Sonntag, 31. Januar 2010

Der Schneegarten

Es schneit ununterbrochen. Alles Unebene wird zugedeckt. Alles Unsaubere ausgeweißt. Bunt ist nur die Brust der Wacholderdrossel, die heute zum ersten Mal im Apfelbaum saß. Keck aufgeplustert, mit ockergelbem Decolleté, ins Blasse-Rötlich-Beige übergehend, darüber das Perlencollier in Form von schwarzen pfeilspitzenähnlichen Tupfern.

Samstag, 30. Januar 2010

Die Schneetiefs

In der Nacht fielen fast dreißig Zentimeter Neuschnee. Windböen von über hundert Stundenkilometern führten erneut zu meterhohen Schneeverwehungen. Verantwortlich für das Wetter ist der Wintersturm Keziban. Wer für die Namen verantwortlich ist, weiß ich nicht*. Am Nachmittag soll das Schneetief Richtung Südfinnland abziehen - und damit bei uns für etwas Entspannung sorgen. Für Dienstag ist bereits das nächste, vorläufig noch namenlose strenge Winterwetter angesagt.
Derweil versinkt der Nordosten im Chaos. Straßen sind unpassierbar. Vielerorts bricht der Personennahverkehr vollkommen zusammen. Zu Hause bleiben, lautet die Devise. Wir kommen noch vergleichsweise gut weg. Ich schaufelte im Schweiße meines Angesichts pünktlich zum Sonnenaufgang das pulvrige Weiß vom Bürgersteig auf die Straße. Wie immer. Wie alle. Bald liegt die Straße höher als die Hecke. Als das Haus. Irgendwann werden die Autos über unsere Dächer fahren.

* Ich weiß nur, was Keziban bedeutet: "stolze schöne Frau", türkisch oder persisch, ein beliebter Frauenvorname.

Donnerstag, 28. Januar 2010

Die Sommersterblichkeit

Alles ist ausgeglichen im Watt. Auch wenn jetzt die Rede ist vom Watttiersterben. Und gewarnt wird vor "sorglosen Entdeckungstouren im mit Packeis bedeckten Wattenmeer". Das Nordseewasser sei nur dünn überfroren und die Flut bringe scheinbar tragfähige Eisschichten wieder in Bewegung. Spaziergänger könnten sich in große Gefahr begeben.

Also bleibe ich zu Hause und versuche mir ihr Sommersterben vorzustellen. Drastische Temperaturanstiege dezimieren den Bestand der Pazifischen Auster um bis zu 20 Prozent. In manchen Kultivierungsregionen. Bei uns an der Meldorfer Bucht sind auch schon windstille Hitzetage vorgekommen.

Mittwoch, 27. Januar 2010

Die Wattwanderführer

Die Wattführer führen Wanderer durch das Watt fast das ganze Jahr. In hellen Stunden, wenn die Nordsee den Boden freigibt. Es gibt auch dunkle Stunden, in denen der Wattboden trockenfällt. Ebbe und Flut halten sich nicht an den Lauf der Sonne. In den dunklen Stunden sähen die Wanderer gar nichts. Und es gibt kalte Stunden. Gezeiten scheren sich einen Dreck um Frühling, Sommer, Herbst und Winter und türmen meterhohe Schollen von Presseis aus. Wenn der Wintersturm hilft. Wattwanderfüße verletzten sich daran oder erfrören.

Die Wattwanderer wandern nicht nur, sie bücken sich alle Nase lang. Auch im Hochsommer wird mittlerweile festes Schuhwerk empfohlen. Denn die Bioinvasion der Pazifischen Auster ist nicht mehr zu stoppen.
"Einbürgerungsversuche mit Amerikanischen und Portugiesischen Austern scheiterten", gibt das AWI auf seiner Website bekannt, "erst die aus Japan stammende und zu Kulturzwecken ins Sylter Watt eingeführte Pazifische Auster brachte kommerziellen Erfolg." Nachdem, das muss ergänzt werden, die einheimische Europäische Auster durch rücksichtsloses Überfischen ausgerottet wurde. Man hatte die Pazifische Auster im kalten Norden völlig unterschätzt. Bald schon entstanden starke Wildpopulationen, die sich invasionsartig von der westfriesischen Küste an die ostfriesische ausbreiteten. Seit einigen Jahren treten die Sommergäste an der Wattenmeerküste immer wieder in "verdammt" scharfe Austernschalen. Also: Schuhe schnüren.

