Das Ö mit Punkt gehörte immer Jan Ö. In meiner Erinnerung wurde es nie aufgelöst, erst die Traueranzeige hat das geleistet: Jan Örekil. Aber das Geheimnis bleibt. Wir sägen einen dicken Ast aus der Felsenbirne, damit sie ruht über den Winter und sich verjüngt im Frühling. Der dicke Ast ist verästelt und voller frischer Triebe. Dann mähe ich Rasen.
Freitag, 29. Oktober 2021
Ö.
Donnerstag, 28. Oktober 2021
Otto ...
... fehlt noch in dieser Ode an das Oktober-O. Otto ist wie Anna ein Palindrom, aber verwandt mit Ute, Udo und Ulrich. Ottos sind vielfältig, vom Normalverbraucher über diverse Ottos von und zu, von Kaisern, Klerikern, Knzlern bis hin zu Otto dem Ostfriesen oder Otto dem Onlineshop. Ich habe oder hatte - sie leben ja alle nicht mehr - zwei angeheiratete Opas, die beide Otto hießen, sich beide irgendwann scheiden ließen und beide, die Ottos, ihr neues Leben mit einer Luise anfingen, weshalb man nie wusste, von welchem Otto oder welcher Luise gerade die Rede war.
Mittwoch, 27. Oktober 2021
Öhringen ...
... liegt weiter weg von der Grenze als Öhningen, etwa 250 Kilometer direkt nach Norden, drei Fahrradtage. Ohren und Augen weit aufgesperrt - auf dem Ohrntalradweg von Unterohrn im unteren Ohrntal nach Ohrnberg, wo die Ohrn im Kocher endet. Keine zehn Kilometer lang führt er über sieben Brücken in den Regenbogenfarben immer wieder auf die andere Seite des Wassers. Nein, es ist kein Traum, sondern das Land der "Burgen und Schlösser sowie Schrauben und Ventilatoren zwischen Schwaben und Franken."
Dienstag, 26. Oktober 2021
Objekte ...
... der Begierde: ein Flachbildschirm, eine Laubsäge, ein Smartphone. Gestern am frühen Abend am Bahnhof Meldorf. Ich eine Stunde früher als sonst, mit Klapprad. Ich muss vor der Probe in Heide noch etwas besorgen. Ein älteres Ehepaar, Touristen, auf dem Heimweg in ihre Büsumer Ferienwohnung. Ein Rollstuhlfahrer mit besagtem Teil auf den Füßen. Es ist so groß, dass es über Bauch und Kopf hochragt. Regen und Wind. Wir kauern uns zusammen in dem einzigen barrierefreien Unterstand. Kaum habe ich meinen Fahrschein dem Automaten entlockt, fangen die LED Buchstaben auf der Anzeige zu laufen an: Verspätung. 30 Minuten. Das wird knapp für meinen Ausflug in den Baumarkt. Ich checke mein Mobilteil, funktioniert noch einwandfrei, ist aber bereits auf dem Weg einer Zweitnutzung. Personen im Gleis zwischen Burg und St. Michel. Das kann dauern. Eine erste akustische Durchsage bestätigt: Zugausfall, wir bitten um Entschuldigung. Ich lasse meine Begierde fahren und steige auf mein Klapprad. Herr Caruso wird sich freuen, wenn ich so schnell wieder in der Küche bin. Die nächste Durchsage stoppt mich noch auf dem Bahnsteig. Ersatzzug kommt in 10 Minuten. Auch die Buchstaben tanzen ausgelassen zwischen Ausfall, Verspätung und Ersatzzug. Ich kehre zurück zu den Wartenden unter dem Dach. Schüttle den Regen von den Ärmeln. Friere jetzt schon. Auch die Ansagen wiederholen sich nun im Sekundentakt. Verspätung, Zugausfall, Ersatzzug. Entschuldigung. Wie durch ein Wunder taucht aus der Dämmerung ein Zug auf, hält, öffnet die Türen, ist geheizt. Wir kommen mit ungefähr 29 Minuten Verspätung in Heide an. Die Touristin schiebt den blinden Rollstuhlfahrer mit seinem monströsen Schnäppchen, wahrscheinlich derselben Marke wie mein neues Smartphone, aber privat erstanden, zum Fahrstuhl. Ihr Zug nach Büsum ist eh weg. Ich radle durch Regen und Nacht zum Einkaufsparadies. Kaufe für meinen Nachbarn die Laubsäge und hole mein vorbestelltes fabrikneues A52s ab. Erscheine pünktlich zur Chorprobe.
