Mittwoch, 31. August 2022

Zeitalter

Ich schlage mich mit meinem Kopf herum. Das ist fast wie Fußballspielen. Nur dass ich die Hände bemühe. Also Handball? Meine Trampolintrainerin ist in die deutsche Nationalmannschaft der Volleyballerinnen Ü 40 aufgestiegen. Das kann sprachlich mehrere Gründe haben. Entweder gehört sie zu den 14 Besten. Oder sie hat die Altersgrenze überschritten. 

Ich komme wieder nicht an den Deich und ins Wasser.

Dienstag, 30. August 2022

Zeitenwende

Es ist kalt und ich friere, schlafe schon die zweite Nacht unter dem Dach. Jede Zeitenwende bricht unvermittelt über uns Menschen herab. Trotzdem trocknet der Garten kontinuierlich, von Tag zu Tag, von Nacht zu Nacht, von Vormittag zu Vormittag, Nachmittag zu Nachmittag mehr aus.

Montag, 29. August 2022

Caruso neu

Noch einmal Herzhorn. In Gedanken. Im Herzen. Ein aufgeräumter, aber leerer Ort. Blühende Vorgärten. Verlassene Häuser. Keine Menschen. Keine Kinder. St. Annen auf der höchsten Warft ist geschlossen. Steht unter Denkmalschutz, sieht von außen nicht danach aus. Vielleicht die Vorgängerkirchen. Denn auch St. Annen wurde wohl immer wieder vom Elbehochwasser zerstört. Ein Gingkobaum und eine schöne Holzbank.

Was noch? Ein Lebensmittelladen, seit April zu. Ein Bäcker, backt nicht mehr. Eine Sabine, wahrscheinlich Frisöse. Ein Gasthof, die Linde, die nun auch Brötchen verkauft. Aber Samstags nicht. Da sind offenbar alle Großen und Kleinen Herzhorner auf der Jagd nach dem Glück in Glückstadt. In der Linde waren alle Regale und Räume leer, die Kühltruhen und Kühltürme vom Strom getrennt. Außer uns Schiedsleuten keine Gäste. Wir tagten im Obergeschoss bei offenen Fenstern. In der Pause kurzer Spaziergang. Von der Dorfmitte durch die Dorfmitte um die Dorfmitte zurück zur Dorfmitte. Einziger Lichtblick: die Kindertagesstätte! Wurde 2018 mit den Carusos ausgezeichnet - hier singen die Kinder täglich.

Sonntag, 28. August 2022

Rasen neu

Nein, geregnet hat es bei uns nicht. Keinen Tropfen gab der glasklare Sternenhimmel her. Nur eine Sternschnuppe, die rasend von rechts nach links schoss, kaum hatte ich mich nach Mitternacht auf mein openair-Lager gelegt. Das Rasen oder der Rasen. Die Nacht war deutlich kühler und ich zog wieder meine Wollsocken über die Füße. Der Rasen aber wird von Tag zu Tag farbloser. Struppiger. Strohgelber. 

Nun lese ich zum Frühstück, dass einer aus Endingen (das könnte eine Kreuzung zwischen Edding und Erdinger sein) eine pfiffige Geschäftsidee hat. Greengraswater. Grüne Farbe für den verdorrten Rasen - den man vor dem Aufsprühen der Farbe unbedingt mähen soll. Das ginge bei mir schon mal gar nicht. Denn der Rasen wächst seit Wochen nicht mehr. Trotzdem: mähen, aufsprühen, drei Wochen Grün fürs Auge. Und die Seele. Das ist etwa so, wie das Kastanienbraun oder Wasserstoffblond auf dem Kopf. Hält auch drei Wochen, bevor der Ansatz wieder silbern blinkt. 

Aber was ist mit den schwarzen Samtpfoten, die durch das Grün schleichen, stundenlang im Grün auf dem Rücken liegen und den Bauch sonnen, oder vom Grün fressen müssen, weil sie es für die Verdauung brauchen?

Samstag, 27. August 2022

Mond neu

Schon wieder. Die letzten Nächte waren phänomenal, so dass ich immer erst am frühen Morgen die Augen schließen konnte. Musste immer gucken in diesen Sternenhimmel. Sicher hab ich alles gesehen, was da oben unterwegs ist. Ob mit oder ohne Weltraumteleskop, mit oder ohne künstliche Farbe, technisch möglichen Zoom und unerträglichem Sound. Bei mir ist es einfach still. Und der Mond hat sich nach und nach zurückgezogen, jede Nacht etwas mehr und hat dem Lichterlohleuchten die Bühne überlassen. 

