Freitag, 7. Oktober 2016

Neue Sprache

Nochmals zurück zur Frage des Schuhmacher(schweizer)deutsch: was heißt "alles über einen Leisten schlagen"? Das Alumniportal schlägt folgende Antworten vor:
a) undifferenziert vorgehen
b) sich sehr unsensibel verhalten
c) alles auf einmal kaputt machen?
Knifflig, wenn man nicht in einer innerschweizerischen Schuhmacherwerkstatt zur Schule gegangen ist, wie ich. Kompliziert, das Gefüge von Sinn und Form. Wer weiß, was ein Leisten ist? Ich musste die Hallig verlassen, um zu meiner Sprache zurück zu finden. Die Verrohung einer Gesellschaft macht sich auch an der Verrohung ihres Mundwerks bemerkbar. Korrekt sind immer die Schuhmacher! Ich musste die Hallig verlassen, um mein angestammtes Handwerk wieder auszuüben. Zu schreiben. Ich habe habe für den Rest meines kreativen Lebens Material genug gesammelt in den letzten Monaten.
Was aber schlägt hier wer über den Leisten und wozu? Das ist nachzulesen in meinem Schuhmacherroman. Übertragen meint die schönsteder deutschen Redensart a) dumm und undifferenziert vorgehen!

Donnerstag, 6. Oktober 2016

Unsere ausgezeichneten Panter's

wurden in Meldorf am Bahnhof mit Ehren und Trommeln empfangen:



Und anschließend in ihren Buchladen geleitet, wo sie sich ihrer warmen Jacken entledigten!

Ausbüxen

Gestern abend, wie bereits angekündigt, lief im Verzehrkino Meldorf der plattdeutsche Dokumentarfilm "Utbüxen kann keeneen". Der Titel wird offiziell übersetzt mit "Weglaufen kann keiner". Ich habe meine eigenen verbalen Vorstellungen von der Welt und bevorzuge das Wort "ausbüxen". Ausbüxen kann jeder, sogar ein Kind. Wo ein Wille, da ein Weg. Schon die Soldaten machten sich "vom Acker", wenn sie keine Lust auf Übungen hatten. In der Soldatensprache wurde das Übungsgelände Acker genannt. Daher kommt die deutsche Redewendung und von nix anderem.
Utbüxen kann keenen - hier werden die Halligen Langeneß und Hooge für einmal im schönsten Dokumentarverbund von Ostfriesland, Dithmarschen und Mecklenburg gezeigt. Unter dem handwerklichen Gesichtspunkt des Bestattungswesens. Der regulierten Abläufe zwischen Tod und Grab. Erzählt von Menschen, die nur in dieser Situation und Zeit in Funktion treten. Nicht von Hinterbliebenen, nicht von Trauernden, nicht von den Toten selbst. Keine Geschichten, nur Taten.
Nüchtern und sachlich betrachtet, erschien mir gestern abend auf dem Heimweg durch die ausgestorbene Stadt das Halligleben plötzlich in einem neuen, düsteren Licht. Unschöne Assoziationen wie "Abstellgleis" stellten sich ein, "auf verlorenem Posten" stehen oder sein. Und, erneut, immer wieder, "Auslauf". Jeder Hund braucht (und bekommt normalerweise) Auslauf. Ich habe viele Hunde auf Hooge kennen gelernt, denen nur die Tür geöffnet wird. Wie der Herr, so's G'scherr. Gilt auch für das weibliche Geschlecht. Ausbüxen kann jede.

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Der Stichsägeneinsatz

Warum das Auspacken immer viel länger dauert als das Einpacken? Nicht einmal meine Makulatur habe ich der Hallig hinterlassen, weil ich mir nicht sicher sein konnte, dass dort nicht jemand seine neugierige Nase in den in grüne Plastiksäcke getrennt entsorgten Papiermüll steckt und in meinen der Weltliteratur aus guten Gründen entzogenen Wörtern herumschnüffelt.
Nach dem morgendlichen Schriftverkehr denke ich darüber nach, meinen 2 Meter langen Schreibtisch mit Schwiegervaters Stichsäge zu bearbeiten, da er nun für immer in meinem Meldorfer Arbeitszimmer stehen bleiben wird und also endlich, nach dem Umweg über den Hochsicherheitstrakt Hooge an die ständige Umgebung, sprich: den Heizkörper, angepasst werden kann und muss. Da beißt die Maus keinen Faden ab!

