Freitag, 27. Juni 2008

Vogelschutzhallig

Seit einigen Jahren besitze ich zwei Lieblingsbücher. Es ist nie ein drittes dazu gekommen, kein viertes hat sie übertroffen, kein fünftes, kein sechstes … Nichts.
Meine Lieblingsbücher sind, und das zeichnet vielleicht ihr Wesen aus, nicht in die allgemeine Systematik unserer Bücherregale einzuordnen. Manche Bücher lassen sich einfach alphabetisch sortieren (z.B. deutsch- oder fremdsprachige Belletristik, Künstlermonographien von Caravaggio über Hopper bis Lee Ufan, usw.), andere lassen sich gut thematisch sortieren (z.B. Gartenbaukunstbücher, Fachwörterbücher des Jagd- oder Bauingenieurswesens, Reisebücher, Chaostheoriebücher, Flugpionierbücher, Stadtpläne, usw.), wieder andere lassen sich hervorragend monothematisch sortieren (z.B. „Winnie-the-Pooh“ in allen Sprachen der Welt, Konwickis „Apokalypse“ in allen Sprachen der Welt, Macchiavellis „Il Principe“ in allen Sprachen der Welt, die Bibel in allen Sprachen der Welt usw. – und last but no least, unsere eigenen Veröffentlichungen, ein halbes Regal eintöniges „A“ wie Autor).

Meine beiden Lieblingsbücher stehen abseits. Ich verrate nicht, wo. Einmal, vor Jahren, lieh ich eines aus, einer kranken Freundin, um ihr, wie ich meinte, Mut zu machen. Ich verrate, welches: Ulla-Lena Landberg, Sibirien: Selbstporträt mit Flügeln. Sie gab es mir nach wenigen Tagen zurück. Jeder Kranke hat unendlich viel Zeit. Im Bett sind alle Bücher zu kurz. Sie sei enttäuscht, sagte sie mir. Alle Kranken sind wie Kinder unausstehlich aufrichtig. Sie habe, gestand sie mir, in dem Text nur die Antwort auf die Frage gesucht, weshalb dies mein Lieblingsbuch sei. Und nicht gefunden. Deshalb sei sie enttäuscht. Aber darum ging es doch gar nicht, protestierte ich. Sie zuckte bedauernd mit den Schultern.

Heute, Jahre später, fand ich unverhofft die Landschaft zu diesem, meinem einen wichtigen Lieblingsbuch. Weit draußen im nordfriesischen Wattenmeer auf der Vogelhallig Norderoog vor Hooge. Dort, wo nur noch Schwarzkopfmöwen, Alpenstrandläufer, Dreizehenmöwen, Flussseeschwalben, Eiderenten, Basstölpel, Schmarotzerraubmöwen, Küstenseeschwalben, Brandgänse, Trottellumme und vielleicht die Trauerente Melanitta nigra brüten. Obwohl ich nie im Traum daran gedacht hatte, die Landschaft zu irgendeinem Buch, geschweige denn ausgerechnet zu diesem finden oder suchen zu müssen. Bücher sind, wie ich meinte, zu Hause zu Hause. Oder in Sibirien. Unter einem Dach. Im Trockenen. Nach über drei Stunden Wanderung auf bloßen Füßen durchs Watt fand ich heute das, wovon ich gar nicht ahnte, dass ich es gesucht haben könnte. Die Sehnsucht nach einem Text. Das Heimweh einer Reisebeschreibung. Die Rückverwandlung eines Wortes in die Wirklichkeit.

