Mittwoch, 14. September 2022

Achterrunde

Ich fahre heute in bisschen Achterbahn mit der Deutschen Bahn. Mal sehen, wo ich lande. Ich fahre zu meinem Verlag, der eigentlich in Acht sitzt, im kleinsten Dorf in der Eifel. Danach, nach dem Ort seine Sitzes ist er benannt. Aber der Verleger, also der einzige Mensch, der in diesem Verlag arbeitet, ist nun etwas näher an die Metropolen und das Schienennetz der Deutschen Bahn gerückt. Er sitzt und liest und redigiert und denkt und wühlt in Papieren usw ... in Weinheim. Deshalb muss ich in Frankfurt umsteigen. Die Bahn, diese Deutsche schickt schon seit Tagen per mail und push ups, oder wie das heißt, Warnhinweise auf alle meine elektronischen Geräte, dass meine Reise nicht wie geplant stattfinden kann. Ich möge bitte nach Alternativen suchen. Das gestaltete sich schwierig. Eigentlich wäre es in der Dienstleistung inbegriffen, dass Dienste geleistet werden.

Zum Glück hat mir mein Nachbar eine App empfohlen (die, nebenbei bemerkt, auch das Personal der Bahn in den fahrenden Zügen der Bahn nutzt, wenn es von Kunden und Kundinnen der Bahn gelöchert wird), die mir alter Frau verständlicher und zuverlässiger als die Bahn die Bahn erklärt.

Dienstag, 13. September 2022

durchstarten

Jetzt oder nie. Kämpfe mich bei heftigem Westwind bis zum Deich. Das Wasser ist eineinhalb Stunden vor Hochwasser bereits so hoch und vor Wut schäumend, dass ich unten an der Badetreppe nicht mehr stehen kann. Ich schwimme ein paar Züge, von einem Dreieck kann keine Rede sein, und ergebe mich dann. Das ist die Springverzögerung nach dem Vollmond: 75 cm über Normal läuft das Wasser heute auf, aber bis es so weit ist, hat mich der fuchsteufelswilde Wind bereits wieder in meinen sonnigen Garten getragen.

Montag, 12. September 2022

veredeln

Heute wird Herr Caruso beim Einsingen um 9 geadelt (er hat bereits das Weite gesucht, liegt in sicherer Entfernung unter dem Bambus):

 https://www.youtube.com/watch?v=n_hpQ2WQclk&t=182s

Sonntag, 11. September 2022

aufatmen

Der Garten, so scheint es mir heute früh zum ersten Mal seit langer langer Zeit, scheint aufzuatmen. Endlich ist genug Regen gefallen! Und die Herbstnebel tragen bereits kräftig dazu bei, dass Luft und Blätter und überhaupt alles sich über Nacht mit der Feuchtigkeit anreichern kann, die wir tagsüber brauchen. Um leben zu können.

Vielleicht atmet auch die Welt auf, weil endlich wieder ein Mann im Königreich das Zepter in die Hand nimmt und sich die Krone auf den Kopf hebt (tut er das?). Zwar mit Tränen in den Augen und im ständigen Dialog mit seinen Blumen im Garten. Aber doch ein Mann. Das größte Verdienst seiner verstorbenen Mutter ist wohl, dass sie eine Frau war. Und er, der bereits alte Sohn und neue König riecht, wie ich lese, liebend gern in Transsilvanien an Händelwurz, watet durch gelbblühende Trollblumen und blaublühenden Wiesensalbei und schwört auf die "stabile Verbindung von Mensch und Natur". Er - God save the King! - der sich als Nachkommen von Fürst Vlad III bezeichnet.

Weil: wer weiß, was andere weiße alte Männer im Schilde führen. Die Weltmacht an sich reißen oder, falls dies nicht gelingt, die Welt als Ganzes zerstören. 

Derweil war ich im wilden Wasser der Springtide an der Meldorfer Bucht. Womöglich ein erstes Abbaden.

Samstag, 10. September 2022

Himmelsmechanik

Vollmond. Mitten am Tag. Erntemond. Der Vollmond vor der Herbst-TagUndNachtgleiche, vor dem kalendarischen Herbstanfang, der letzte vor dem Ende des Sommers wird im Volksmund Erntemond (ich liebte einst den Übergang von Mund zu Mond) genannt, weil tatsächlich die Bauern bei diesem Vollmond noch ihre Ernte einbringen konnten. Oder mussten. Der Septembervollmond leuchtet nämlich mehrere Tage hintereinander ähnlich früh und hell. Sein Aufgang verschiebt sich derzeit untypischerweise täglich nur um knappe zehn Minuten, er geht also immer bereits in der Abenddämmerung auf und verzögert so den Einbruch der Dunkelheit. 