Nun sitze ich bereits in Herzhorn. Etwas unausgeschlafen und benommen. Alles, was nämlich am Himmel nachts unterwegs ist, hat natürlich auch mich gesichtet, und versorgt mit kaltem oder warmem Licht, kalter oder warmer Energie, in meinem vertrockneten Garten. Mit einem schwarzen Kater, der treuselig Wache hält.

Freitag, 26. August 2022

Schweiz neu

Kürzlich machte eine Sängerin morgens um 9:13 Uhr im chat eine spitze Bemerkung zum Namen des Dorfes Nuglar. In Nuglar wohnten Tanten von mir und in meiner Erinnerung ist Nuglar einer der friedlichsten Plätze auf dieser Welt. Das mag nicht objektiv sein. Aber die dumme Einlassung einer Weltverbesserin aus dem Zürcher Oberland ist es auch nicht. Der Name geht auf lateinisch nucariolum zurück, was soviel heißt wie Nussbaumwäldchen, nett und poetisch angebracht - weil dort oben, auf der unteren Schichtstufe des Gempenplateaus, Nussbäume wachsen. Diese Nussbäume sind für das Schwarzbubenland, das mit seinen Kirschbäumen in Konkurrenz zu ganz Japan steht, ungewöhnlich und wohl bemerkenswert.

Irgendwann in den Anfängen dieses so helvetischen Unterfangens (Eu9) gestand eine der Vorsängerinnen, sie habe noch nie von Lausen gehört. Auch sie eine Frau im reifen Alter. Und ich fühlte mich schon damals "betupft". Schließlich bin ich im Baselbiet, in einem Nachbarort von Lausen groß und frech geworden. Das Baselbieter Wappen heißt im Volksmund Siibedupf und diese sieben Tupfer oder Kreise, Kugeln über dem roten Bischofsstab sind identitätsstifend für alle Baselbieter Seelen, auch die verlorenen. Denn diese sieben Tupfer unterscheiden uns von den Großmäulern, den Stadtbaslern oder Baselstädtern, den vermeintlichen Großstädtern mit ihrem schmucklosen rabenschwarzen Stab.

Vor ein paar Tagen fragte eine Schweizer Zeitung, die ich nicht lese, wie schweizerisch oder unschweizerisch Pratteln sei? Pratteln ist nun weissgott kein Allerweltsort. Liegt aber im Baselbiet! Ein Vorort von Basel und doch schon Landschaft! Unschweizerisch? Pratteln ist ab heute oder morgen Austragungsort des ESAF (Eidgenössisches Schwing- und Älplerfest). In Pratteln werden Wettkämpfe in Sportarten ausgetragen, die kein anderes Land kennt. Schweizerisch? Hornussen, Schwingen, Steinstoßen. Nebst public viewing (urschweizerisch?) mit oder ohne Ton, gibt es auf dem Festgelände Gastronomie, live Konzerte, "Anschwingen", "Ausstich" oder "Schlussgang", Rangverkündigungen, Siegerehrungen, Fahnenempfang, Festumzug, Final Unspunnenstein, Überreichung der Kränze und Lebendpreise (jaja!) sowie eine Medienkonferenz. Urunschweizerisch?

Donnerstag, 25. August 2022

Neuneu

Neunaugen befinden sich auf der Roten Liste. Früher kamen sie schon mal auch in die Küche, auf den Grill oder in den Räucherofen. Heute ist das nicht mehr angesagt. Ausgewachsene Neunaugen haben keinen Kiefer, ein Saugmaul und zwei Augen. Die Larven sind wurmartig und haben gar keine Augen. Die Fachwelt nennt sie Querder. Sie brauchen fünf bis sieben Jahre, um erwachsen zu werden. Also viel weniger lang als wir Menschen! Aber im Verhältnis zur Gesamtlebenszeit doch ungeheuerlich viel. Wenn sie ausgewachsen sind an ihren malerischen Flussoberläufen, wandern sie ab ins Salzwasser, leben ein paar Monate, anderthalb Jahre oder so, als Parasiten im Meer, saugen sich mit ihrem Saugmaul fest an Fischen, schlürfen deren Blut und raspeln am frischen Fleisch. Größere Neunaugen können auch Badende angreifen und von deren Blut zehren. Die Bisse sollen für Menschen ungefährlich sein.

Wenn sie genug haben, wandern sie zurück. Suchen wieder poetische Auen und süße Gewässer. Laichen. Sterben.

Der Name geht auf ein Missverständnis zurück. Das Neunauge besitzt auf jeder Seite sieben Kiemen und hat eine unpaare Nasenöffnung. Da diese Öffnungen für den menschlichen Betrachter wie Augen anmuten, wäre es eigentlich ein ZweimalNeunAuge.

