Dienstag, 8. September 2009

Nostra via 2: Vicenza

Fahrradfahrer sind immer die ersten beim Frühstück im Hotel. Fahrradfahrer wissen, dass früh morgens die beste Zeit zum Radeln ist. Auch die Fahrradreisenden zu Bus folgen diesen eisernen Regeln. Ich ertrage sie im engen Frühstücksraum nur, weil sie mit einer Firma unterwegs sind, deren Name mir schon gestern Abend wunderbare Szenen aus einer ausgestorbenen Fernsehkrimiserie auf meinen persönlichen Bildschirm gerufen hatte. Adelheid und ihre Mörder!
Wir verlassen Bassano del Grappa über die Ponte Vecchia. Wir verlassen die Berge nach Westen. Dienstagsmarkt in Marostica - hier steht die letzte Festung in den Bergen vor der Ebene. Wir verzichten darauf, den Panoramaweg hochzusteigen. Wir haben beide bereits seit zwei Tagen genug von den Bergen. Wir sind beide überzeugt, dass die Berge nur dazu da sind, dass wir uns von ihnen entfernen. Wir fahren ein Stück auf der Hauptstrasse, bewundern den Kirchturm in Sandrigo, vergnügen uns ab Polegge auf dem Radweg bis Vicenza. Kurze Pause mit Kiwi, Apfel und Keksen. Mehr besitzen wir nicht mehr.
Wir kommen viel zu früh in Vicenza an. Das Relais Santa Corona ("un piccolo ed esclusivo hotel nel cuore di Vicenza") ist bis 14:30 Uhr geschlossen. Also machen wir uns ungeduscht auf zum sightseeing. Der Reiseleiter ist aufgeregt wie noch nie, wir nähern uns einem der Höhepunkte unserer Reise: dem teatro olimpico von Palladio! Danach absolvieren wir noch das weit weniger beeindruckende museo civico.
Erst spät am Abend merken wir, dass heute ein Feiertag ist und deshalb die siesta den ganzen Nachmittag und Abend, ja wahrscheinlich schon seit dem frühen Morgen andauert. Die Vicenzer gedenken der Madonna di Monte Berico, welche die Stadt im Mittelalter vor der Pest bewahrt haben soll.

Montag, 7. September 2009

Lunga via delle Dolomiti: Bassano del Grappa

Zum Frühstück gibt es bei den neapolitanischen Schwestern hausgemachte Feigenmarmelade. Wir brechen um 9:30 Uhr im La Casona auf, kaufen beim nächsten Tabacco 3 Liter Wasser und folgen den Wegweisern der lunga via delle Dolomiti. Wieder haben wir einen Pass vor uns. Wieder treffen wir keinen einzigen Fernradfahrer. Sondern nur Rentnergruppen, die ihr Gepäck - und je nach Steigung auch sich selbst mitsamt Fahrrädern - in Bussen transportieren lassen. In Travagola (Chiesa Madonna di Caravaggio) kommen uns nochmals Wandmalereien entgegen. Schöne Fahrt am Monte Aurin vorbei nach Arten und Fonzaso. Hinter Agana machen wir Pause und Notizen. Danach verlassen wir den lunga via ... wieder, fahren am Lago di Corlo vorbei und nehmen einen sehr ordentlichen Anstieg in Kauf. Die Fahrräder eine halbe Stunde in der Mittagshitze schieben. Eine gestylte Bikerin überholt uns federnd bergaufwärts. Auf den Serpentinen ins Cismontal hinunter kommt sie uns wieder entgegen. Was für ein Montagsvergnügen! Schwieriger Übergang zurück auf die lunga via ... - den Radweg der Brenta entlang. Wir müssen zweimal ein kurzes Stück auf der Autobahn fahren. Danach kommt zum ersten Mal Wind auf. Gegenwind. Die Brenta (bei mir ist sie weiblich) hat eine tiefe Schneise zwischen die Felsen geschlagen, wunderbare Kraft des Wassers, wunderbarer Radweg, wunderbare Steine. Gepäcklose Rentner. Pause in Valstagna in der Gelateria da Gino, gemischtes Eis und Espresso an der Wildwasserstrecke. Die letzten zehn Kilometer fahren wir auf der Straße. Die Beine werden schwer. Die Kehle trocken. Meine Augen tränen. Über die Ponte Nuovo fahren wir in Bassano del Grappa ein. Der Name der Stadt leitet sich nicht von einem bekannten alkoholhaltigen Getränk ab, sondern vom Monte Grappa, dem 1742 Meter hohen Hausberg. Wahrzeichen der Stadt ist die holzüberdeckte Brücke Ponte degli Alpini. Wer auf ihr steht, ist angehalten, das in ganz Italien bekannte Alpenjägerlied anzustimmen: "Sul ponte di Bassano, noi ci darem la mano, noi ci darem la mano, ed un bacin d'amor!"
Beim Abendessen (Tintenfisch mit Polenta - auch hier gestaltete sich die Suche nach einem geöffneten Restaurant schwierig) nehme ich meinem Reiseleiter das Versprechen ab, dass wir nur so lange Fahrrad fahren, wie wir unseren eigenen Krempel mitsamt gebügelten Hemden und Ausgehschuhen mit uns tragen mögen. Nur so lange, wie wir selbst in eine Stadt wie Bassano del Grappa hinein und wieder hinaus finden. Dass wir uns nie einer Gruppe anschließen und von einem spot zum anderen transportieren lassen wollen, im klimatisierten Bus mit Fahrradanhänger, nur um dann zwei, drei Kilometer in einer gefahrlosen Landschaft allein gelassen zu werden.
Nach dem Abendessen findet mein Reiseleiter das Motto unserer Reise. Das Handwaschbecken in der Herrentoilette des Restaurants funktioniert nicht. Am Spiegel hängt ein handschriftlicher Zettel: "rotto". Mein Kartenleser kommt an den Tisch zurück mit der Einsicht, dass dieses eine italienische Wort wie kein anderes auf der Welt etwas absolut Absolutes und unumkehrbar Unumkehrbares ausdrückt.

