf die Suche nach verfügbaren Farben. Noch hatte ich viel Zeit. Der Wind war bereits bissig vor dem Fenster. Stahlblau würde mir gut gefallen. Gibt es gerade nicht in meiner Größe. Aber Schwarzweiß? Und bitte noch die vollständige Adresse mitteilen. Damit der Helm so schnell wie möglich zu mir komme. 

Der Briefträger brachte ihn heute. Und erst jetzt wird mir bewusst, was ich angerichtet habe. Nun besitze ich zwei Helme. Der eine etwas verblasst, aber ansonsten vollkommen iO. Der andere etwas farblos, aber ansonsten vollkommen iO. Fabrikneu. Ich habe nur einen Kopf. Und der ist schon etwas ergraut. Welcher soll nun herhalten? Welcher Helm welchem Kopf? Welche Farbe welchem Hirn? Welcher Kopf welchem Helm? Ich habe mir Überfluss angehäuft.

Mittwoch, 12. April 2023

Der Artikel dem Zickzack

Jede Woche teilt mir meine persönliche Überwachungseinrichtung ungefragt mit, wie lange ich das Smartphone in der Woche davor nutzte. Und sie, die Einrichtung, stellt sofort den Vergleich mit der Vor-Vorwoche dar. Die Statistik. Sie fordert mich hartnäckig und erbarmungslos auf, dies zur Kenntnis zu nehmen. Ich kann das Pop-up nicht ignorien, denn zuweilen überdeckt es frech meinen ganzen Startbildschirm und blockiert alle Funktionen. In der Karwoche also, berichtet meine persönliche ÜE nutzte ich mein Smartphone im Vergleich zur Vorwoche (war das die Palmwoche?) 38 Minuten weniger. Pro Tag, falls ich die Statistik richtig lese. Also eine Art von Fasten, denke ich. Mein Konsum hält sich eh in bescheidenen Grenzen, um die 2 Stunden täglich. Davon sind 13 Minuten morning-Trampolin, 28 Minuten morning-Qigong, ca 37 (mal mehr, mal weniger - die Helvetierinnen sind maßlos!) Minuten Eu9 fest besetzt - bleibt also eine schwache Stunde für Sonstiges, Wetter, Duden, Neumen, Laudes oder Psalmen. Mal zur guten Nacht ein Flugunfallbericht oder James der Gärtner über Oleanderrückschnitt. Wer den nicht kennt, kann ihn hier kennenlernen.

Heute suche ich verzweifelt (im Smartphone!) den Artikel zum Zickzack. Warum darf ich nicht das Zickzack sagen und schreiben? Die Shintoisten kennen das Zickzackpapier, sogar das Doppelzickzackpapier, den gohei. Ein Objekt, das einen Gott beherbergen kann. Die Deutschen kennen nur den Zickzackgang oder die Zickzacklinie. Antwort auf alle Fragen erteilt Ihnen der Bußgeldkatalog.

Dienstag, 11. April 2023

Der Stolz dem Eichhörnchen

Auch Eichhörnchen zeigen sich "nicht kooperativ". Auch Eichhörnchen haben spitze Zähne. Nicht einmal in höchster Lebensgefahr wollen sie sich von Guten Menschen retten lassen. Sie beißen lieber kräftig in jede sich nähernde Händ. Herr Caruso ist also in guter Gesellschaft. 

In Dortmund soll ein Eichhörnchen in einen Gullydeckel eingeklemmt gewesen sein. Vor vier Jahren schon. Damals gelang es den beherzten Feuerwehrmännern nicht, das Tier zu befreien und so trugen sie es mitsamt Deckel zum Tierarzt. Der versetzte das Eichhörnchen in Tiefschlaf, ehe er es anfassen und befreien konnte. Herr Caruso lässt grüßen.

Nun soll in demselben Gullydeckel wieder ein Eichhörnchen festgesteckt sein. Nur der Kopf schaute heraus, und der sah sogar niedlich aus. Vielleicht war es dasselbe Eichhörnchen, aber das kann die Feuerwehr nicht mit letzter Gewissheit sagen. Die Männer befreiten das arme Tier zu Ostern ohne Narkose und es sprang ohne ein Wort des Dankes auf den nächsten Baum. Vielleicht sind Eichhörnchen lernfähig. Herr Caruso ist es. 

Ähnliche Geschichten gibt es von Ratten, die mit viel Winterspeck nicht mehr aus den Kanälen kommen. Aber ist das so schlimm? Wir sehen und hören uns bestimmt in vier Jahren wieder!