Mittwoch, 24. August 2022

Dreieck neu

Hier im Norden heißt es eigentlich, Südwind sei Schietwind, Schietwind bringe Schietwetter. Noch ist nichts zu sehen oder zu spüren. Gluthitze. Nur die Tide ist auf Mittzeit umgesprungen, wir können also bei Hochwasser wieder schwimmen. Der Deich ist voll und ich drehe mein Dreieck im Wasser um. Damit ich mit der Strömung mitgehe, mich von ihr tragen lasse, jedenfalls über zwei von drei Seiten des gleichschenkligen Musters, und nicht unsinnig, mit dem Kopf gegen die Wand, gegen sie anrenne. Scheinbar klug (Weg des geringsten Widerstands) und trotzdem anstrengend. 

Ein habes Jahr Krieg - wer hätte das gedacht? Und noch immer nichts gelernt ...

Dienstag, 23. August 2022

Jupiter neu

Nun werden Bilder vom James-Webb Space Teleskop veröffentlicht, die eine völlig neue Sicht auf den Planeten erlauben. Die Infrarotbilder wurden nachträglich koloriert, um die Sache für uns arme Sünder anschaulicher zu machen: zum Beispiel das Polarlicht über dem Nord- und Südpol des Jupiters, die Wirbel des polaren Dunstes oder den sogenannten "roten Fleck" (ioch sehe ihn eher weiß) - einen Wirbelsturm mit größerem Durchmesser als die Erde. Alles irgendwie unvorstellbar und doch plastisch vor Augen geführt und gedreht. Hier ein livestream - der uns wahrscheinlich nur in einer Endlosschleife die Unendlichkeit zeigt.

Montag, 22. August 2022

Lavendel neu

Wieder ein Jahr um. Gestern abend zum Sonnenuntegang durfte ich wieder im Windschatten des Meldorfer Doms in einem versteckten Garten Lavendel ernten. Der Sommer ist schon wieder vorbei und mir wurde sturm im Kopf ob der Menge und der Betörung. Nun muss ich den neuen Lavendel verwerten. Den Alten entsorgen. Letztjährigen verbannen aus dem Kleiderschrank. Der neue kommt in Kuchen, in den Backofen. In die Marmelade, den Entsafter, in den Kochtopf, auf das Ceranfeld. In den Vorratsschrank, den Apothekerschrank, das Gewürzregal. Und so weiter. Und so fort. Neue Woche, neues Glück. Neue Ernte, neuer Duft. Neue Zeiten, neue Ziele.

Sonntag, 21. August 2022

Milchstraße

Nur wenn der Nachthimmel sehr dunkel ist, können wir noch - denn es wird Herbst! - die sommerliche Milchstraße sehen. Abertausende sich im Wege stehender Sterne. Nun denn. Meine Nacht war schwarz. Die Disco (Duncan Townsend?) hab ich nur gehört aus der Ferne, ihre Laserstrahlen und sonstigen Himmelsleuchtwerfer (Harlekin on Fire?) kontaminierten meinen Himmel über meinem Garten nicht. Schwarz wie die Nacht, der Mond spät und schon erbärmlich dünn. Die Sterne glitzernd. Da oben gibt es keine Ausweichmöglichkeit. Stau auf der Milchstraße. Sommerdreieck. Kreuz des Nordens. Pegasusquadrat. Der Herbst steht bereits über mir. Und das W - die Kassiopeia gewinnt allmählich an Form. Stand und Höhe. Licht. Ich schlafe erst ein, als das Licht am Nachthimmel erlischt. Im Morgengrauen.

Samstag, 20. August 2022

Jupiter

Jupiter soll derzeit das hellste Gestirn am Nachthimmel sein. Es leuchtet gerade um die Wette in der Nacht am Himmel über mir, ohne dass ich Namen oder Buchstaben zuordnen könnte. Saturn ist schon lange dan. Aber sein berühmter Ring, der sich aus Hunderten einzelner Ringe zusammensetze, wie Aufnahmen von Raumsonden beweisen wollen, ist von bloßem Auge natürlich nicht zu erkennen. Ich muss auch nicht alles erkennen können, was über mir am Himmel geschieht, während ich schlafe. Es ist vollkommen ausreichend, dass alles ist, wie es ist. Ein Mensch, sagen die Astronomen, erlebe gerade mal drei Saturnjahre. Denn der ist so weit weg, daerss er 30 Jahre braucht, um einmal um die Sonne zu kreisen. Und seit letzter Nacht soll endlich auch der Mars wieder sichtbar sein. Mit rötlichgelbem Licht! Ich glaube alles, was ich über den Sternenhimmel lese. Aber in den Morgenstunden wecken mich Regentropfen und ich ziehe sofort um. Ohne einen Blick zurück. Oder hinauf. Ohne Bedauern. Der Kater ist bereits im Haus.