Warum das so ist, weiß ich nicht. Himmelsmechanik. Normalerweise geht der Mond jeden Tag fast eine Stunde später auf. Angeblich ist er momentan besonders schnell unterwegs. Oder es scheint uns Menschen nur so. Ich wollte gerade an die Meldorfer Bucht zum Schwimmen fahren. Heute ist wieder ordentlich Wasser da. Aber da bricht mit einem lauten Knall der Himmel über mir zusammen. Gewitter mit Starkregen.

Freitag, 9. September 2022

Alabasterbox

Wir sangen gestern abend Pärt. The woman with the Alabaster box. Und ich musste unvernünftigerweise die ganze Zeit an die chocolate box von Forrest Gump denken. Und unangebracht schmunzeln. Die Bässe waren großartig! Die Alabaster Box aber ist biblischen Ursprungs: 

Matthäus 26, 6-13 Die Salbung in Betanien
"6 Als nun Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen, 7 trat zu ihm eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit kostbarem Salböl und goss es auf sein Haupt, als er zu Tisch saß. 8 Da das die Jünger sahen, wurden sie unwillig und sprachen: Wozu diese Vergeudung? 9 Es hätte teuer verkauft und das Geld den Armen gegeben werden können. 10 Als Jesus das merkte, sprach er zu ihnen: Was bekümmert ihr die Frau? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 11 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit. 12 Dass sie dies Öl auf meinen Leib gegossen hat, hat sie getan, dass sie mich für das Begräbnis bereite. 13 Wahrlich, ich sage euch: Wo dies Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat."


 https://www.youtube.com/watch?v=402WEBVDiU8

Donnerstag, 8. September 2022

Thwaites

Thwaites klingt unschuldig. Wie zweites. Aber etwas geheimnisvoller. Mit dem tee-aitch am Anfang. Thwaites steht seit heute für die Endzeit. In den Schlagzeilen. Thwaites ist ein Gletscher in der Antarktis, der schneller schmilzt als die Forschenden, die ihn beobachten, denken können. Thwaites sollte uns allen schleunigst schlaflose Nächte bereiten. Er ist schon lange als Weltuntergangsgletscher bekannt. Aber er ist ja weit weg. Nun ist er aufgestiegen (in der Wortwahl) zu einem "entscheidenden Schauplatz des Klimawandels." Aber dieses Wort, Hand aufs Herz, mögen wir mittlerweile auch nicht mehr hören. Was Russland mit seinem Gas macht, das es uns nicht mehr liefert, ist viel schädlicher für die Umwelt als alle furzenden Rinder in Dithmarschen. Oder die gesammelten helvetischen Kühe auf der Alp. Thwaites ist deshalb so gefährlich, weil er eigentlich auf Land aufsitzt, aber dort nicht mehr stillsitzt. Sondern sich, wie eine Arbeitsgruppe jetzt herausgefunden hat, offenbar mit der Tide auf und ab bewegt. So wie wir alle, die in Meeresnähe leben. Wir hüpfen, oder springen, wippen. Der Thwaites hinterlässt bereits seit Jahren, Jahrzehnten wenn nicht zwei Jahrhunderten, untermeerische Rippen. Jetzt gilt er plötzlich als "Schlüssel zum Schicksal des Westantarktisches Eisschilds." Auch dies ist nicht meine Wortwahl. Meines Wissens hat das Schicksal kein Schlüsselloch. Mittels Unterwasserdrohnen wurde der Meeresboden vor dem Gletscher kartiert und es kamen zum Vorschein Hunderte parallele, keine 20 Zentimeter hohe Rippen in regelmäßigen Abständen von etwa sieben Metern. Die Höhe der Rippen schwankt zyklisch etwa alle 14 Rippen. Dies entspricht dem Gezeitenzyklus mit besonders hohen und niedrigen Gezeiten alle 14 Tagen. Das ist in der Meldorfer Bucht auch so! Nur werden hier die Rippelmarken mit jedem Hochwasser fortgespült und entstehen bei jedem Niedrigwasser neu. Weil der Thwaites aber schmilzt, und zwar an seiner Unterwasserkante, weil er sich mit jeder eindringenden Flut, die ihn mit wärmerem Meerwasser unterspült, weiter zurückzieht, verschiebt sich seine Aufsetzlinie pro Tag um zwei bis zehn Meter landeinwärts. Sagen die Forscher, die ihre Beobachtungen auswerten. Das alles ist nicht neu, sondern entwickelt sich dynamisch. Das heisst: der Prozess beschleunigt und überholt sich mit der Zeit. Ein britischer Polarforscher umschreibt es so: "Thwaites hält sich heute wirklich nur noch mit den Fingernägeln fest." Es wird größere Veränderungen in kleineren Abständen geben. 

https://thwaitesglacier.org/about/facts 

https://www.spektrum.de/news/thwaites-gletscher-raetseln-um-die-eis-apokalypse/2055345