Ich werde mich als Vogelwartin beim Verein Jordsand bewerben. Ich werde den Rest meines Lebens auf Habel zubringen wollen. Ich werde in eine Hütte auf einer Pfahlkonstruktion ziehen mit Hunderttausenden ekstatisch lärmenden Vögeln. Ich werde Statistiken führen. Ich werde das Verschwinden der Silbermöwen auflisten, die Abgänge der Mantelmöwen. Ich werde die Bestandsveränderungen fischfressender Seevögel festhalten. Ich werde die Auswirkungen der Windkraftanlagen auf die Sterntaucher protokollieren. Ich werde regelmäßig die Halligkanten befestigen, zwei Reihen mannshoher Pfähle bis auf 80 cm vor der Hallig in den Wattboden rammen, Faschinen dazwischen pressen und dieses Reisiggeflecht mit Spanndraht befestigten. Die kleinen Flutwellen werden sich an diesen Lahnungen beruhigen und die Halligkante nicht mehr abbrechen. Ich werde alles in Abstimmung mit den Fachleuten vom Marschbauamt tun. Ich werde nur das von ihnen zur Verfügung gestellte Material verwenden. Ich werde auch neuere Lahnungsbauvarianten ausprobieren. Ich werde eine Brandseeschwalbenkolonie erhalten. Und ich werde Empfehlungen aussprechen. Die Lebensraumverluste und Kollisionsrisiken in der Nähe von Offshore-Windparks können für Flugvögel erheblich verringert werden, wenn in Nächten mit vorhersehbar starkem Vogelzug die Turbinen abgeschaltet werden. Radarbeobachtungen und Wärmebildkameras machen längst deutlich, dass sich der Vogelzug wetterbedingt auf sehr wenige, besonders geeignete Nächte konzentriert. Dann fliegen zwei Drittel der Vögel in Höhe der Windkraftanlagen über die See. Nach zwei starken Zugnächten wurden letztes Jahre auf einem Messturm vor Japsand mehr als 200 tote Vögel gefunden. Fachleute behaupten, dass schon eine um mehr als 0,3 Prozent erhöhte Todesrate die Population langlebiger Arten nachhaltig verringern könne.

Luftaufnahmen von Halligen siehe hier:
http://www.kuestenforum.de/forum2/showthread.php?t=3478

Donnerstag, 26. Juni 2008

Waldohreulen

Seit einigen Wochen sitzt im Ahorn vor unserem Haus, gut geschützt durch die Edelkastanie in unserem Garten, eine Waldohreule (Asio otus). Heute früh entdeckte W. eine zweite, etwas kleinere Waldohreule – das Männchen. Sie sitzen so im Baum, dass das Weibchen das Männchen immer gut im Blick hat.

Wir finden die Schlafgäste im Baum, wenn wir den frischen Spuren am Boden folgen. Auf der Strasse, im Rasen, auf dem Gartentor, auf den Pflastersteinen, die zur Haustür führen, die wir täglich benützen, zum Briefkasten, den wir täglich leeren. Wir sind verpflichtet, den Gehweg rund um unsere Häuser sauber zu halten. Der Ahorn gehört der Stadt. Er wächst auf der Grenze zu unserem Grundstück und behindert die Ligusterhecke an dieser Stelle etwas an ihrem ungestümen Entfalten. Unsere Nachbarn mögen diesen mächtigen Ahorn nicht. Es ist einer der letzten Bäume überhaupt an unserer Strasse. Im Herbst wirft er viel Laub ab. Und der Wind in dieser Gegend ist unbarmherzig. Er legt das Ahornlaub wie Schnee überall ab. Außerdem verteilt er die fliegenden Samen, wann und wo immer er kann. Aber die Eulen mögen den Baum.

Ab und zu samstags kehre ich den Dreck im Rinnstein rund um unseren Garten zusammen. Kürzlich säuberte ich das blau lackierte Gartentor mit warmem Wasser und Putzlappen (entgegen handelsüblicher Empfehlungen: Auftragen von Grundreiniger-Intensiv, Bleichmittel oder Schimmel-Vernichter pur, einige Minuten einwirken lassen, zur restlosen Entfernung der aufgeweichten Verschmutzung mit Hochdruckreiniger nacharbeiten). Die Farbe ist ein Andenken an den Vorbesitzer, wahrscheinlich handelt es sich dabei um „Knallblau“ (Hexadezimal #0000ff) oder „mediumblue“ (Hexadezimal #0000CD, Dezimal 00 205) oder um eine Mischung aus beiden. Die weißen Flecken und die grauen Gewölle sind ein Andenken an die Tagschläfer im Baum. Es handelt sich hierbei um dünnflüssigen Kot und wurstförmige Speiballen.

Nachts jagen unsere Waldohreulen auf den Feldern hinter der Bürgerweide und bewundern das Lichterspiel der Hemmingstedter Raffinerie am Horizont. Tagsüber hocken sie in unserem Ahorn, schlafen, verdauen und wachen über uns. Sie beobachten alles mit geschlossenen Augen und speien die Reste ihrer Nahrung aus, welche ihre Magensäure nicht auflösen kann. Wühlmäuseknochen, pro Gewölle genau ein Schädel, Unterkiefer, Oberkiefer, Nagezähne. Wenn ich wollte, könnte ich die Feldmäusegerippe auf einem Blatt Papier in der kalten Küche wieder vollständig zusammensetzen. Und herausfinden, wie viele Mäuse unsere Eulen täglich verschlingen. Die Knochen geben die Eulen nicht mit dem Kot ab, um inneren Verletzungen vorzubeugen. Sie verpacken die spitzen und scharfen Teile in Fellreste und würgen das glatte Paket durch die Speiseröhre aus.

