Zur guten Nacht taucht noch der Leuchtturm von Galle auf meinem Bildschirm auf. Aufgenommen am Nachmittag. Ragt in einen unverändert dramatischen Wolkenhimmel. Unberührt von der Stromleitung.
Wie eine Wohnzimmertapete.
Samstag, 31. März 2012
Ayurvedameal
Per sms das statement aus Galle: "Ayurvedameal auf Bananenblatt auf der Veranda des ehemaligen Holländischen Gouverneurspalasts." Vor meinem Küchenfenster (ich mixe die Zutaten für Bärlauchpesto) am Wattenmeer geht gerade ein Schneeschauer nieder.
Der Schildkrötenflüsterer
15 Minuten Strandurlaub, schreibt W. am Morgen. Mein Computer zeigt als Eingangszeit der mail 04:39 an. Also war es bei ihm 08:09 (diese Rechnerei!). Und er schon auf den Beinen und schwimmen im Indischen Ozean. Das Meer sei warm, salzig, leichte Wellen, berichtet er. Und er habe einen alten Mann namens "Judith" angetroffen ("but I am a gentelman not a lady"), der eine riesige Schildkröte, Panzer über einen Meter lang, im flachen Wasser mit Seegras fütterte. Sie sei dressiert (oder hört einfach auf ihren Magen?) und komme täglich zum Frühstück an die verabredete Stelle. Auch von W. nahm die namenlose Schildkröte ein Büschel Seegras an. Denn er ist ja auch ein gentleman. A gentleman married to a lady called Judith.
Freitag, 30. März 2012
Sonnenuntergang vor Hikkaduwa
Wir brauchten mehrere mails, um uns zu verstehen. Das kommt in den besten Familien vor. Zeit und Raum dehnen sich nicht immer gleichmäßig proportional.
W. entfernte sich genau 8.074 Kilometer (Luftlinie, Landweg + Fähre Südindien-Sri Lanka = 11.105 km), aber nur dreieinhalb Stunden aus Dithmarschen. Deshalb ist er noch so munter am Indischen Ozean, nach ganztägigem workshop in Colombo, Gesprächen mit Honoratioren, Mittagessen mit Chinesen und Transfer an den einstigen Hippistrand. Mama mia, so eine Halbstundenzeit-zonenregelung gab es noch nie in unserem gemeinsamen Leben!
W. entfernte sich genau 8.074 Kilometer (Luftlinie, Landweg + Fähre Südindien-Sri Lanka = 11.105 km), aber nur dreieinhalb Stunden aus Dithmarschen. Deshalb ist er noch so munter am Indischen Ozean, nach ganztägigem workshop in Colombo, Gesprächen mit Honoratioren, Mittagessen mit Chinesen und Transfer an den einstigen Hippistrand. Mama mia, so eine Halbstundenzeit-zonenregelung gab es noch nie in unserem gemeinsamen Leben!
Nabucco
Auch Politiker sind keine Ungeheuer - sie haben sogar Sinn für Zwischentöne. Ausgerechnet dem linksradikalen Antikapitalistischen Bündnis Winterthur ist es heute gelungen, den deutschen Ex-Außenminister und Ex-Vizekanzler Joschka Fischer zur Absage seines für morgen geplanten Auftritts im Theater Winterthur zu bewegen. "Kommt zahlreich und kreativ, mit Schuhen und Torten" ist in ihrem Aufruf (http://ch.indymedia.org/de/2012/03/85861.shtml) zu lesen, der das klare Ziel verfolgt: Joschka Fischer aus Winterthur zu vertreiben. Wir kennen die Macht von (Turn-)Schuhen und Schuhsohlen, von Torten und Tomaten, Eiern und Farbbeuteln. Nun verzichtet Herr Fischer auf seinen Wochenendtrip in die Schweiz. Bereits gekaufte Karten nimmt die Theaterkasse zurück. Und Joschka versucht sich weiterhin als Opernsänger. Nachdem er als Unternehmensberater für RWE und BMW tätig war, engagiert er sich nämlich derzeit für das Gas-Pipeline-Projekt Nabucco: http://www.profil.at/articles/1044/560/281163/der-krimi-gaspipeline-nabucco
Donnerstag, 29. März 2012
Camerata Nucleare
Kerntechniker sind keine Ungeheuer - sie machen sogar Musik. Ungefähr mit diesem Slogan wurde im Jahr von Tschernobyl die "Camerata Nucleare" ins Leben gerufen. Das Laienorchester einer Berufsgruppe. So wie es Orchester von Medizinern gibt, Orchester von Juristen, Orchester von Optikern, Orchester von Kaninchenzüchtern, Orchester von Modelleisenbahnern ... Irgendwie muss die Freizeit gemeistert werden. Also warum nicht auch ein Orchester der "deutschen Energiewirtschaft". Die Musikerinnen und Musiker wollen nicht als PR-Crew für die Atomlobby gelten. Bei der Eröffnung eines Windparks hätten sie allerdings noch nie gespielt, bei Jubiläen von Atomkraftwerken schon oft und an der Jahrestagung der Kerntechnik immer. Auftrittsangebote außerhalb der Branche seien rar. Über eine Namensänderung denke man seit zwei Jahren nach, nicht erst seit Fukushima, versichert der Vorsitzende. Derzeit versammeln sich die "strahlenden" Musiker zu den Proben in der Revisionsbaracke am Fuße des Atomkraftwerks Gundremmingen bei Günzburg. Für die nächste Jahrestagung der Atomenergie. Sie findet im Mai in Stuttgart statt. Das musikalische Programm ist noch streng geheim.
Mittwoch, 28. März 2012
Gebrochene Niederhaltefedern
Heute wurde "unser" Atomkraftwerk, nämlich das Schleswig-Holsteinische Brokdorf, vom Netz genommen. Bei einer Routineinspektion fand man an Brennelementen im Abklingbecken "gebrochene Niederhaltefedern". Vielleicht ist das so etwas wie gebrochene Herzen. W. fuhr mit dem ersten Zug weg. Über Heide, Hamburg, Dortmund, Wuppertal, Düsseldorf, Dubai nach Colombo, Sri Lanka. Vielfältig sind die Umsteigemöglichkeiten. Niederhaltefedern halten, wie ihr Name sagt, die Brennelemente nieder. Sie sollen deren natürliche Ausdehnung infolge Wärmeentwicklung auffangen. Da es im Reaktor "Brennelemente der gleichen Charge" gibt, muss nun das Kraftwerk abgeschaltet und alle Niederhaltefedern auf Schäden überprüft werden. Anfang März entdeckte man bei einer Routinekontrolle in Brunsbüttel (dem zweiten AKW in S-H) durchgerostete Atommüllfässer.
Gebrochene Herzen halten die Gefühle im Zaum. Vielleicht sollte ich doch W. auf seinen Kurztrips zum Äquator und anderswohin begleiten, wie Gutmeinende mir immer wieder gut zureden. Um möglichst weit weg zu sein, wenn der GAU vor unserem blauen Gartentor steht.
Gebrochene Herzen halten die Gefühle im Zaum. Vielleicht sollte ich doch W. auf seinen Kurztrips zum Äquator und anderswohin begleiten, wie Gutmeinende mir immer wieder gut zureden. Um möglichst weit weg zu sein, wenn der GAU vor unserem blauen Gartentor steht.
Abonnieren
Posts (Atom)