Dienstag, 4. Oktober 2016

Der springende Punkt

Der springende Punkt ist kein Wettläufer, sondern der entscheidende Faktor. Zum Beispiel die Freude beim Wiederfinden von gewissen Gegenständen. Erst vor kurzem eingepackt, wecken sie doch Begeisterungsstürme in der von Husten geplagten Brust: Oh, meine japanische Porzellaningwerreibe!
Der springende Punkt wurde angeblich von Aristoteles entdeckt und zwar als biologisches Phänomen. Als erstes "auffälliges Zeichen des Lebens" - nämlich der rote Fleck, der am dritten Tag nach der Befruchtung im Hühnerei sichtbar wird. Soviel als Nachtrag zum gestrigen polnischen schwarzen Montag.
Und heute frage ich mich, warum ich des Morphinisten Glausers Briefe auf der Hallig nicht gelesen habe, wenn ich sie schon dabei hatte? Zwei dicke Bände. 1926 schreibt er aus Liestal - ich habe nun am Nachmittag in meinem sonnigen Meldorfer Garten darin gelesen - wo er nach einem Jahr Knast in Witzwil in die Freiheit entlassen in der Gärtnerei Heinis, einer "Baum- und Rosenschule" als Hilfsgärtner angestellt war. Er musste um alles bei seinem Vormund betteln, da er pro Stunde 70 Rappen verdiente und, um nur ein Beispiel oder zwei zu nennen, damals eine Unterhose 4,50 frs kostete, eine Arbeitshose "in Manchestertuch" 19 frs! Das ist doch der springende Punkt!

Montag, 3. Oktober 2016

Der Schwarze Montag

In ganz Polen streiken und demonstrieren die Frauen. Schwarz angezogen. Gegen das geplante totale Abtreibungsverbot der rechtsnationalen Regierung. Es werden Stimmen laut, diese Regierung würde von den Frauen gestürzt: http://m.wyborcza.pl/wyborcza/1,105405,20785368,ten-rzad-obala-kobiety-wzniecona-dzis-fala-za-nieco-ponad-tysiac.html?utm_source=facebook.com&utm_medium=SM&utm_campaign=FB_Gazeta_Wyborcza Gut so! Weitermachen!
Ich hingegen gehe von der Hallig wie das Christkind. Ungerührt. Unberührt. Schneeweiß.
In Schlüttsiel wartet Christian mit Mütze und wir packen das Auto bis oben voll. Nur die Schleife fehlt für das Christpaket. Es ist noch nicht dunkel und ich bin wieder zu Hause.

Sonntag, 2. Oktober 2016

Erntedank

Ich bin auf Hooge und packe. Ich habe zehn Monat mehr oder weniger am Stück auf der Hallig gelebt, dazu kommen zwei Aufenthalte im letzten Jahr von jeweils einem Monat. Ich kann also guten Gewissens sagen: ich war ein Jahr auf der Hallig. Ein Jahr mit unverschlossenen Türen. Das ist nicht gleichbedeutend mit offenen Türen. Trotzdem ein Jahr, in dem mir nichts gestohlen wurde. Bis gestern Abend. Als ich aufgrund von Zugausfällen bei der NOB mit 8 Stunden Verspätung und nach Ladenschluss vor dem langen Wochenende ankam. Ich öffnete als erstes den Kühlschrank, um zu gucken, ob ich noch etwas zu Essen habe. Und ich sah: aus meinem Kühlschrank wurde eine Flasche Wodka (Dębowa - nur Kenner wissen, was das ist) entwendet! Ich weiß, wer die Flasche gestohlen hat und werde nach guter Halligsitte den Namen nicht nennen, sondern von einer "Person" sprechen. Diese Person hat meinen Wodka aus meinem Kühlschrank genommen, um ihn sich sinnlos ins Hirn zu "beamen" (ich habe viel gelernt auf der Hallig!). Wahrscheinlich ist auch ihr erst nach Ladenschluss in den Sinn gekommen, dass das Wochenende lang und der Durst groß werden könnte. Zum Abschied Diebstahl und in der Kirche Erntedank. Statt zu beten, gehe ich mit der Flut zum letzten Mal am Landsende schwimmen und lasse alles von mir fortspülen, was mich bewegt.