Die auffälligen Ohrpinsel, denen die Waldohreule ihren Namen verdankt, haben in Wirklichkeit nichts mit dem Eulengehör zu tun. Sie sind reines Schmuckwerk, zwei Federbüschel, die bei Erregung aufgerichtet werden. Im Ruhezustand und auf dem Flug werden sie angelegt und sind kaum zu erkennen. Die wirklichen Ohren liegen unter dem Gefieder verborgen an den Kopfseiten.

Unsere Eulen verlassen den Schlafplatz nach Sonnenuntergang. Nachdem sie ihr Gefieder geputzt haben, erheben sie sich geräuschlos in die Luft und begeben sich auf ihren Pirschflug. Die Säume ihrer Schwungfedern sind nicht zusammenhängend verbunden wie bei anderen Vögeln, sondern die einzelnen Adern jeder Feder sind am Ende gesplittet. Biegsame Härchen an den Rändern der samtweichen Federn verwirbeln die Abströmung der Luft und machen den Flügelschlag für die Opfer und für uns Beobachter unhörbar.

Der Ruf der Waldohreule kann hier angehört werden: http://www.vogelwarte.ch/home.php?lang=d&cap=voegel&file=detail.php&WArtNummer=3170

Die Federn der Waldohreule können einzeln hier betrachtet werden (Federsammlung, Arten (dt.), Waldohreule anklicken): http://www.vogelfedern.de/

Mittwoch, 4. Juni 2008

Wahnsinnszwerge

Ich sitze bei uns auf dem Land im Wartezimmer einer Gemeinschaftspraxis von Fachärzten für Allgemeinmedizin. Ich starre lange Zeit in den Himmel vor dem Fenster. Mir fehlt nichts, ich bin gesund. Aber warten muss ich trotzdem.

Ich mag nicht lesen. Alle um mich herum blättern in Zeitschriften, die aufliegen. Ich mag mich nicht auf langes Warten einstellen. Ich studiere an Schuhen herum.

Irgendwann fällt mein Blick vom Himmel zurück ins Zimmer. Mitten in die Zeitschrift, welche die junge Frau neben mir in der Hand aufgeschlagen hat. Und von dort kommt mir ein Wort entgegen: Wahnsinnszwerge. In riesigen, symmetrisch über die ganze Breite einer Seite verteilten Lettern. Aus den Augenwinkeln glaube ich zu erkennen, dass es sich um eine ganzseitige Anzeige handelt. Ich wage nicht, den Kopf zu drehen. Man starrt nicht in fremder Leute Zeitschriften! Wahnsinnszwerge! Eine nie gesehene Konsonantenhäufung „nnszw“. Ein unaussprechliches Kompositum!

In unserer Biokiste finde ich alle zwei Wochen einen vegetarischen Brotaufstrich der Firma Zwergenwiese. Hergestellt werden diese sogenannten „Streiche“ auf Sonnenblumenkernbasis. Auch ein schönes Wort. Mehrere schöne Worte. Der Streich und die Sonnenblumenkernbasis. Wir haben „Streich im Wechsel“ bestellt. Das heißt, wir leben und ernähren uns nun im Wechsel. Oder abwechslungsreich. Wir bekommen auch wöchentlich das „Angebotsbrot im Wechsel“. Wir bestreichen zum Frühstück unser Sonnenblumenbrot, 7-Urkornbrot, Roggenschrotbrot, Hirse-Buchweizen-Brot, 1000-Körner-Brot, Dinkel-Schlemmerbrot, Korn-an-Kornbrot, Roggenbackfermentbrot, 5-Kornbrot, Dinkel-Roggen-Brot, Roggenkornbrot, Haferbrot oder Roggenganzkornbrot usw. usf. mit Meerrettich Streich, Rucola Streich, Bärlauch Streich, Kräuter-Tomate Streich, 4-Pfeffer Streich, Curry Streich, Paprika Streich, Basilikum Streich, Rote-Beet Streich, Schnittlauch Streich und so weiter, und so fort. So weit, so gut.