Montag, 25. Oktober 2021
online ...
... schweigen ist wahrscheinlich noch schwieriger als offline schweigen. Wenn du einem Menschen gegenübersitzt, kannst du vielleicht verstehen, nachvollziehen, akzeptieren, an den niedergeschlagenen Augen ablesen oder den zusammengekniffenen Mundwinkeln, den fehlenden Lachfältchen usw., dass dem oder der gerade nicht zum schwafeln zumute ist. Wenn du jemandem nicht gegenübersitzt, ist das wie gesagt wahrscheinlich schwieriger. Kürzlich, es ist schon eine Weile her, hörte ich im Radio beim Kochen eine Aufzeichnung aus dem Studio LCB. Michael Krüger und Juliane Liebert. Unterschiedlicher hätten die Gäste nicht sein können, hier der gesetze, dezente alte Autor und Verleger iR, dort die freche junge Schnauze. Aber sie behandelten sich gegenseitig mit großem Respekt. Wer wirklich nervte, war ein auch anwesender Literaturkritiker, dem viel zu viel Redezeit eingeräumt wurde. Seinen Namen hat mein Gedächtnis bereits gnädig vertilgt. Und diese freche junge Göre antwortete auf die klassische Frage des Moderators, woran sie denn nun, nach dem erfolgreichen Erstling, dem Gedichtband "lieder an das große nichts" (!), arbeite und wann mit dem nächsten Buch zu rechnen sei, sinngemäss, keine Ahnung, mal sehn, ich finde, wer nichts zu sagen hat, soll die Klappe halten ...! Da wunderten sich die Herren aber! Julia Franck hat gerade zur Buchmesse nach etwa 10 Jahren, ihren neuen Roman veröffentlicht. Da wundern sich alle. Sie wunderten sich schon alle, als sie mit noch nicht einmal 50 Jahren, ihren Vorlass dem Literaturarchiv Marbach übergab. Die diesjährige Buchpreisträgerin Antje Rávik Strubel sagt, sie habe an dem ausgezeichneten Buch 8 Jahre geschrieben. Da wundern sich alle. Ich wundere mich nicht - das heißt ich wundere mich schon, aber eher über Dinge, die des Wunderns wert sind. Gerade ist der Himmel wieder einmal bilderbuchhaftbunt, leuchtet herzergreifend, atemberaubend ... etwa 27 Minuten vor Sonnenaufgang über dem Wattenmeer. Das Feuerspektakel dauert nur wenige Minute und ist immer lange vorbei, wenn sich die Sonne endlich am Himmel zeigt. In der Feldmark liegt Bodenfrost. An schattigen Stellen wird er den ganzen Vormitttag dort liegen bleiben.
Sonntag, 24. Oktober 2021
Omsk ...
... Tomsk, Tjumen. Sibirien am Sonntag. Sonne am Wattenmeer. Ich räume meine Töpfe auf der Terrasse auf, ernte noch eine Handvoll halbreifer Tomaten und lege sie zum Nachreifen im Wohnzimmer auf die Fensterbank. Nach dem Winter brauche ich eine neue Gartenbank. Denn die alte zerfällt zusehends. Schon drei Sparren sind aus der Sitzfläche herausgefallen. So dass aus Sicherheitsgründen nur noch ich mich darauf setzen darf. Auf eigenes Risiko. Herrn Caruso ist es tagsüber bereits zu kalt draußen und ich habe keine Zeit zum sitzen. Omsk, Tomsk, Tjumen. Ein onomatopoetisches Trio. Tscheljabinsk würde das Ensemble aufpeppern.
Samstag, 23. Oktober 2021
Obentobox ...
... ist keine Wundertüte. Das Smartphone, das kürzlich gebraucht in mein Leben getreten war, hat mir, schlimmer als ein Kind, nur Kummer und Sorgen bereitet. Ein gebrauchtes Shift, ein sogenanntes Fairphone - fair hergestellt, meinetwegen, aber trotzdem nicht auf der Höhe der Zeit. Mit einem Wort: kaputt. Ich habe es zurückgegeben. Und gehe jetzt im Internet zu Media Markt. Auch ein ökologisches Gewissen stößt an seine Grenzen. In der Obentobox ist, anders als im Fairphone, immer das drin, was draufsteht. Kalter Reis. Kalter Fisch. Süße oder scharfe Soße. Essstäbchen. Und ein Zahnstocher. Das Shift wird einem Kreuzschraubenschlüssel ausgeliefert.