Sonntag, 7. Mai 2023

Der Nägel 2x13

Die Feen haben vertikutiert und sind wieder abgezogen. Ich bin nicht zufrieden. Immer noch viel zu viel Moos im Boden. Ich solle den Rasen lüften, empfahlen sie. Bevor sie abzogen. Ins wohlverdiente Wochenende. Bevor sie ihn kalken. Vor dem nächsten Regen. Ich krame meine Rasenlüfterschuhe hervor, schnalle sie mir um die Gummistiefel und trete Löcher in den Boden. Rutsche immer wieder aus dem Nagelfußbett. Suche andere Schuhe. Wanderschuhe! Damit geht es noch schlechter. Die Sohle ist zu fest, für anderen Untergrund gemacht. Nicht für eine unbeugsame Kunststoffplatte. Der Wanderschuh selbst ist zu selbstbewusst, will wandern, duldet keine Spikes. Die Füße leiden. Ich finde meine uralten grasgrünen Tennisschuhe, die ich so nenne, weil ich altmodisch bin und kein besseres Wort finde. Sie sind von der Sonne ausgebleicht wie mein Fahrradhelm und an der Seite schon leicht aufgerissen. Belüften die Füße perfekt! Tennis habe ich in meiner Lebtag noch nie gespielt, weder mit diesen noch mit anderen Schuhen. Aber Rasenlüften geht perfekt. Der eine Nagel links vorne wackelt. Lässt sich festschrauben. Und so komme ich endlich in kleinen Schritten, indem ich jeweils einen Nagelschuh vor den anderen setze, einmal längs und einmal quer über die vermooste Fläche. Mit zweimal Dreizehn Nägeln an den Füßen = wieviele Lüftungslöcher?

Samstag, 6. Mai 2023

Des Duftes Weite

Der öffentliche Raum wird auch "beduftet", lese ich, sehr zum Leidwesen von Allergikerinnen und Asthmatikern. Das fängt an im Treppenhaus und hört nirgends mehr auf. Weder an der Bushaltestelle noch im Stadtpark. Der angebliche Wohlgeruch lauert überall. Im Haar einer Kundin an der Kasse im Supermarkt, in den Designerklamotten ganzer Schulklassen auf Klassenfahrt. Aber auch im Kinderspielzeug, in Verpackungen, auf öffentlichen Toiletten ... Ganz zu schweigen von all den parfümierten Putz- und Waschmittel. Die eigene Wohnung (oder das eigene Auto) duftfrei zu halten, sei ein ständiger Spießrutenlauf, klagen Betroffene. In Urlaub fahren zu wollen, scheitere spätestens an der Bettwäsche.

Freitag, 5. Mai 2023

Der Öffentlichkeit Raum

Vor ein paar Tagen beklagte ich die Bilderflut, die alles Geistige ersäuft und im Nachgang zur digitalen Revolution die Phantasie in die überflüssig gewordene Dunkelkammer sperrt. Nebenbei bemerkt ist das Wort digital - das Zauberwort unserer Zeit - etymologisch verwandt mit digitus, lateinisch für Finger. In der Medizin meint digital das Anfassbare: der Arzt untersucht eine Stelle am Körper seines Patienten mit den Fingern. Und schiebt nicht den ganzen Körper des kranken Menschen in die Röhre. Ende der Abschweifung.

Seit Jahren bemühe ich mich, gedanklich keinen Blick zurückzuwerfen. Nicht auf einen Eintrag von "vor ein paar Tagen" zurückzukommen. Das hat mir (m)eine gestrenge Lehrmeisterin beigebracht. Heute muss ich auf die Bilderflut zurückkommen. Kino existiert ja per definitionem nicht ohne Bilder, Kinematographie ist so etwas wie Aufzeichnung/Wiedergabe bewegter Bilder. Bildersturmflut. Nun forderte kürzlich jemand in einer analogen Gesprächsrunde dezidiert und wiederholt, der öffentliche Raum Kino müsse (wieder, wenn ich mich recht entsinne) geöffnet werden. Ich war perpelx. Ist das Kino ein öffentlicher Raum? Wie die Kirche oder der Marktzplatz, der Parkplatz, der Supermarkt? Und war dieser öffentliche Raum jemals geschlossen? Es wurde gewettert gegen Multiplex-Kinocenter und Filmpaläste, gegen streaming, klar, und als Gegensatz zum heimischen Sofa oder privaten Smartphone all over the world eine (längst abgesoffene?) Welt heraufbeschworen, nämlich der durch lichtdichte Vorhänge abgeschlossene Raum in einerm Provinz(verzehr)kino, in dem alle mucksmäuschenstillsitzen und in eine Richtung gucken. Die be- oder übervölkerte Dunkelkammer?