Die Zwergenwiese ist im Gegensatz zu den Wahnsinnszwergen leicht dechiffrierbar. Die Firma benützt als Logo eine rote Zipfelmütze. Die Streichs hat eine Mutter für ihre Kinder erfunden. Der erste Streich hieß Schmelz. Noch mehr schöne Wörter. Es gibt auch mit Agavendicksaft gesüßte Fruchtgartenstreichs, aber die mögen wir nicht. Da lassen wir uns am Sonntag doch lieber den Frühjahrsblütenhonig durch die Finger tropfen. Die Zwergenwiese ist so etwas wie eine Kinderspielwiese. Eine Wiese, auf der rotbackige Kinder spielen und nicht in Wespennester treten.

Nach den Wahnsinnszwergen aus dem Wartezimmer wage ich im Sprechzimmer nicht zu fragen. Die gehen mich ja nichts an. Die gehören mir nicht. Die nehme ich nicht mit nach Hause. Die schmiere ich mir nicht aufs Pausenbrot. Ich sei vollkommen gesund, versichert mir eine Ärztin, die ich zum ersten Mal im Leben sehe. Nur dieses einen vollständigen Satzes wegen bin ich hier.

Freitag, 30. Mai 2008

Hausbesuch

Bei uns auf dem Land ist es still. Zur Zeit sind nur die Austernfischer laut und auffällig. Sie brüten. Und ziehen kreischend über das Haferfeld unten an der Bürgerweide, wenn Kolkraben sich in die Nähe ihrer Nester wagen. Austernfischer sind Bodenbrüter. Und auf dem Haferfeld standen im Winter Pferdeherden. Von den Austernfischer hingegen heißt es, seien im Dezember fünfmal so viele da wie jetzt. Dann halten sie angeblich den Schnabel und fallen deshalb nicht auf.

Nur die Vögel machen Lärm bei uns auf dem Land. Die Amseln vertreiben die Elstern. Die Meisen vertreiben die Finken. Die Ringeltauben hocken auf den Dächern. Im Ahorn sitzt eine Waldohreule und spitzt ihre Federohren, wenn wir zu ihr hochgucken.

Es ist still hier. Nur die Vögel lärmen draußen. W. ist an der Hochschule. Ich bin allein zu Hause. Ich sitze an meinem Schreibtisch unter dem Dach und denke über Schuhe nach.

Plötzlich höre ich Geräusche im Wohnzimmer. Klirren. Schlagen. Etwas fällt um. Glas splittert. Es ist heller Morgen. Ich gehe hinunter. Die männliche Amsel, die mir draußen im Garten immer auf den Fersen folgt, fliegt aufgeregt durch das Wohnzimmer, kracht gegen die Fensterscheibe, rutscht auf das Fensterbrett hinunter, landet zwischen diversen an der Ostsee eingesammelten runden Steinen. Stolpert, wirft Kerzenständer um, versteckt sich hinter den Keramikelefanten. Sie ist in Panik, ich sehe es. Sie hat Durchfall. Ich rede auf sie ein, aber das erschreckt sie nur noch mehr. Ich räume das Fensterbrett ab, fluche insgeheim über den Vogeldreck, versuche ihr aber meinen Ärger nicht zu zeigen. Ich schließe die Türen zu den Innenräumen des Hauses. Weder auf meinem Schreibtisch noch in der Küche brauche ich diese dünne Kacke. Dann reiße ich die zweite Tür zum Garten weit auf, weise ihr den Weg. Sie hockt zitternd auf einer Stuhllehne aus Metall. Und scheißt nun ununterbrochen. Seelenruhig. Wo immer sie sitzt. Auf den Ledersessel. Auf den Perserteppich. Auf das Parkett. Auf die ungeöffnete Post von vorgestern. Sie flattert entsetzt in eine Zimmerecke, nimmt Anlauf und knallt wieder mit dem Kopf gegen eine durchsichtige Wand. Ich rücke Stühle zur Seite, stelle Pflanzen aus dem Weg. Die männliche Amsel, die mir sonst immer hüpfend durch den Garten folgt und frohen Mutes überall dort, wo ich Hand angelegt habe, Würmer aus dem Boden rupft, ist gerade dabei zu sterben vor Schreck. Ich lasse sie mit dieser letzten Aufgabe allein. Ich gehe in den Garten und hänge Wäsche in den Wind.