Sonntag, 6. September 2009

Nostra via: Feltre

Sonntagmorgenspaziergang durch Belluno. Die Tourist Information ist offen und eine kompetente junge Dame erlöst meinen persönlichen Reiseleiter unerwartet von seinem Dilemma. Sie empfiehlt uns, mit Blick auf die Uhr und den Kalender, die Südroute dem Piave entlang bis Feltre zu fahren. Die Straße sei breiter als auf der Nordseite des Flusses. Am Sonntag sei wenig Verkehr. Wir verlassen die lunga via delle Dolomiti. Wir nehmen unseren eigenen Weg. Ich habe den besten Kartenleser der Welt bei mir. Und er, mein Kartenleser und Reiseleiter hat die beste Mechanikerin der Welt bei sich. Mir machen die Augen zu schaffen. Die Abgase reizen meine Schleimhäute. Er ist, wie immer, guter Dinge. Wir durchqueren um 10:45 Uhr das Zolltor von Belluno. Die Landschaft wird sanfter und grüner und wärmer. In Mel machen wir Mittagspause auf dem Kinderspielplatz hinter dem archäologischen Museum. In Lentiai ist Maisfest. Hätten wir das gewusst, hätten wir hier Polenta gegessen. Nun sind wir bereits satt. Die Hitze plagt uns. Nicht ohne Grund machen alle Menschen in diesem Land - außer uns Touristen - Siesta. Wir fahren tapfer weiter und erreichen am frühen Nachmittag unser Möchtegern-3-Sterne-Hotel La Casona in Feltre. Mein Reiseleiter sagt, es sei das einzige Hotel, das er im Internet gefunden habe. Wir duschen und überqueren frisch angezogen die neue Fußgängerbrücke in die Stadt. Hier treffen der Fluss Uniera und der Fluss Ligoni aufeinander. Wir schauen uns die römischen Reste unter dem Dom an, essen Waldbeereneis, steigen durch das Kaisertor die Mezzaterra hoch zur Kathedrale und zum Castello, bewundern alte Paläste, bemalte Wände, Marmorsäulen, besichtigen ganz nebenbei mehrere kleine, meist kahle Kirchen, die aus irgendeinem Grund nur heute offen sind. Auf dem Rückweg sind wir hungrig. Wir möchten essen. Es gibt nicht nur kein zweites Hotel in Feltre, es gibt auch kein einziges Restaurant auf unserem Weg. Die Altstadt ist eine Art Freiluftmuseum und die Neustadt besteht aus einer am Sonntag geöffneten Oviesse-Filiale, mehreren Eiscafés und Osterias, in denen es nichts Warmes zu essen gibt. Wir kehren reumütig in unser Hotel zurück, wo man uns am Nachmittag zur Begrüßung skonto im Restaurant versprochen hatte. Als wir ankommen, heißt es, das Restaurant sei Sonntagabends leider geschlossen, transportiert uns aber unverzüglich con la macchina um die Ecke zu mama, in die Pizzeria Sole di Napoli, wo wir nicht anstehen müssen für einen freien Tisch, sondern als Gäste der Töchter bevorzugt behandelt werden.
Ich schlafe ein, verwirrt von einer italienischen Stadt im Dolomitenvorland, in der alles in feurigen neapolitanischen Händen liegt.

