Mittwoch, 7. September 2022

Zweieinhalb

Bevor der Regen meine zweieinhalb Regentonnen füllt, steige ich auf die Leiter und säubere die Dachrinne. Gut getimt, bestens getaktet, trotz juckendem Fuß.

Nach dem Regen kommt Herr Caruso endlich nach Hause. Er ist trocken, hungrig und durstig. Zum ersten Mal sehe ich ihn trinken aus dem Napf, den ich eben (aus reiner Gewohnheit) mit frischem Regenwasser gefüllt habe. Dann will ich ihn streicheln und loben (dass er nach Hause gekommen ist) und er faucht mich an, fletscht seine Vampirzähne. Wäre ich nicht ein gebranntes Kind, bzw eine gebissene Katermutter und wüsste ich nicht ganz genau, dass ich ein Raubtier umsorge und füttere, hätte er meine Hand wieder einmal zerfleischt. Nun liegt er vor der Tür und bewacht mein Haus. Versteh eine dieses Tier!

Dienstag, 6. September 2022

Dreiviertel

Alles kommt immer noch viel besser. Oder schlimmer. Je nach Standpunkt und Einstellung. Das Morgen- und Abendhochwasser läuft derzeit bis zu einem Dreiviertelmeter unter Normal auf. Da könnte ich gerade mal meinen kranken Fuß drin kühlen. Er ist nicht mehr heiß, sondern juckt. Also tunken. Wie früher die Alten zum Frühstück ihre Brotmöckli in der Milch tunkten. Damit sie weich werden. Und im zahnlosen Mund zerfließen. 

Das Hochwasser kommt tatsächlich zum zweiten Frühstück und ich lasse es in aller Ruhe wieder gehen.

Montag, 5. September 2022

Kostverächter

Gestern erschien mein Untermieter und Kostgänger gar nicht zum Frühstück, weder zum ersten noch zum zweiten. Als er gegen Mittag angeschlichen kam, zerzaust und staubig, machte er sich über sein Futter her, fraß aber nicht auf, sondern legte sich erschöpft aufs Ohr. Rührte sich den ganzen Tag nicht mehr von der Stelle. Heute nun ist der Untermieter pünktlich zu Hause. Wenn ich aufstehe, kommt er heim. Will aber nicht fressen. Weder das erste, noch das zweite Frühstück, und zum dritten hat er nun eben das Haus verlassen. Ich vermute, dass der Herr auf Jagd war oder geht. Irgendwo seine fette Beute versteckt. Mich würdigt er keines Blickes. Mein Humpeln interessiert ihn nicht die Bohne. Der Fuß ist immer noch bucklig.

Sonntag, 4. September 2022

Missetäter

Mein zweiter Wespenstich. Der zweite in die Fußsohle. Den ersten hab ich noch in lebhafter Erinnerung, obwohl seither mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen sein muss. Nun denn also heute wieder. Im reifen und fortgeschrittenen Alter. Wollte ich nach Sonnenuntergang noch einen dürren Zweig von meiner Pergola reißen, da kam das halbe Efeu mit und ich barfuß und schon wars um den schlanken ranken linken Fuß geschehen. Es brennt höllisch und schwillt sofort an, die Missetäterin erwische ich natürlich nicht. Vielleicht war es ja auch ein Missetäter oder mehrere Missetäter. Ich muss da oben jemanden gestört haben, vielleicht bei einem Stelldichein oder beim Abendgebet. Ich humple ins Haus, suche mein Gefrierfach nach einem Kühlpad ab und lege mich ins Bett. Die Tage werden kürzer, also kann ich getrost früher schlafen.

Samstag, 3. September 2022

Witzwasser

Nipptide. Das Wasser dümpelt vor sich hin und die Badenden stehen im Universum wie in einem Ölgemälde ohne Rahmen. Unentschlossen.

Vor einem Monat oder so, alles wiederholt sich ja in regelmäßigen Abständen, Ebbe und Flut, auflaufendes und ablaufendes Wasser, abnehmender und zunehmender Mond, die Gezeiten, die Tiden, Nipptiden, Springtiden, die Zeiten, Nippzeiten, Mittzeiten, Springzeiten, die Stände, die Winde, die Sonnenauf- und untergänge, mal rückt der Osten ins Zentrum der Betrachtung, mal der Westen. Und so weiter und so fort. 

Vor ungefähr einem Monat also war unsere amtierende Bürgermeisterin während ihrer Mittagspause bei Nipptide am Baden und bezeichnete dieses Wasser als einen Witz. Oder war es das Meer? Jedenfalls verkündetet sie empört, das sei ja ein Witz! Ausrufezeichen.

Freitag, 2. September 2022

Milde

Das Frieren gestern hat sich gelohnt. Heute kommt die Milde zurück. Mildes Wasser. Milde Luft. Mildes Licht. Kräftiger Rückenwind. Ich fahre fahrlässigerweise lässig ohne Helm. 

Donnerstag, 1. September 2022

Mars

Nach 8 Tagen zum ersten Mal wieder im Wasser. Es ist empfindlich kühl geworden. Trotzig schwimme ich mein Dreieck. Die Radlerei gegen den Wind auf dem Heimweg strengt mich an. Und dann Chorprobe. Der Cage will heute nicht. Wir sind nicht unbeschwert. Auch der Bach will nicht. Die Unbeschwerten sind abwesend. Auf dem zweiten Heimweg steigt der Mars über den Horizont. Er soll nun jeden Tag früher aufgehen.