Es ist still. Die männliche Amsel ist nirgends mehr zu sehen. Weder draußen noch drinnen. Es ist totenstill. Draußen und drinnen. Ich schaue in alle Ecken. Hinter das Klavier, in jedes Bücherregal, unter den Notenständer, auf den Telefontisch, in das Weinregal. Überall noch nicht ganz getrockneter Vogeldreck. Die Schuhe kann ich für heute vergessen.

Samstag, 24. Mai 2008

Tour de Geest










Foto: © Angela E.

Details (zB wieviele Konservendosen bei diesem Wurf fielen) sowie ausführliche Wegbeschreibung folgen in Kürze.

Samstag, 19. April 2008

Der Dachrinnenreinigungsschlitten

Ich mag vieles an zusammengesetzten Substantiven. Unter anderem die Konsonantenhäufungen. Das so vollkommen Überraschende fürs Auge (nur für das Auge!), wenn „nn“ und „ss“ und „tt“ in einem einzigen Wort zusammen auftreten. Aber ich mag auch diese rasant-melodiöse Beschleunigung, die vergleichbar ist nur mit der Fahrt einer Fernsehkamera, die alles unternimmt, um den aktuellen Weitenrekordhalter im Skifliegen – nicht zu verwechseln mit dem aktuellen Skiflugweltmeister – den Norweger Bjørn Einar Romøren während seines Flugs von der Heini-Klopfer-Skisprungschanze für den Zuschauer zu Hause in der warmen Stube nicht aus dem Bild verschwinden zu lassen.
Also sind letztlich meine Lieblingswörter, die Komposita hauptsächlich fürs Auge (nur für das Auge!) da.

Draußen ist herrlicher Frühling und ich bin mit meinen Wörtern, den Konsonantenhäufungen und einem vivacissimo con fuoco im Stillachtaler Schnee gelandet. Schlitten, Schanzen und Schlierenzauer. Wir hatten den ganzen Winter keinen Schnee. Es war unser erster Winter am Wattenmeer. Wir haben nie in Bayern gelebt. Das Birgsautal kenne ich nicht einmal vom Hörensagen. In der Garage hängt eine Schneeschaufel. Ordentlich und unauffällig neben Gartengeräten wie Harke, Besen, Obstpflücker, Dreizinkgrubber oder Jätekralle, einer Astschere, einer Baumsäge, einer Heckenschere, einer Rasenkantenschere und vielem anderem. Die Vorbesitzer sagten, sie könnten das alles in ihrem zukünftigen Leben nicht mehr gebrauchen. Vieles davon haben wir in unserem bisherigen Leben noch nie gesehen. Von einigen Geräten wussten wir gar nicht, dass und wofür sie existieren. Die Schneeschaufel mussten wir den ganzen Winter über nicht ein einziges Mal in die Hand nehmen. Das erste aber, was wir uns selbst anschafften, noch bevor das Laub von den Bäumen fiel und bevor der schnee- und frostlose Winter vor der Tür stand, bevor wir überhaupt in das Haus eingezogen waren, war ein Dachrinnenreiniger. W. sagte, den könnte man bestimmt gut gebrauchen und trug ihn in die Wohnung am anderen Ende der Stadt. Der Vermieter staunte nicht schlecht, was es heutzutage alles zu kaufen gäbe. Er würde zweimal jährlich auf eine Leiter steigen, sagte er, und mit der Hand durch die Dachrinne fahren.

Draußen hängt ein wolkenloser Himmel. Und der Wind rüttelt immer noch unerbittlich an der Welt. Es ist nichts, gar nichts zu sehen, was er über unser Dach von hier nach da zu schieben hätte. Er transportiert nur leere Luft. Der simple Dachrinnenboy mit Teleskopstiel erwies sich schnell als untauglich für unsere Dachrinnen. Oder unser Verstand erwies sich als untauglich für dieses und anderes Gerät. Die Ziegel auf unserem Dach liegen so, dass sie die himmelwärts offene Regenrinne fast vollständig bedecken. Ein Laubfangsystem, auch das gibt es, könnte bei uns nirgends sinnvoll angebracht werden. In der Rinne liegt auch kein Laub, wie ich beim ersten Augenschein erkenne. Die Rinne ist bis oben hin zugewachsen.