Samstag, 5. September 2009

Ciclabile delle Dolomiti 2: Belluno

Nachdem wir die hier sichtbare Welt von oben eingehend betrachtet haben, steigen wir am Mittag wieder auf unsere gelben Fahrräder. Das meteorologische Wunder, das wir gestern eingefordert hatten, ist eingetroffen. Wenn auch mit Verspätung. Wir danken dem Himmel und der Erde. Ein Prachtswetter. Ein Prachtsfahrradweg. Den ganzen Tag nur abwärts, fast durchgehend auf Asphalt, durch das kurvenreiche Valle di Cadore. Fast durchgehend durch Wald. Es riecht, wie es am Wattenmeer nie riecht. Nach Tannennadeln. Wieder gibt es, nur für uns Radler, lange stillgelegte Eisenbahntunnels. Wir kommen schneller in Calalzo an, als wir denken können. Wir haben die Abzweigung zu Tizianos Geburtshaus in Pieve die Cadore verpasst, macht aber nichts. Hier hört die Bahntrasse auf, ein Fahrradweg zu sein. Der Ciclabile delle Dolomiti, an den wir uns bereits gewöhnt haben. Hier wird die Bahntrasse wieder, was sie früher war: ein Schotterbett mit Eisenbahnlinien, auf der eine reguläre Eisenbahn fährt. Es ist schon spät und es ist sehr heiß. Wir sind durch den Ausflug in den Himmel hinter die Zeit und über die Temperatur gekommen. Die Strecke bis Longarone führt einer vielbefahrenen engen Straße entlang und wird von keinem Fahrradreiseveranstalter wirklich empfohlen. Deshalb steigen wir um 16:27 Uhr in Calalzo in den Zug, die schweren Fahrräder dürfen wir über die Geleise zum binario 3 schieben. Wir überqueren im Zug bei einem Apfel und einem Stück Schüttelbrot den Fluss Piave. Wir verlassen den Zug um 17:03 Uhr in Ponte nelle Alpi. Bei fürchterlichem Lärm. Schienen werden mit einem modernen Arbeitszug verlegt. Wir flüchten. Uns erwartet der Berufsverkehr. Wir kämpfen uns über staubige Hügel durch die Vororte Safforze, Fiammoi und Cavarzanon. Wir gelangen in der Abendsonne nach Belluno. Wir sind tatsächlich auf 397 Meter über Meer angekommen. Wir suchen die Piazza dei Martiri, als primo essen wir Kürbisgnocchi, als secondo Hirsch mit Polenta. Danach falle ich todmüde ins Bett. Vor dem Hotelfenster die erste wahrhaft italienische Italianità.

Freccia nel Cielo

Entgegen aller Wettervorhersagen scheint die Sonne. Es ist wie im Märchen. Oder im Bilderbuch. Der Regen hat sich vor Sonnenaufgang aus dem Staub gemacht. Mein persönlicher Reiseleiter ordnet, kaum schlägt er die Augen auf, eine Änderung des Tagesprogramms an. Wir fahren, bestimmt er, mit dem Pfeil in den Himmel. Mit der Seilbahn Freccia nel Cielo auf die Tofana di Mezzo. Eigentlich sind es drei Seilbahnen. Und ich habe schon in der ersten weiche Knie. Obwohl unter uns die Bobbahn zu sehen ist, auf der die Brüder Angst 1956 ihre Goldmedaille holten. Obwohl darum herum ganze grüne Lärchenwälder erstaunlich aufrecht in der Welt stehen. Angeblich wurden die Lärchen für den Schiffsbau in Venedig benötigt. Früher, als es noch Schiffe mit Masten gab. Angeblich retteten damals die Angsts das sportliche Ansehen der Schweiz, weil der Toni Sailer, einer dieser Antons, Gott hab ihn selig, allen helvetischen Skifahrern haushoch überlegen war. Die zweite Gondel hängt an einer fast senkrechten Felswand. Ich vertraue still darauf, dass die 1499 Meter Kabel den Höhenunterschied von 699 Metern mit uns beiden und vier erstaunlich gut gelaunten und geschwätzigen Italienern aushalten. Auf Ra Valles vertreten wir uns kurz die Beine, bevor wir in die dritte Bahn umsteigen. Eine Umkehr mitten drin gibt es nicht. Oben, auf 3191 Metern über Normalnull erwartet uns Eis und Schnee, ein klarer Himmel, eine klare Sonne, eine klare Sicht über die ganze, so klare Welt. Von den Alpi Giule über Marmarole, Sorapis, Monte di Zoldo, Civetta, Pale di San Martino, Marmolada, Gruppo Sella, die Pütz- und Ötztaler Alpen, die Stubaier Alpen, die Alpi Aurine, die Zillerthaller Alpen, die Vedrette di Ries, bis hin zu den Hohen Tauren. Mir ist schwindlig und ich ruhe mich auf der Sonnenterrasse aus.