Es hat nicht wirklich geregnet. Das heißt die Erde ist nicht getränkt worden. Und der Tag wird windig und warm, trocknet meinen Bambus aus.

Und am Abend schwimmen wir zum Sonnenuntergang. Das Wasser kommt erst spät und wieder sehr zögerlich. Nipptide. Die Luft fühlt sich herbstlich an. Ich fahre zurück in meinen Garten. Schlafen am Deich ist in diesem Jahr nicht mehr angesagt.

Freitag, 19. August 2022

For Rhea

Wenn ich richtig rechne, ist John Cage nicht über die 80 herausgekommen - nicht an Jahren. Aber auch die  "number pieces" halten sich eher im unteren (einstelligen) Zahlenbereich auf. Eighty (for 7 alto flutes, 7 English horns, 7 clarinets, 7 trumpets, upper strings) war eine der letzten Kompositionen im Jahr seines Todes, Eight (for flute, oboe, clarinet, bassoon, horn, trumpet, tenor trombone and tuba) aus dem Jahr davor.

Die Kompositionen 101 (1988), 103 und 108 ( beide 1991) wurden nicht mit Wörtern, sondern nur mit Zahlen betitelt. 

Hier kann Eight, part 2 angehört werden. Und hier Eighty (Achtung: lange Pausen, bereits zu Beginn).

Ergibt nach Adam Riese? For Rhea!

Donnerstag, 18. August 2022

Four Two

Es hat heftig geregnet letzte Nacht und meine Regentonnen liefen voll. Im Laufe des Tages trocknete alles wieder aus. Die Luft, der Boden, die Beete. Aber die Tomaten werden reif! Am Abend die erste Probe mit dem Domchor nach den Ferien. Wir lernen den langen Atem kennen. Länger ausatmen als einatmen. Kenne ich bereits aus Eu9. Wir singen lange Töne und fünf einzelne Buchstaben, von denen einer einmal wiederholt wird. Also sind es sechs. Die phonetische Anleitung nimmt mehr Zeit in Anspruch als die musikalische. John Cage. Four2. Das zweite Stück für Vier (Stimmen oder Instrumente). Eines der number pieces aus seinen letzten Lebensjahren. Eine Herausforderung für Dithmarschen!

"The published score consists of a title page, 1 page with written instructions and 4 leaves with music (notes in timebrackets). Each section (sopranos, altos, tenors, basses) has its own sounds with time brackets. The Soprano part consists of 3 systems and the Alto part of 4. Both Tenor and Bass parts consist of 6 systems. Every system has 1 tone each and dynamics are indicated. Each section may be divided into 2 or more groups, one group starting the sound, the second group continuing it. Like this, a sound may last longer than 1 group could hold it. The text consists of the letters of the state name, Oregon."

Mittwoch, 17. August 2022

Morgennebel

Dicker Nebel wie im Herbst weckt mich. Nach einer klaren Nacht. Ich habe lange in den Himmel geguckt und wollte nicht einschlafen. Der Kater hielt sich ebenso lange zu meiner Seite auf. Er bewachte den Eingang zu meinem outdoor-Schlafgemach. 

Die Feuchtigkeit am Morgen hat ihn wohl vertrieben. Oder der schwarzbepelzte Wächter hat was in die Nase gekriegt. Sich getrollt. Nebel schützt bekanntlich wie ein Duschvorhang. Dass der seine Unschuld verloren hat, muss Herr Caruso nicht wissen, denn er ist kein Kinogänger. Er wartet getrost vor der Küchentür auf sein Frühstück.

Dienstag, 16. August 2022

Der Wedernoch

Es hat geregnet in der Nacht! Und ich habe seit langem wieder einmal in meinem Bett unter dem Dach geschlafen. Die Hitze kommt mit Sonnenaufgang und ich weiß schon bald nicht mehr, wohin mit mir. An den Schreibtisch oder in die Versenkung. Der Kater weiß wohin mit sich. Unter den Bambus.

Gestern Abend war Chorprobenbeginn in Marne und ich bin zum ersten Mal seit Ostern mit öV gefahren. Aus dem klimatisierten Bus habe ich gesehen, dass montags in Meldorf immer noch Spaziergänger unterwegs sind. Ich konnte aber nicht lesen, was auf dem Transparent geschrieben stand, das der erste des mageren Grüppleins in der Hitze hochhielt. Mein persönlicher Winterfahrplan beginnt immer nach den Sommerferien. So wie im Supermarkt das Weihnachtsgeschäft.