Vollmond und Halbschattenfinsternis. Der Mond wird vom Halbschatten der Erde bedeckt und zeigt im von der Erde ersichtlichen Universum (=öffentlicher oder offener Raum?) keinen Schatten, nur eine gleichmäßige Tönung (Verdunkelung).

Donnerstag, 4. Mai 2023

Der Novelle Meister und sein Stück

Der schreibenden Mutter, die mich kürzlich anfauchte, weil ich ihre Novelle kritisierte, sei's gesagt: das Wort "Novelle" auf dem Cover macht den Text noch lange nicht zu einer solchen. Nicht einmal wild kopulierende Protagonisten zwischen den Buchdeckeln erheben das Ganze aufs Pantheon (The Most Excellent and Lamentable Tragedy of Romeo and Juliet). 

Zur Nachhilfe kann Frau Mutter, wenn ihre Kinder endlich Ruhe geben, sich gerade am Abend ein Meisterstück vorlesen und sich vormachen lassen, wie Figuren modelliert und in ein soziales Spannungsfeld gepflanzt werden, in dem das tragische Ende unausweichlich bleibt. So bekommt sie ganz umsonst einerseits ein bisschen schreibtechnisches Rüstzeug und andererseits im allerersten Satz eine Lektion der Demut: "Diese Geschichte zu erzählen, würde eine müßige Nachahmung sein, wenn sie nicht auf einem wirklichen Vorfall beruhte, zum Beweise, wie tief im Menschenleben jede jener Fabeln wurzelt, auf welche die großen alten Fabeln gebaut sind." (Gottfried Keller, Romeo und Julia auf dem Dorfe.  Zitiert aus: Gottfried Keller Werke, Hrsg von Gustav Steiner. Birkhäusers Klassikerausgaben, Band 3: Die Leute von Seldwyla, S. 69)

Mittwoch, 3. Mai 2023

Das Offen der Barung

Ich wundere mich immer wieder, warum heutzutage alles erklärt werden muss. Ich höre Nachrichten in nicht leichter Sprache (auch das gibt es und zu Recht), die trotzdem beginnen mit "In dem Land Ukraine ..." oder "Die Zeitung die Zeit / die Welt / .." oder "Das Magazin Der Spiegel ..." oder "Die Partei Die Partei / Die Linke / Die Republikaner / Die Violetten / Die Urbane ...". 

Heute früh höre ich einen Bericht über die letzte Generation und die christliche Hoffnung. Darin - in dem Bericht - fällt ua der Slogan "Nein und Amen", mit dem Vertreterinnen und Vertreter der letzten Generation nun von der Straße auch in die Kirchen gehen wollen. In Gottes Namen ... Mich erinnert dieser Schritt an das Gleichnis vom Nadelöhr (siehe Matth 19:24, Lk 18:25, Mar 10:25), aber ich will nicht abschweifen und nicht ablenken und auch am frühen Morgen bei der Sache bleiben. In dem Bericht wird also prompt erklärt, dass "Nein und Amen" sich beziehe auf die Redewendung "Ja und Amen[-Sagen]".