Das Wattenmeer sei das "produktivste Ökosystem der Welt", sagt der Wattführer und gräbt einen Wattwurm aus dem Boden. Auf seinem Handteller windet sich der Wurm und sondert eine blassgelbe Flüssigkeit aus - Eiweiß. Damit kleidet er normalerweise die Wände seiner Wohnröhre im Watt aus und verfestigt sie. Auf einer offenen Menschenhand führt die Eiweißausscheidung zu nichts. Irgendwann tropft sie dem Wattführer durch die Finger. Im Watt schluckt der Wurm Sand und Schlick, verdaut das darin verborgene organische Material und presst den Rest als Wollgarnartige Knäuel wieder an die Oberfläche. Vögel oder Fische stellen ihm nach. Wenn sein Hinterteil zu weit ins Freie herausragt und ein spitzer Austerfischerschnabel kreischend zuschnappt, rettet ihn die körpereigene Sollbruchstelle. Der Vogel frisst nur einen Teil des Wurms. Und der Wurm verrichtet weiter seine Tagewerk.
Mindestens einmal im Jahr, sagt der Wattführer, graben die Wattwürmer den gesamten Wattboden komplett um - und kommen doch nie in das Guinness-Buch der Rekorde.

Dienstag, 26. Januar 2010

Die Wintersterblichkeit

Die pazifische Auster hingegen gilt als "robustes Vieh", wie alles, was aus Asien kommt. Während der 14 letzten, milden Wintern und 14 warmen Sommern hatte sie Gelegenheit genug, regelrechte Riffe zu bilden und die einheimische Miesmuschel zu bedrängen.
Eine einzige weibliche pazifische Auster kann bis zu 30 Millionen Eier ins Wasser abgeben. Dort werden sie von den etwa zeitgleich abgegebenen Spermien männlicher Austern befruchtet. Unter idealen Meeresbedingungen entwickeln sich 90-95% der befruchteten Eier binnen 48 Stunden zu Larven. Und bei günstigen Temperatur, vermutlich zwischen 19-23°C, laicht ein Weibchen in einer Saison auch mehrfach. Wahrscheinlich trägt zur Zeit das Eis durch Verdriftung festgefrorener Austern sogar zur weiteren invasiven Verbreitung dieser Art bei.
Aber die Fortpflanzungsbedingungen für die noch nicht ganz verdrängte Miesmuschel verbessern sich auch. Im nächsten Sommer, der bestimmt kommt, wird sie an der Meldorfer Bucht weniger Fressfeinde antreffen. Das Eis und die Kälte dezimieren gerade die Seesterne.
Und wir werden auf unseren Wattspaziergängen nichts mehr finden, was wir einsammeln und zu Hause auf die Fensterbank legen könnten.

Montag, 25. Januar 2010

Die Pantoffelschnecke

Der strenge Winter wirbele das Ökosystem des Wattenmeers durcheinander, lese ich in der Zeitung. Und unsere Biobauern schreiben, sie müssten zum ersten Mal das Kühlhaus beheizen. Die gepackten Kisten kämen warm auf den Transporter. So erfriert der Kohl nicht, bis er vor meiner Haustür ankommt. Das ist das schöne an dieser Biokiste, da ist immer ein Brief drin.
Vor allem die amerikanische Pantoffelschnecke - die so heißt, weil ihre Schale von unten aussieht wie ein Pantoffel, und weil sie 1934 unabsichtlich mit amerikanischen Zuchtaustern in Sylter Gewässer eingeschleppt wurde - sei ein "Sensibelchen" und würde unter dem anhaltenden Frost leiden, meldet das Alfred-Wegener-Institut. Aussterben dürfte sie allerdings kaum, hat sie sich doch gut auf den Miesmuschelbänken unterhalb der Niedrigwasserlinie des Wattenmeers eingelebt. An manchen Stellen gab es vor dem Kälteeinbruch bis zu 1500 Tiere auf einem Quadratmeter. Die Wintersterblichkeit, wurde schon vor Jahren gemeldet, als es noch keine frostreichen Tage gab, könne bis zu 90% betragen. Damals war es eine Schutzinformation für die Inselwintergäste. Man wollte die nicht ohne Vorwarnung auf den vielen leeren Pantoffelschneckenschalen an den Sylter Oststränden herumtrampeln lassen.
Oft wird sie für eine Muschel gehalten, da ihr Gehäuse nicht die für Schnecken so typischen spiraligen Windungen zeigt. Auch sonst ist sie eine untypische Meeresschnecke. Sie ernährt sich nämlich im Gegensatz zu fast allen anderen Schnecken an der Wattenmeerküste nicht dadurch, dass sie die Untergründe abweidet. Nein, die Pantoffelschnecken filtriert das Wasser. Sie benutzt dazu ihre Kiemen und ein Schleimnetz, mit dem kleinste Partikel aus dem Wasser gefiltert werden. Im Sexleben unterscheidet sie sich allerdings nicht erheblich von dem der Schnirkelschnecke. Die Pantoffelschnecke beginnt ihr Leben als Männchen und wandelt sich nach einer gewissen Zeit in ein Weibchen um. In sogenannten Paarungsketten sitzen kleinere Männchen auf größeren Weibchen und sorgen per innerer Befruchtung für Nachwuchs.
Dabei kommt es natürlich vor, dass Männchen mit mehreren Weibchen und Weibchen mit mehreren Männchen verkehren. So what? Denke ich. Ich begebe mich in die Küche zu meinem Brief und hoble Rotkohl.

Sonntag, 24. Januar 2010