Montag, 15. August 2022

Das Und

Und heute feiern die Katholiken einen ihrer größten Feiertage: Mariä Himmelfahrt. Auch die Polen. Offiziell heißt das Fest in ihrer Landessprache Wniebowzięcie Najświętszej Maryi Panny - was der wörtlichen Übersetzung des lateinischen Assumptio Beatissimae Mariae Virginis in caelum entspricht. Im Volksmund spricht man aber zärtlich von der Matka Boska Zielna - der Kräutermuttergottes. Oder Kräutergottesmutter. Oder eben deren Aufnahme in den Himmel, dann steht sie im Genitiv: Matki Boskiej Zielnej. So ist das mit der Sprache und ihren Regeln. Die Kräutermutttergottes ist die Mutter der schönen Natur Gottes. Duftende Blumen und wohlriechende Kräuter werden heute Körbeweise in die Kirchen getragen und während der Gottesdienste landesweit mit Weihwasser besprengt. Fische stinken und gehören naturgemäß nicht zu den Gaben in den Kircheninnenräumen. Geweihte Räume sind wie Intensivstationen: keimfrei! Und so sollen sie auch bleiben und die Betenden vor jeder Kontamination mit dem Teuflischen oder anderen schädlichen Giftstoffen wie Gedanken, Zeitungsmeldungen oder Pressebildern bewahren. Von und Und der Oder.

Sonntag, 14. August 2022

Die Oder

Mein Wort zum Sonntag. Auch die Natur kennt keine Korrekturtaste. Die toten Fische treiben schon seit Ende Juli im Oberlauf der Oder. Am 26. Juli holten die Bewohner von Oława (30 km südöstlich von Wrocław) eigenhändig 8 Tonnen aus dem Wasser. Und schlugen Alarm. Es interessierte keinen, da der Erste Vorsitzende vor seinem verdienten Urlaub an der Ostsee noch ein paar Wahlkampftermine absolvierte, und seine Limousine gerade mit frischen Eiern beworfen worden war. Im Staatsfernsehen wurde der Erfolg der Polizei präsentiert. Und ein feiger Regimekritiker. 

Bereits am 4. August sind in Wasserproben, die an der Schleuse von Lipki bei Oława entnommen worden waren, toxische Substanzen nachgewiesen worden. Heute wird gerade dies, das Auffinden toxischer Substanzen, von der Warschauer Zentrale bestritten. Vor vier Tagen wiegelte eine Sprecherin des polnischen Umweltamtes sinngemäß ab: nur weil ein paar Fische stürben, brauche man nicht in Panik zu verfallen und verbal aufzurüsten. Es handele sich, wie gesagt, um ein paar tote Fische und nicht um eine totale ökologische Katastrophe. Jetzt, wo die Giftbrühe mit ihrer in der Augustglut verwesenden Fracht im polnisch-deutschen Grenzgebiet angekommen ist, reagieren naturgemäß auch deutsche Augen und Nasen. Auf polnischer Seite beginnt erstmal ein Säbelrasseln und Aufräumen in den ungelüfteten Amtsstuben. Ich glaube, besagter Dame wurde das Wort in der Zwischenzeit entzogen. Oder sie verbringt ihren wohlverdienten Jahresurlaub an der Ostsee. Dies hilft wohlgemerkt weder dem Oder noch dem Und. Das Versagen der sogenannten Meldekette ist mit Aktionismus nicht mehr rückgängig zu machen. Die Schlamperei - wer kennt noch das Schimpfwort "polnische Wirtschaft"? - stinkt zum Himmel.

Samstag, 13. August 2022

Der Meteor

Physikalisch ist der Meteor eine Lichterscheinung, literaturgeschichtlich ein mittlerweile mehr oder minder, zu Recht oder Unrecht vergessenes Theaterstück von Friedrich Dürrenmatt (Uraufführung 1966 in Zürich). Meteoren sind bei Vollmond kaum zu erkennen, weil das Mondlicht ihnen die Show stiehlt oder die Bahn ausleuchtet. Vielleicht gibt es in der Literatur ähnliche Phänomene, die die Leuchtkraft eines Geniestreichs zunichte machen. 