Das ist eine schwache Offenbarung zum neuen Tag. "Ja und Amen sagen" ist eine verwässerte (wie ich meine), umgangssprachliche (wie der Duden behauptet) Redewendung, mit der zB opportunistische Kopfnicker oder Wendehälse stigmatisiert werden können. Das sind dann "Die Ja-und-Amen-Sager". Wie alles andere - Kamele, Nadelöhre, Arme und Reiche - kommt auch das Ja und das Amen aus der Bibel. Wieviel Unsinn aber in der Kumulation der beiden Wörter steckt, kann hier nachgelesen oder nachgehört werden.

Dienstag, 2. Mai 2023

Dem Tag das Danach

"Erstaunlich friedlich" ist das erste, was ich am Morgen höre. Einhelliges "erstaunlich friedlich". So hat der 1. Mai in Berlin dem 2. Mai Platz gemacht. Erstaunlich friedlich! Erstaunlich friedliche Proteste, erstaunlich friedliche Revolutionäre und Nichtrevolutionäre. Erstaunlich friedliche Alle, von Randalen, Müttern, Chaoten über DGB bis hin zu den MyGruni-Demonstrierenden. Alle gingen erstaunlich friedlich auf die Straße und, wie lange nicht mehr, erstaunlich friedlich wieder nach Hause. Einhelliges Morgenlob! Schön, nach einer erstaunlichen friedlichen Nacht in einer erstaunlich friedlichen Welt aufzuwachen.

Mein blog wird gerade von einer erstaunlichen Welle des weltweiten Zugriffs über-r-r-r-rollt. Am Morgen des zweiten Tags des Monats bereits über 1000 Zugriffe, mehrheitlich von sonstigen URLs, mehrheitlich von Einem (von mir nicht genutzten) Browser sowie Einem (von mir auch nicht verwendeten) Betriebssystem und mehrheitlich zu Zeiten, zu denen ich den Schlaf der Gerechten schlafe. Das listet mir die interne Statistik freundlicherweise tagesaktuell und, wenn ich dies unbedingt möchte, auch stundenaktuell auf. Aber was es zu bedeuten hat, ver-r-r-r-rät sie nicht. Wahrscheinlich habe ich mit einem kleinen Wort große Schuld auf mich geladen.

Montag, 1. Mai 2023

Dem Mai die Mütze

Im Traum traf ich an einer Straßenkreuzung einer Stadt, welcher spielt keine Rolle, es fuhren viele Autos, sie lärmten und verpesteten die Luft, die wir dringend zum Atmen brauchten, wir warteten vor der wahrscheinlich roten Ampel auf die Berechtigung, auf die andere Seite hinüber zu gehen, oder überhaupt unseren Weg, in welche Richtung auch immer, fortsetzen zu dürfen, eine Frau, die hatte 14 Kinder, der Älteste, oder auch nicht der Älteste, auch das spielt keine Rolle, aber es war bestimmt ein Junge, schob ein kaputtes Fahrrad, der Lenker stand quer und der Bub musste, um vorwärtszukommen, sicherlich seine ganzen Überredungskünste aufwenden, aber noch standen wir und die Mutter hielt den Bollerwagen mit Unmengen von frischen Broten an ihrere Seite wie einen Kinderwagen, und schlug freudig, weil wir alle gerade mitten auf unserem Weg innehalten mussten und den Autos die Vorfahrt nicht nehmen durften, und so die Gelegenheit zu einer wahren Begegnung hatten, das graue Leinentuch, das schützend über den frisch gebackenen, bemehlten, unverpackten, knusprigen Laiben lag, zurück. Wie als Beweis dafür, dass sie tatsächlich 14 Kinder zu versorgen hatte! Obwohl die 14 an der Zahl, ohne dass ich sie wirklich nachgezählt hätte, ich glaube es auch so, ungeduldig um uns herumstanden oder -hüpften, aneinander zerrten und sich laut zankten, während sie, auch sie, nur auf Grün warteten.

Ich erwache mit kaltem Kopf. Die Sonne ist aufgegangen und ich aufgestanden, weil das Raubtier Futter verlangt. Ich werde den Tag der Arbeit, Mai und Wonne hin oder her, mit Mütze und vielleicht sogar im Bett verbringen. Oder unter einer warmen Decke auf der Bank im Garten.