Herbst ist, wenn der Monat zu Ende geht. Wenn ich anfange, Äpfel zu pflücken. Auf einmal schaffe ich das nie. Sie sind alle wurmstichig. Aber prall und rot. Herbst ist, wenn ich gegen Windstärke 4 oder 5 zum Deich radle und mich diebisch freue auf die Rückfahrt. Herbst ist, wenn es in der Nacht regnet.
Samstag, 30. September 2023
Apfelernte
Freitag, 29. September 2023
Full moon
Herbst ist, wenn der Mond voll wird und ich die ersten 300 km mit dem Maranello überschritten habe. Überfahren natürlich. Irgendwo auf der Strecke zwischen hier und dort. Ich bin zwei Stunden nach Hochwasser am Deich und das Wasser ist immer noch wild und hoch. Der Tidenstrom ist heftig und zieht uns unverdrossene Schwimmerinnen und nach Norden raus. Dorthin wollen wir aber nicht.
Donnerstag, 28. September 2023
Donnerstag
Herbst ist, wenn die Stimme verloren geht statt der Blätter. Wenn das Schwimmen ausfällt und ich die Proben absage. Alle, bis einschließlich des Konzerts am Tag der deutschen Einheit. Entweder bin ich zu wenig Deutsche oder zu viel. Herbst ist, wenn das Telefon klingelt. Zur Unzeit.
Mittwoch, 27. September 2023
Quantensprung
Herbst ist, wenn der Himmel ins Wasser fällt. Mittagsschwimmen. Wieder ein Tidenquantensprung! Innerhalb einer halben Woche ist das Hochwasser vom Morgen bereits im Mittag angekommen. Zu anderen Zeiten braucht es dafür fast dreimal so lange. Aber das ist kein Grund für den Krisenmodus à la Prepper. Ein Prepper, lese ich und reibe mir ungläubig die Augen, sei eine "Person, die sich intensiv auf mögliche zukünftige Notfälle oder Katastrophen" vorbereite. Die Prepper-Bewegung lege viel Wert auf Autarkie - was an und für sich nicht verkehrt sein kann. Das tue ich auch, dabei trete ich aber dem Lauf der Dinge gelassen gegenüber. Wenn's mir zu bunt wird, drehe ich mich um und kehre ich in meine luftige Klause zurück. Oder suche Abkühlung in der Nordsee. Preppers aber horten Vorräte bis hin zu Plünderungen, richten Schutzräume ein bis hin zu Bunkern, befeuern und übertreffen sich gegenseitig in konkreten oder diffusen Ängsten bis hin zu krankhaften Zuständen, die dann zuverlässig in die Endzeit führen.
Eigentlich ein unschuldiger Begriff, vom englischen Verb to prepare, was vielerlei Bedeutungen haben kann. Einen Weg bereiten, ein Mahl zubereiten, sich auf eine Situation, eine Prüfung vorbereiten, sich auf etwas gefasst machen. Morgen ist immer noch Herbst!
Dienstag, 26. September 2023
Fear of missing out
Herbst ist, wenn die Thermoskanne mit kommt im neuen Smartbag. Die Tide springt immer noch wie ein Raubtier durch den Tag. Hochwasser gestern um 8:38, heute 10:15 und Wasser bis zur Brust, beginnente Mittzeit. Der Mond wird immer voller. Zwei Mitschwimmer, also wir ein Trio. Laue Luft. Herbst ist, wenn Abkürzungen vom Himmel fallen. FOMO ist etwas, das die jungen Leute heute antreibt. Die Angst, nicht nur die Angst, sondern die ständige Angst, horribile dictu, etwas zu verpassen. Fear Of Missing Out. Diese Angst, oder was ihr vorausgeht, ein Zustand der Alarmbereitschaft rund um die Uhr, wird natürlich von den sozialen Medien befördert. Befördert wird eine Gesellschaft Seelenloser, Ichverlustiger, Menschen auf Trab, auf Jagd, im Dauerlauf, Und ich finde es einer Erwähnung wert, wenn ich im Herbst nicht allein in der Nordsee schwimme, sondern mit zwei anderen, die ich nebenbei bemerkt, hier noch nie gesehen habe. Herbst ist, wenn fremde Wesen an der Meldorfer Bucht aus dem Wattenmeer steigen.Woher auch immer.
Montag, 25. September 2023
Rückenlage
Herbst ist, wenn wir frösteln am frühen Morgen. Wenn die Tide große Sprünge macht. Und ich noch schwimmen kann. Gestern Morgenhochwasser 5 Minuten vor Sonnenaufgang, heute fünf Viertelstunden nach Sonnenaufgang. So ist das am Wattenmeer. Keine Regel ohne Ausnahme. Keine Ausnahme ohne Regel. Also hops aufs Maranello, den Sattel etwas höher gestellt und nix wie los. Der Wind bläst direkt von Süden. Die Nordsee ist nachtkalt aufgelaufen, aber laut Vorhersage des BSH jetzt wärmer als am Abend. Der Deich ist taufrisch und menschenleer. Noch herrscht Nippzeit. Wenn ich stehe, reicht mir das Wasser gerade über die Knie. Ich wate ein paar Schritte hinaus in die Bucht, dann lege ich mich hinein. Schwimme ein paar kräftige Züge und drehe mich auf den Rücken.
Sonntag, 24. September 2023
Herrklärung
Herbst ist, wenn das Morgenhochwasser (7:07) vor Sonnenaufgang
(7:12) und das Abendhochwasser (19:57) nach
Sonnenuntergang (19:18) eintritt. So heute. Also kein
Schwimmen.
Dafür ein herrliches Wort zum Sonntag: Mansplaining. Statt Explaing. Herrklärung. Statt Erklärung. Die Herrklärung kommt immer von oben herab. Sozusagen als Geschenk des Himmels. Wenn nun der Mann, der sich in geübt herablassender (überheblicher, besserwisserischer, bevormundender) Weise äußert, vorzugsweise einer, noch lieber gleich mehreren Frauen gegenüber, wenn nun dieser Mann auch noch von Geburt an den Nachnamen Herr trägt, dann ist die Sache perfekt. Wir haben so einen Aushilfschorleiter. Bei allen liegen derzeit die Nerven blank. Weil, klar, das Konzert vor der Tür steht und offenbar für manche viel auf dem Spiel. Für mich nicht. Weder muss ich mich profilieren noch sehe ich es als meine Aufgabe an, hier und jetzt, mitten im Tohuwabohu Dithmarschens, pünktlich zum Kohlanschnitt mit seinen gekrönten und ungekrönten Häuptern, den Kohlregentinnen, Kohlelfen, Rapsblütenköniginnen, Pellkartoffelköniginnen, der Politprominenz aus nah und fern, sowie etwa 90 Mio geernteten weißen, roten, spitzen, runden oder krausen Kohlköpfen, Geschlechterstereotype aufzubrechen.
Herbst ist, wenn ich auf dem Weg zum Wasser verregnet werde und auf dem Weg vom Wasser verregnet werde. So gestern abend. Hin und her und zwischendrin tropfnass. Also heute keine Stimme. Andächtig schweigen und dem Wort des Herrn lauschen.