Der himmlische Meteor (vulgo: Sternschnuppe) entsteht beim Eintritt eines Meteoroiden in die Erdatmosphäre. Ein Meteoroid ist ein mehr oder weniger kleiner Gesteinsbrocken aus dem Weltall. Warum und wo der sich losgelöst hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf die Erde saust er wohl aufgrund der Schwerkraft. Verglühen tut er aufgrund seiner geringen Größe. Denn wäre er von mächtigerem Umfang, würde er nicht verglühen, sondern als Meteorit auf die Erdoberfläche donnern und dort, je nach dem, kleineren oder größeren Schaden anrichten. Maurizio Cattelan zeigt in seiner 1999 entstandenen Skulptur La Nona Ora was passiert, wenn ein Papst (der damals amtierende Johannes Paul der Zweite) von einem Objekt aus der unchristlichen Unendlichkeit getroffen wird. Er fällt um! Dieser Meteorit erregt immer noch die Gemüter. Vergeblich versuchten einst zwei polnische Politiker, "ihren" Papst wieder aufzurichten. Kunst kennt keine Korrekturtaste und unaufrichtige Wünsche werden nie erfüllt.

Ich habe viele Lichtpfeile gesehen in den letzten Nächten am Deich und in meinem Garten. Nun ist Hochwasserzeit, 31° im Schatten und ich bleibe schön in meinem kühlen Haus.

Freitag, 12. August 2022

Frau Kühl

Ich bin voll des Lobes und preise derzeit die Kühle des Hochsommers. Sie ist natürlich weiblich. Und ich mache die Nacht zum Tage. Schlafe am Deich und verzichte auf mein Schwimmen im Dreieck. Ich könnte es im Watt abschreiten. So hell ist es. Der Mond ist gerade voll geworden und wacht über mir. Leuchtet die Welt aus. Ich könnte lesen. So hell ist es. Aber mir fallen die Augen zu.

Das Wasser kam still und leise. Und so geht es auch wieder.

Der Augustvollmond stehe in Saturnnähe, sagen die Himmelsgucker, und sei der letzte der vier Super-Vollmonde in diesem Jahr, größer, heller, weil beim Auf- und Untergang in gerader Opposition zur Sonne. In relativer, scheinbarer oder auch nur eingebildeter Erdnähe.

Donnerstag, 11. August 2022

Herr Rückert

Herr Rückert hat Vorfahren, die ihren Lebensunterhalt als Holzrücker oder Pferderücker verdienten. Frau Rückert ist die Frau vom Pferde- oder Holzrücker und hat bestimmt in ihrem Leben einen ganz anderen Beruf ausgeübt. Ich kenne niemanden, der so heißt.

Herr Caruso ist mein Untermieter und kam am frühen Morgen mit einem riesigen Tier im Maul angelaufen. Durch den Garten schnurstracks auf die offene Wohnzimmertür zu. Ich drückte sie vorsorglich von innen zu. Er bog ab. Schlau und rechtzeitig. Ich kenne seine Hin- und Rück- und Umwege. Er umrundete das Haus und wollte es durch die Katzenklappe betreten. Dadurch passte er aber mit seiner Beute nicht. Ich trat vor die Tür. Lobte den Killer und bat ihn, den toten jungen Feldhasen ins Rosenbeet zu betten. Das tat er sogar. Braves Tier. Dann fing er an zu beissen. Es knackte.

Den ganzen Tag rührte er sich nur gerade so weit vom Fleck, dass er immer im Schatten der Blutpflaume liegen blieb. Er war faul und vollgefressen. Den ganzen Tag bewachte er die Reste seiner Beute. Den ganzen Tag rührte er mein Futter nicht an. 

Ich dachte, ich würde den Kadaver am Abend auf dem Weg zum Deich in der Feldmark der Natur übergeben. Erde zu Erde ... Aber es war nichts mehr wegzurücken. Herr Caruso hat bis auf ein bisschen Flaum alles vertilgt. Die Ohren, die Pfoten, das Fell ...  

Die Sonne geht unter. Und kehrt auf dem Rückweg nie zum Ausgangspunbkt zurück. Der Mond geht auf und kehrt auch nie wieder dorthin zurück. Ich lasse Herrn Caruso verdauen und steige auf mein Fahrrad. Ich kenne niemanden auf Erden, der den Namen Rückert trägt und doch frage ich mich, wie wohl die Frau Rückerts heutzutage im Himmel hießen.

Mittwoch, 10. August 2022

Der Rückweg

Der Rückweg ist laut Duden der Weg, der vom Ziel zum Ausgangspunkt zurückführt. Wieder regt sich Widerspruch in mir. Der Rückweg ist ein anderer Weg als der Hinweg. Die Welt sieht nie gleich aus auf dem Rückweg. Deshalb hab ich kürzlich die Schuhfrau aus den Augen verloren. Das Ziel auf dem Rückweg ist nicht der Ausgangspunkt sondern das Ziel. 