Montag, 10. April 2023

Der Wind dem Gong

16 Uhr Gongkonzert in der Kirche zum Heiligen Kreuz in Windbergen.

Sonne. Regen kommt erst in der Nacht. Wind bläst schon heftig, nimmt am Nachmittag an Stärke zu, ebenso die Bewölkung. Fahrradausflug steht also in den Sternen.

Sonntag, 9. April 2023

Der Plural den Halleluien

Ich kann mich den Osterglocken nicht ganz entziehen, zumal sie im Garten um die Wette blühen. Im newsletter von NEUMZ wird mir berichtet, dass das Hallejuja Confitemini Domino das "Hallejuja der Halleluien" ist. Nun denn. Die Benediktinerinnen in der französischen Provence sind wahrscheinlich des Deutschen nicht mächtig. Die newsletteri schreiben sie wohl auch nicht selbst, dazu haben sie keine Zeit, sie singen den ganzen Tag und die halbe Nacht. Was auch immer der Duden dazu sagt, besagter jubilus alleluiaticus erklang letzte Nacht nach der langen Fastenzeit zum ersten Mal wieder, in den Kirchen und unter den Würdeträgern, die diese Zeremonie nach wie vor pflegen. Und den Glauben an die liturgische Bedeutung gleich mit verbreiten, dass nämlich "die Sühne der heiligen Fastenzeit von Gott angenommen wurde und dass der himmlische Vater durch die Verdienste seines auferstandenen Sohnes der Erde vergibt, indem er ihr das Recht zurückgibt, den Choral der Ewigkeit zu hören und zu singen."

Die Orthodoxen sind noch nicht so weit. Heute feiern in Kiew und Moskau die Gläubigen und die Kriegsherren Palmsonntag.

Samstag, 8. April 2023

Die Länge dem Samstag

Sabbato Sancto - darüber habe ich noch nie nachgedacht. Dass Sabbato Sancto, der Ostersamstag, der Karsamstag nicht nur der stillste Tag des Kirchenjahres ist, sondern auch der längste. Und dass wir mittlerweile alle, ob Christen oder nicht, Gläubige oder Ungläubige, Cis oder Trans, Schwarz oder Weiß, in diesem elendiglich langen Samstag gefangen sind. Ein Leben lang. Möglicherweise sogar ein Jenseits lang. Hinter uns der Gau. Vor uns die Sintflut. Dazwischen: Stagnation. Immergrüner sabbato.

"Ein langer Samstag" ist der Titel eines (Interview-)Buches von und mit George Steiner, erschienen 2016. Der Autor erklärt darin den Titel so:

„Ich habe das Schema Karfreitag – Ostersamstag – Ostersonntag aus dem Neuen Testament übernommen. Das heißt: Am Freitag der Tod Christi, Nacht sinkt auf die Erde herab, [...] dann folgt die Ungewissheit, [... ] die Ungewissheit des Samstags, an dem nichts geschieht, sich nichts bewegt; und schließlich die Auferstehung am Sonntag. Dieses Schema ist von grenzenloser Suggestionskraft. Wir erleben die Katastrophe, [... ] und dann warten wir, und für viele endet dieser Samstag nie. Der Messias kommt nicht, und der Samstag dauert an. [...] Dieser Samstag des Unbekannten, der Erwartung ohne Garantien, ist der Samstag unserer Geschichte. Dieser Samstag enthält zugleich eine Mechanik der Verzweiflung [...] und der Hoffnung.“

Freitag, 7. April 2023

Der Tag dem Frei

Früher - schon wieder dieses "früher", phonetisch oder poetisch nahe an "fire"! - mochte ich an solchen Tagen noch etwas hören, traditionell Besinnliches eben. Bach oder Pärt. Passio. Rachmaninov meinetwegen. Oder neuerdings Gimon (Fire!) Mittlerweile mag ich nichts mehr hören. Auch nicht Voces 8 oder die Benediktinerinnen der Abtei Notre-Dame die Fidélité von Jouques. Schon gar nicht den deutschen Bassbariton der deutschen Bassbaritone. Der Lauf der Dinge hat mir akustisch vollkommen den Garaus gemacht. Ich mag nichts mehr hören, auch nicht von Tonleiter-Menschen, cis Frauen, trans Frauen bzw den entsprechenden cis und trans Männern, natürlich. Intersektionalität. Überkreuzungen. Auch ein Thema für die Christenheit am Karfreitag. Verwobenheiten. Himmel nochmal! Das Hirn brauche Langeweile, lese ich. Ich glaube eher, die Ohren brauchen Stöpsel.