Ich brauche einen Unkrautstecher und eine Blumenkelle, rufe ich W. zu. Und eine schmale Künstlerhand. Dann steige ich wieder auf die Leiter. W. gibt unten Acht, dass ich nicht herunterfalle. Ich schaufle Humus aus der Regenrinne. Die Reste klaube ich von Hand unter den Ziegeln hervor. Dabei schürfe ich mir die Haut ab auf dem Handrücken. Die dünne Haus über den Mittelhandknochen platzt. Die durchsichtige Haut über den oberen Fingergliedern blutet. An beiden Händen. Ich muss zu beiden Seiten der Leiter in der Dachrinne graben. Das regt die Hirntätigkeit an. Dann verstellen wir die Leiter. Und die Erde, die ich aus der Regenrinne geholt habe, schütte ich auf mein Gemüsebeet.

Als nächstes kaufen wir uns eine Regenwassertonne. Damit bekommen wir immerhin ein „ss“ und ein „nn“ vor die Augen. Denn jetzt kann das Wasser wieder fließen. Wo wir allerdings den Schlitten des Dachrinnenreinigungsgerätes hätten einlegen sollen, bleibt ein Rätsel. Ebenso, wo wir die Zugseile hätten einfädeln müssen, wo die Rollenhalter befestigen und wo den Zeitaufwand hernehmen.

Montag, 14. April 2008

Die Küstennebelfelder

Aus dem Radio kommt am Morgen das Wort „Küstennebelfelder“. Eine Warnung? Ich schaue aus dem Fenster. Auf dem Garagendach des Nachbarn glitzert eine hauchdünne Eisschicht. Seit W. in China ist, sind meine Nächte kalt und durchsichtig.

Seit einigen Tagen ist das Licht am Abend und am Morgen so, wie ich es bereits kenne. Das heißt, ich bin an diesem Ort alt geworden. Ich habe hier eine Geschichte und eine Vergangenheit. Der Himmel sah schon vor einem Jahr so aus. Damals wohnten wir am anderen Ende der Stadt, näher am Sonnenuntergang. Aber die Stimmung in der Luft nach einem klaren Tag und vor einer klaren Nacht war die gleiche. Damals – ich wiederhole mich, aber Wiederholungen gehören zum Alter, zur Geschichte und zur Vergangenheit – erklärte mir unsere Vermieterin, die Luft am Wattenmeer sei wie Champagner.

Aber es geht mir nicht um Aphrodisiaka, nicht um die Abwesenheit von W., sondern allein um das Licht. Um die Welt über den normalen Ziegeldächern. Champagner prickelt auf der Zunge. Seit einigen Tagen prickelt das Licht in meinen Augen. Ich kann schon ab den frühen Nachmittagsstunden an meinem Schreibtisch nicht mehr schreiben. Ich sehe die Buchstaben auf der Tastatur nicht mehr und auf dem Bildschirm lösen sich Wörter, Sätze und ganze Kapitelüberschriften einfach auf und verschwinden ungefragt im Nichts. Daran sind nicht die Küstennebelfelder schuld. Auch nicht die Schwarzen Löcher. Und schon gar nicht ein Chinareisender. Sondern die unbeschreibliche Helligkeit vor dem Fenster.

Gestern ist John Wheeler im Alter von 96 Jahren in seinem Haus in Hightstown an einer Lungenentzündung gestorben. Ihm verdankt das Weltraumphänomen der Schwarzen Löcher seinen Namen.

Ich sehe nur, was ich kenne. Ich weiß nicht, ob die Physiker die Schwarzen Löcher wirklich sehen. Sie beschreiben sie und machen sie kenntlich. Aber ob sie sie wirklich sehen können? Weil auch ich am Nachmittag meine eigenen Wörter nicht mehr sehen kann, fahre ich an die Küste und suche die Nebelfelder aus dem Radio. Auf den Salzwiesen hinter dem Deich beineln die Sauglämmer ihren Mutterschafen nach. In diesem Jahr sind die Osterlämmer erst nach Ostern geworfen worden. Der Gregorianische Kalender rettet ihnen also das Leben. Man sagt, ihr Fleisch sei zart und vom Gräsen der Mütter bereits bei der Geburt gesalzen. Der Lauf des Mondes bewahrt sie in diesem Jahr vor dem Kochtopf. Von Küstennebelfeldern weit und breit keine Spur.