Eines Tages werde ich einen etwa Dreitausendseitenroman schreiben über meine Hin- und Rückwege. Meine über Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte zurückgelegten Wege vom Haus zum Meer und vom Meer zum Haus. Zu jeder Tageszeit, zu jeder Nachtzeit, zu jeder Jahreszeit. 

Gibt es noch andere Zeiten, zu denen man unterwegs sein kann?

Dienstag, 9. August 2022

Der Holzrückeweg

Ein Holzweg, sagt der Duden, ende vielfach im Wald, sei keine Landstraße, führe zu keinem bestimmten Ziel. 

Der Holzrückeweg aber, sagen die Holzfäller, führe natürlich aus dem Wald und zu einem bestimmten Ziel. 

Der Holzrückeweg ist ein meist unbefestigter Weg, den gefällte Bäume notgedrungen nehmen, sei's auf Rückewagen oder Rückepferden, mittels Seilwinden oder Seilkränen, Forstschleppern oder Forstseilen, Ladekränen oder, in sehr schwierigem Gelände, gar durch die Luft, schwindelfrei befestigt unter lärmenden Helikoptern. Oder durch die Holzriesen, auf den Waldbahnen; im Frühjahr bei Hochwasser durch triften, im Winter bei Schnee und Eis auf ganz normalen Schlitten. Das Holz muss irgendwie aus dem Wald heraus in die Schreinerei hinein. Zum Weinheimer Stühlemacher oder zu anderen holz(s)innigen Menschen. Bis es in unseren guten Stuben landet, im Schlafzimmer oder in der Küche.

Schade um den Wald und die Bäume ist es allemal.

Montag, 8. August 2022

Der Holzweg

Der Holzweg ist nicht immer die schlechteste Wahl. Irgendwie muss jeder Mensch vorwärtskommen. Der Winterschlafsack hat mich gut durch die Nacht gebracht. Der Stühlemacher lebt und arbeitet dort, wo mein Verleger sitzt. Und ich bin nicht ganz sicher, ob ich den Holzmann in seinem Holzatelier bei einem meiner letzten Besuche im Verlag nicht schon einmal besucht habe. 

In meinem Haus befindet sich seit dem letzten Besuch der Schuhmacherin iR ein Stück des Menznauer Nussbaums, unter dem einst mit den Schuhmachern aus dem Napfbergland alles begann. Die Werkstatt ist geschlossen, der Baum gefällt und das Handwerk verschriftlich. Und ans Wattenmeer gelangte auf dem üblichen Weg eine der Menznauer Nussbaumnussschalen.

Sonntag, 7. August 2022

Der siebente Tag

Ruhetag. Waschtag. Verkaufstag. Der Mercedes fährt von meiner Auffahrt. Verschnauftag. Das Hochwasser kommt zu spät. Zur guten Nacht trinke ich das vorletzte Glas Vernaccia di San Gimignano und friere dann unter den Sternen im Garten, obwohl Herr Caruso zu meinen Füßen liegt, bis ich mich besinne. Und aufraffe. Obwohl es an und für sich nichts Schöneres gibt, als im Hochsommer zu frieren! Doch noch einmal aufstehe. Mich beim schwarzen Kater entschuldige. Für die Störung. Unruhe. Und im Haus den Winterschlafsack hole, hineinkrieche und endlich einschlafe.

Samstag, 6. August 2022

Das sechste Spiel

Wir fahren mit Umsteigen in Heide nach Hamburg. Wir sind nicht die Einzigen. Die Schaffnerin begrüßt über Lautsprecher die HSV-Fans, die CSD-Besucher und die Touristen aus Sylt oder Dithmarschen. Bittet alle um Nachsicht. Leider hört man ihre Durchsage kaum. Die Niebüller Fans machen uns zwei Plätze frei und leeren bis Altona alle mitgebrachten Flaschen.

Die Schuhfrau fährt mit dem ICE weiter nach Süden. Ich steige die Ringelnatztreppe hinab und gehe an der Elbe spazieren. Durch den Jenischpark wieder hoch, im Bargheer Museum passione e destino - schwarzweiße Fotos von Männern! Schönen nackten Männern! 

Am Abend fahre ich mit Umsteigen in Heide wieder nach Meldorf. Die HSV-Fans sind weniger geworden. Sie haben sich offenbar nach dem Spiel auf mehrere Züge und andere Attraktivitäten verteilt. Aber sie sind lauter. Und böser. Sie haben nichts mehr zu trinken. Ich muss mir meinen Sitzplatz selbst erkämpfen. Für das letzte Stück brauche ich fast eine Stunde. Weil der Bummelzug auf verspätete Gäste von der Insel wartet. Und dann noch einem Schnellzug die Vorfahrt gewähren muss.