Donnerstag, 6. April 2023

Der Rausch dem Kater

Der Mond ist am Morgen mit Sonnenaufgang voll geworden, kurz danach aber untergegangen. Er war ja lange genug, die ganze Nacht am Himmel. Wir, Herr Caruso und ich, machen am Mittag einen Ausflug nach Nindorf, weil die Tierärztin kurzfristig vor den Feiertagen noch eine Lücke frei hat und das Raubtier bzw seine kahlen Stellen im Fell begutachten möchte. Das Raubtier lässt sich aber nicht begutachten, und schon gar nicht anfassen. Es wehrt sich, faucht und beißt. "Nicht kooperativ" im Fachjargon. Die Diagnose erfolgt im Blindflug bzw nach Einsatz der Wood'schen Lampe, touchfrei. Das Tier kann darunter ruhig liegen und muss nicht die Zähne fletschen. Die vom Pilz befallenen Fellhaare zeigen ein fluoreszierendes Apfelgrün. Ich habe zwei Möglichkeiten: entweder den Kater waschen, mehrmals hintereinander, alle paar Tage vollkommen einseifen und durch- und ausspülen. Oder dem Hautpilz medikamentös auf den Leib rücken, mit einer Spritze heute und einer zweiten in zwei Wochen. Kosten: mein Leben oder das Honorar für eine Weihnachtsgeschichte in der Zeitung. Wir beißen in den sauren Apfel: erneuter Ausflug mit Fahrrad und Katzenkorb in zwei Wochen und weiterschreiben.

Zurück zu Hause, nach einem Schwatz am Straßenrand, bin ich so fix und fertig, dass ich nur noch Kraft für den Vertikutier habe. Das Wetter ist prächtig und Ostern nahe. Gründonnerstag. Der Kater schläft seinen Chemierausch auf der Bank an der Sonne aus.

Mittwoch, 5. April 2023

Der Mensch den Lesern

Seit 4 oder 5 Jahren hängt ein Zitat von Ludwig Börne an meiner Wand: "Trost gibt der Himmel, von den Menschen erwartet man Beistand". Ich weiß nicht mehr, bei welcher Gelegenheit ich es aufschnappte. Warum ich es von Hand notierte (mit einem Schreibfehler, s.u.)  und mit einer Stecknadel an die Wand nagelte. Nun kommt es mir wieder entgegen. Aus dem Radio. Am Abend vorgelesen. Und ich springe aus dem Bette (!), in dem bereits lage (!), weil ich endlich den Kontext habe:

"Das deutsche Volk hat noch zuwenig politische Aufklärung. Es kennt den Zusammenhang nicht zwischen einer repräsentativen Verfassung und seinem Magen. Es sieht die Gefahren einer Gewitterwolke nicht eher ein, bis der Blitz das Haus getroffen, und begreift die Wohltätigkeit eines befruchtenden Regens nicht früher, als bis es das in dem hundertsten Folgegliede entstandene Butterbrot in den Mund steckt. Man muß es von seinen sinnlichen Wahrnehmungen zu den obersten Grundsätzen hinaufleiten; der umgekehrte Weg führt zur Verwirrung, welche die Schlechten benutzen.

Und da auch ich, wie ich es schmerzlich fühle, noch in der Zwitterzeit erzogen bin, wo die Wissenschaft sich vom Leben schied und man eine doppelte Sprache für beide Welten erlernte und gebrauchte; da man in Büchern anders redete als mit dem Munde, so werde ich mich jener soviel als ausführbar enthalten. Ich will lieber nützen als gespriesen werden; Trost gibt der Himmel, von dem Menschen erwartet man Beistand." (Ludwig Börne, Ankündigung der Zeitschwingen, Gruß den Lesern, Juli 1819)

Dienstag, 4. April 2023

Der Mond der Nacht

Der Mond geht gerade auf. Schon ziemlich dick. Schön, aber astronomisch falsch ist, was in der Genesis am vierten Tag erschaffen wird: "So machte denn Gott die beiden großen Leuchten: die größere, dass sie den Tag beherrsche, die kleinere zur Beherrschung der Nacht und dazu die Sterne." (Gen 1, 16)

Über einen ganzen Monat zusammengerechnet, ist der Mond genauso lange am Tag zu sehen wie in der Nacht. Nur der Vollmond steht die ganze Nacht am Himmel - der Neumond aber den ganzen Tag (zusammen mit der Sonne)! Die Sonne ist ein reines Tagesgestirn. Die sieht man des Nachts nie. Der Mond ist kein Nachtgestirn, den sieht man tagsüber des öftern.