Freitag, 4. September 2009

Ciclabile delle Dolomiti: Cortina d'Ampezzo

Wir erwachen im Hotel Rosengarten auf 1240 Metern über Meer. Am östlichen Ausgang des Hochpustertals. Unterhalb einer wichtigen Wasserscheide. Die Rienz fließt nach Westen, in die Adria. Die Drau fließt nach Osten, erreicht in Osijek die Donau und begleitet sie als viertgrößter Nebenfluss ins Schwarze Meer.

Es geling uns nicht, dem Regen zu entkommen, obwohl wir früh aufbrechen. In Villabassa holen wir die Leihräder und sind bis auf die Haut nass, bevor wir die Leihhelme auf den Kopf gesetzt haben. Der Inhalt meiner Satteltaschen ist nass, bevor ich W's wasserdichte Taschen mit dem Imbusschlüssel 3 festgeschraubt habe. Das gestärkte Hemd für Venedig, die Bundfaltenhose, das Seidenkleid, das unzerknitterte Leinenjackett, die Ausgehschuhe ... was wir eben so brauchen am Ende unserer Reise. Wir trinken in der ersten Cafeteria auf unserem Weg einen wunderbar italienischen Cappuccino und warten auf das meteorologische Wunder. Vergeblich. Auch nach einer Stunde ist es noch nicht eingetroffen. Also radeln wir im Regen los. Zurück nach Dobbiaco, die erste Steigung ist ein Schock, dann auf der Trasse der ehemaligen Dolomiten-Eisenbahn nach Süden. Schotter hin oder her. Steinbruch (das Fahrrad schieben oder tragen) hin oder her. Wir fahren am Lago di Dobbiaco vorbei, durch die Dolomiti di Sesto, ahnen in der Ferne, in der Höhe, in den schwarzen Wolken die Tre Cime Lavaredo und passieren den Lago di Landro (Dürrensee) gerade als ein Sonnenstrahl den Nebel zerreisst. Den Monte Cristallo umfahren wir in westlicher Richtung, 300 Höhenmeter müssen wir trotzdem gewinnen, der Himmel hat sich wieder verdüstert, um über den Passo Cimabanche, zu deutsch das Gemärk, zu kommen. Oben klart es auf. Ein ladinisch sprechendes Bikerpärchen muntert uns auf "you are on the top, almost". Wir entledigen uns der Regenkluft, machen keine Pause wie alle anderen (unzählige Radlergruppen tummeln sich hier), sondern fahren auf dem schönsten Radweg der Welt, einsam zu zweit durch eine breite Schlucht, durch mehrere von Eisenbahnschienen befreite Eisenbahntunnels (W. juchzt vor Begeisterung, so kenne ich ihn gar nicht) und gelangen zufrieden mit uns und der ganzen Dolomitenwelt nach Cortina d'Ampezzo. Wo wir bleiben. Uns im Hotel Corona sofort ausziehen. Alle nassen Sachen zum Trocknen aufhängen. Auch die Taschen und Helme. Kaum sitzt W. in der Badewanne, bricht draußen ein heftiges Unwetter los.
Wir machen diese Reise durch diesen Regen nur, damit ich in Cortina d'Ampezzo an der Piazza Roma den Turm der Pfarrkirche besteigen kann und die Hänge sehe, an denen Toni Sailer am 3. Februar 1956 alle Goldmedaillen in den Skiherrenwettbewerben gewann. Aber es regnet und ich bin zum ersten Mal müde. Also verzichte ich darauf, die ungezählten Stufen im Kirchturm hochzusteigen, nur um oben das zu bewundern, was ich auch von unten sehe: einen Regenvorhang.

Donnerstag, 3. September 2009

Toblach / Dobbiaco

Mit den gepackten Fahrradtaschen in den Händen und einem Rucksack auf dem Rücken verlassen wir Meldorf in der Früh Richtung Südsüdost. Das Wetter interessiert uns heute noch nicht. Wir sitzen vierzehn Stunden lang im Trockenen, lassen die Beine baumeln oder legen die Füße hoch und studieren Karten und Höhenangaben. Es ist bereits wieder dunkel, als wir in Toblach bzw. Dobbiaco aus dem Zug aussteigen und unser Nachtquartier suchen.