Freitag, 5. August 2022

Der fünfte Mond

Der Mond wird halb und gewinnt wieder an Leuchtkraft. Wir fahren über Windbergen, Gudendorf, St. Michaelisdonn nach Marne. Das wäre der landschaftlich reizvollere Weg zu meiner montäglichen Chorprobe. Aber ich ziehe die Gerade an der Hauptstraße den Geestbuckeln vor. Wir werden mehrmals nass und keine der Wallfahrtskirchen ist offen. Bereits auf der ersten Steigung nach Nindorf kommen uns Pilger zu Fuß entgegen. Die sind sicher auf dem Jakobsweg, sagt die Schuhfrau auf ihrem himmelblauen Deichflitzer. Und wir vielleicht auf dem Holzweg, brumme ich unter meinem Signalgrünen Helm.

Donnerstag, 4. August 2022

Der vierte Stuhl

Handwerkskunst. Holzkunst. Unbeschreibbares. Sammelware. DNA von Stühlen. Sammlerware. Stühle, auf denen man sein ganzes Leben sitzen könnte. Unikate.

"Es gibt Tätigkeiten im Handwerk, die kann man auf schriftliche Form schwer übertragen. Ich könnte, was ich hier mache, gar nicht auf Papier schreiben.Wie ich den Hobel halte, warum ich jetzt ... das ist alles auch eine Erfahrung, ein Gefühl mit dem Material, was man erlernt, über viele Arbeitsstunden ... so ähnlich wie wenn man aufschreiben müsste, wie man sich die Schnürsenkel bindet ... das ist sehr schade im Handwerk, weil vieles, was wir haben, verloren geht, wenn alte Meister ihr Wissen nicht mehr übertragen können. Dass die das aufschreiben können, ist recht unwahrscheinlich." (Peter Hook, Weinheim - ARD Mediathek Minute 35:11-35:56 - bitte unbedingt auf die Bilder, die Hände und das Holz achten, mit denen der Text unterlegt ist)

Mittwoch, 3. August 2022

Der dritte Ausflug

Ich fahre wieder ans Ende der Welt. An die Eider. Nach T. - diesmal mit der Schuhmacherin und sie lächelnd auf einem himmelblauen Deichflitzer von der Klixbüller Konkurrenz. Ich hechle nebenher auf meinem altmodischen Zweirad. Wir verfahren uns mäßig vor dem ersten T, nehmen ein, zwei Dithmarscher Waldbäder und kommen doch auf die Minute pünktlich an. Picknick mit echt englischem Picknickkorb unter dem mächtigen Tulpenbaum (Liriodendron tulipifera). Wir tauschen Bücher und schreiben listige Widmungen. Rückfahrt leider gegen den Strich, sprich Abendwind. Kurzer Stop an Dithmarschens bester Eisdiele in N. Und hinter Dithmarschens Mitte verlieren wir uns plötzlich, weil mir der Westwind so sehr zu schaffen macht, dass die Deichflitzerin nicht mehr an sich halten kann. Nach einem Umweg über den Domhügel findet auch sie nach Hause. Ende gut, alles gut.

Die Zweite Hitze

Der vierte Supermond des Jahres ist im Anmarsch und wird uns das diesjährige Sternschnuppenfeuerwerk "ruinieren". Die Perseiden erreichen nämlich das Maximum ihrer Sternschnuppenaktivität dummerweise genau in der Vollmondnacht. Der Mond stiehlt uns Sternschnuppensüchtigen mit seinem kalten Licht die Show und verunmöglicht so die Erfüllung aller unterirdischen Wünsche. Also, raten die Himmelsgucker, guckt jetzt schon nach oben, denn die Schnuppen schnuppern, schauern, fallen und rieseln bereits jetzt. Ich kann das bestätigen. Ich schlafe draußen, das Thermometer zeigt immer noch über 20° im Schatten, und wünsche mir, wenn so ein Lichtpfeil nach unten, nach rechts oder links schießt, nichts anderes als eine weiterhin ruhige Nacht.

Montag, 1. August 2022

Der Erste August

Waldhorn. Orgel. Naturhorn. Und dann noch ein Alphorn, das der Hornist listig hinter dem Lettner versteckt hatte. Und hervorzieht. Ein Raunen geht durch den Meldorfer Dom. Und zu Hause singt mir mein Schweizer Besuch unter den Schweizer Fähnchen einen Schweizer Naturjodel. Die Klänge berühren, rufen aber kein Fernweh hervor, keine Bergsehnsucht, kein Heimweh.