Montag, 3. April 2023

Das Bücken dem Rücken

Ich habe seit Mitte Februar 133 Trainings auf dem Trampolin absolviert. Genau 132 977 Sprünge. Ich muss mich jedesmal anmelden, einloggen, ein Training ansteuern und durchlaufen, durchhüpfen, durchspringen - auf meinem Minitrampolin nach Anweisung des Hampelmanns oder der Hampelfrau ("Coach" im Fachjargon und gendergerecht) auf dem Bildschirm. Auch der Kalorienverbrauch wird täglich aufaddiert, aber der interessiert mich nicht, da wird mir eher schlecht - ich muss das entstandene Loch wieder stopfen. Wie eine Gans. Oder das Lamm. Ich könnte die Daten exportieren, in einen privaten Kalender, den ich nicht führe. Oder gleich Google zum Fraß vorwerfen. Aber wozu?

Mich betrifft ja nur, was mich wirklich trifft. Die Schmerzen im unteren Rücken nach dem Bücken. Ich habe nur die paar Meter vor meiner Haustür gesäubert. Das Moos aus den Fugen zwischen den Platten herausgekratzt. Und den Rasen am Rand in seine Schranken gewiesen. Nun muss ich mir die Kalorien wieder zuführen, die ich verbraucht habe, die Noten einpacken und nach Marne zur Chorprobe fahren.

Sonntag, 2. April 2023

Der Frost der Woche

Für die ganze Woche ist Nachtfrost angesagt. Jeden Morgen weiße Weihnachten, beginnend mit heute, dem Palmsonntag! Bis zum Mittag bei strahlendem Sonnenschein Wetter wie am Mittelmeer. Wenn nur der Wind nicht wär! Ich getraue mich nicht vor die Tür.

Samstag, 1. April 2023

Sonifikation

Es ist kein Aprilscherz, dass Pflanzen untereinander kommunizieren. Sie flüstern sich Warnungen zu, wenn sie merken, dass sie von Schädlingen bedroht werden. Die Blätter von Maispflanzen sollen leicht flüchtige Chemikalien abgeben können, mit denen sie einerseits selbst die Insekten anlocken (und den Opfertod sterben wie Winkelried bei der Schlacht von Sempach), andererseits aber ihre Nachbarn alarmieren und zur verstärkten Produktion von Abwehrstoffen anregen. Tomaten sollen so raffiniert sein, dass sie nicht nur Warnungen und Handlungsanweisungen aussenden, sondern auch den Stoff für die Verteidigung mitliefern. Flüsternd.

Ich lese, dass Pflanzen bei Stress schreien - leider in einer Frequenz im Ultraschallbereich, die jenseits unseres Hörvermögens liegt. In unseren Ohren schweigen die Pflanzen weiterhin, aber ihren Artgenossen schreien sie wahrscheinlich doe Ohren voll, wenn sie abgeschnitten werden, wenn die Erntemaschine angerollt kommt, wenn sie vertrocknen oder weggeschwemmt werden. Scheint ja irgendwie logisch. Wir schreien auch bei jeder Gelegenheit, wenn uns etwas nicht passt. Je lauter, desto lieber.

Nun hat sich ein Klangkünstler (Autodidakt, Naturliebhaber, Schweizer) aufgemacht, das Ökosystem in Musik umzusetzen. Er will der Welt die Phänomene des Klimawandels akustisch darbieten, den Zustand der Natur mit seinen Kompositionen hörbar machen. Ich bezweifle, dass er außer einem Klangerlebnis mehr erreicht (zB den Zustand der beweinten Natur verbessert). Aber schön es ist allemal. Sich den Regenwald als Klangteppich ins warme Wohnzimmer zu holen. Beim Inneren einer Tabakpflanze dürfte es schwieriger werden, gerade für Nichtraucher. Und für Abstinenzler ist der Rebstock tabu. Und was ist mit Kakteen? Taubnesseln? Mit den Schmerzenselegien einer vom Asiatischen Baumwollwurm angeknabberten Fleischtomatenpflanze? 

Ganze Wälder sind schon angehalten, zu twittern (Twittering Trees). Die Bäume können das nämlich selbst, sie werden dazu fürsorglich mit Messfühlern und Sensoren verkabelt, ans WLAN angeschlossen und müssen ihre Vitalwerte dem World Wide Web freiwillig zur Verfügung stellen. Der Herzschlag eines Baumes kann so über den Wassertransport im Innern des Stammes bestimmt werden. Fällt er ab, stimmt der Wasserhaushalt nicht mehr. Dies ist eine Form des Hilfeschreis, der irgendwo ankommt und abgehört wird. Gegenmaßnahmen werden wahrscheinlich von einer AI ohne körperliche Gelüste ergriffen.