Freitag, 15. Oktober 2021

Obacht! ...

... ist ein Wort aus meiner Kindheit. Ein Befehl. Obachtgeben. Aufpassen. Wir mussten als Kinder ständig und überall aufpassen. Auf alles und vor allem auf uns selbst. Heute ist das anders. Heute passen Drohnen oder Helikopter auf die Kinder auf. Smartphones oder Apps. Mitschrittmacher. Bewegungsprofile. Mitschnittmacher. Abhörprofile. 

Nun lese ich zu meinem Erstaunen, dass die Obacht weiblich ist. Ich hatte nie darüber nachgedacht, dass der Befehl "obacht!" ein Substantiv sein könnte und deshalb ein Genus verlangt. Ich hatte überhaupt nie darüber nachgedacht, zu welcher Wortgruppe dieser Befehl gehört, denn ein Befehl will möglichst unreflektiert und willenlos befolgt werden. Fragt mal einen Oberst.

Obacht bildet sich aus ob (helvetisch für über oder oberhalb- in meiner Kindheit gab es Orte wie Obstalden, Oberurnen oder Oberterzen) und Acht, meint also eigentlich Acht (-sam-sein) über etwas. Alles hoffnungslos veraltet. Die Sonne geht gleich unter.

Donnerstag, 14. Oktober 2021

ohn alle ...

... Kümmernis singen, leben und sterben.

Selten habe das Sterben so betörend schön geklungen in der Musikgeschichte wie hier:

sagt Bernhard Schrammek

für Jürg, den Saxophonisten

Mittwoch, 13. Oktober 2021

Obertöne ...

 ... stellen sich ganz von alleine ein. Sie sind so etwas wie der Beifang beim Fischen. Beitöne. Nebentöne. Man kann sie nicht abstellen oder unterdrücken, und schon gar nicht übertönen. Sie sind ein Naturereignis, oder eher ein Schallereignis. Auf Gedeih und Verderb mit den Musizierenden verbunden. Wie der Schatten bei Kunst- oder Sonnenlicht. Ein blutroter Morgenhimmel verspricht Gutes. Aber die schwarze Wand wartet nur auf ihren Einsatz.

Montag, 11. Oktober 2021

Ochse ...

... zum zweiten. Ochse oder Büffel. Noch befindet sich die Menschheit (nach asiatischer Auffassung) im Jahr des Metallbüffels. Oder Metallochsen. Wahrscheinlich ist die Frage, ob Büffel oder Ochse, nur eine der berühmten Noten, Abtönungen, eine Nuance eben. In der Wortwahl, der Übersetzung, der Interpretation, oder des guten Geschmacks. Es gibt nämlich rührende Geschichten darüber, wie die Reihenfolge der Tiere im chinesischen Kalender zustandekam, wie überhaupt der Kalender - die Einteilung der Zeit nur zu dem Zwecke: sie messbar und damit ihren Verlust spürbar zu machen - zustande kam.

Bei den Christen ist das einfacher. In der Weihnachtsgeschichte steht der Ochse neben dem Esel an der Krippe und zwar näher und eher als die Drei Könige. Je nach Darstellung gibt es auch andere Tiere im Stall bei dem Neugeborenen: Schafe und Lämmer (zu den Hirten, die erst aufwachen und sich auf den Weg machen), Hunde (die Hüter der Herde der schlafenden Hirten) sowie später, am Dreikönigstag ein Kamel, ein Elefant und ein Pferd (je ein Reittier zu den drei Weisen aus dem Morgenland).

Nach dem Metallochsen fällt ins Reich der Mitte am 1.2.2022 der Wassertiger ein. Bei uns hingegen ist die Mitte verloren und die Zeit aufgehoben. Den ewigen Schmerz der Vergänglichkeit lindert jeder online-shop. Lebensgrundlage sind nicht mehr Ochs und Esel, der Wechsel der Jahreszeiten, der Zug der Gestirne oder Gefiederten, sondern Gier. Unermessliche Gier. Schaut Euch Kurz oder Lang an. Breit oder Schmal. Brüstig. Glat gebürstet. Zum, Am oder Im Thor. Oder all die von und zu's ... oder ... oder ...

Jesaja prophezeihte schon im Alten Testament: "Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht" (Jes 1,2-3).

Sonntag, 10. Oktober 2021

Oboe ...

.... zum Sonntagmorgen. Seit Tagen beginnt etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang ein Lichtspektakel am Himmel über meinem Schreibtisch. Wenn ich dann aus dem Haus gehe und mich auf das Fahrrad schwinge, liegt schon über der Husumer dicker Nebel, und erst in der Feldmark! Heute aber nicht. Heute glitzert da so etwas wie leichter Bodenfrost. Und danach, in der Küche beim Tee: die Oboe aus dem Radio. "Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen" (Johann Sebastian Bach, Kantate BWV 48)

Niemand. Gar niemand. Wenn ich Glück habe, kommt es erst gar nicht dazu. Hört mein Hirn rechtzeitig auf, unnötige Fragen zu stellen.

Samstag, 9. Oktober 2021

O-Ton ...

... unverständlich! In den letzten zwei Wochen wurde Am Morgen der Roman des Schweden Alex Schulmann vorgelesen. Ging mir stellenweise ziemlich unter die Haut. "Die Überlebenden". Mit autobiografischen Anklängen. Die Schlüsselstelle aber - der Protagonist versucht, sich zu "suizidieren", indem er ins Meer hinausschwimmt, so weit, bis es weiter nicht mehr geht - musste ich x mal nachhören, bis ich sie endlich verstand. Aus dem Radio am Morgen kam das entscheidende Wort, das letzte in einem Satz, vollkommen unverständlich. Ein Gemurmel, Gresäusel, Gemansche. Der Vorleser - ein Schauspieler und professioneller Sprecher - ließ ihm, dem Wort und damit dem ganzen Satz - nicht die gebotene Sorgfalt angedeihen. So einfach entstehen Miss- oder Unverständnisse. Das letzte Wort eines Satzes wird verschludert, verschluckt, verhöhnt, verunstaltet, verkackmeiert. Weil einer keine Geduld mehr hat, keine Zeit, aufs Klo muss oder was auch immer. Also hörte ich am Computer nach, stellte die Lautstärke auf volle Pulle. Nichts. Nochmals. Immer noch nichts. Nochmals. Und so weiter. Vielleicht liegt es an meiner zunehmenden Schwerhörigkeit, dachte ich beschämt. Und griff zum Kopfhörer. Setzte ihn auf. Hörte endlich, was diese literarische Figur am Ende des berühmten schwarzen Tunnels erblickte. Nämlich nicht ein verheißungsvolles Licht, von dem alle Nahtoderfahrenen immer faseln, sondern einen Kiesweg! KIESWEG. Dieses gänzlich unerwartete Wort auf Hoher See muss frau erstmal verstehen. Schlucken. Leer. Der Protagonist sieht ertrinkend im Wasser den Kiesweg zu seinem Alptraum, zu seinem Kindheitstrauma, zu seiner Schuld, die er einst auf sich geladen hatte, ohne es zu wollen, zu wissen oder verhindern zu können.

Und dann wird er (natürlich!) aus dem Wasser gezogen. Sonst hätten wir Leser/Zuhörer die Bedeutung dieses Kieswegs nie und nimmer begriffen.