W. ist bereits auf dem Weg nach China. Im Moment sitzt er im Taxi auf der Autobahn nach Hamburg. Danach fliegt er über Kopenhagen, Beijing nach Guangzhou.
Ich besichtige derweil mit einem Pomologen den Garten. Er erklärt mir, dass die Blüten des Apfelbaums momentan im „Mausohrstadium“ sind.
Wann W. wirklich ankommt, weiß ich nicht. Morgen. Unsere Tage beginnen und enden nun zu verschiedenen Zeiten.
Ich dachte immer, das erste, was im Frühjahr aus den Bäumen treibt, seien die Blätter. Nein, berichtigt mich der Pomologe. Beim Apfelbaum kommen zuerst die Blüten. In Dithmarschen, erklärt er weiter, sagt man, sehen diese jungen, nur wenige Tage alten Blüten aus wie die Ohren von Labormäusen. Und anderswo? Will ich wissen. Das kann er mir nicht sagen.
W. fliegt nicht nur in eine andere Tageszeit sondern auch in eine andere Jahreszeit. Bestimmt ist die Apfelblüte in Südchina schon vorbei. Und in der Hauptstadt wachsen längst keine Bäume mehr.
Warum Versuchsmäuse? Frage ich den Pomologen. Er ist kein Chemiker. Er arbeitet nicht im Labor. Er sammelt Dithmarscher Apfelsorten. Sucht die Namen aus alten Urkunden, Briefen, Legenden, Geschichten. Katalogisiert sie. Und macht sich dann auf die Suche nach den Bäumen. Auf den Feldern.
W. verlässt nun meine Zeit. Bis er sie wieder betritt, haben die Apfelblüten im Garten das Stadium der Mausohren überwunden und sind in einem ganz anderen Namen angekommen.
Mittwoch, 9. April 2008
Dienstag, 1. April 2008
Die Lampenschirmerzeugung
Kürzlich in Wien sind W. und ich tage- und nächtelang nur Straßenbahn gefahren. Wir wollten etwas sehen und erleben. Wir waren wieder in einer angeschriebenen Welt angekommen. W. kann nicht an Wörtern vorbeigehen oder -fahren, ohne sie zu konsumieren – zu lesen, zu entziffern, zu befragen, zu kommentieren. An den Häuserwänden, auf Firmenschildern und Reklametafeln tauchten dann freundlicherweise unendlich viele meiner Lieblingswörter auf: die Komposita, landläufig zusammengesetzte Substantive genannt.
Ich beschränke mich hier auf zwei Prachtexemplare. Als die 46 eines Nachmittags längere Zeit vor einem Frisörsalon stehen blieb (es war Karfreitag, Stau auf einer Kreuzung mitten in Wien, ein Hagelgewitter ging gerade nieder) entdeckte W. auf dem Schaufenster über den Perücken große gelbe Buchstaben, die sich zum Wort „Wimpernverlängerung“ vereinten. Ungefähr in der gleichen Sekunde entdeckte ich auf der anderen Straßenseite den steilen altertümlichen Handschriftzug „Lampenschirmerzeugung“ über einem gänzlich blinden und undurchsichtigen Schaufenster. In der Nacht hätten wir weder das eine noch das andere Wort finden können. Denn weder das eine noch das andere war, das konnten wir deutlich sehen, an den Strom angeschlossen.
W. wollte von mir wissen, wer sich denn die Wimpern verlängern lasse.
Ich wollte von ihm wissen, wer sich denn Lampenschirme erzeugen lasse.
Wir kamen nicht vom Fleck. Draußen blitzte und donnerte es. Und die Welt verfinsterte sich. Karfreitag soll der stillste Tag im Kirchenjahr sein, hatte ich einmal gelernt. Oder ist es Karsamstag? In Wien waren zum Glück Freitag und Samstag alle Geschäfte geöffnet. Wir mussten uns dringend einen Regenschirm besorgen.
Die Frauen, antwortete ich ihm.
Aber wozu denn, fragte er.
Um euch Männern schöne Augen machen zu können.
Die Frauen, antwortete er mir.
Aber wozu denn, fragte ich.
Um mit uns Männern darunter schöne Abende verbringen zu können.
Ich beschränke mich hier auf zwei Prachtexemplare. Als die 46 eines Nachmittags längere Zeit vor einem Frisörsalon stehen blieb (es war Karfreitag, Stau auf einer Kreuzung mitten in Wien, ein Hagelgewitter ging gerade nieder) entdeckte W. auf dem Schaufenster über den Perücken große gelbe Buchstaben, die sich zum Wort „Wimpernverlängerung“ vereinten. Ungefähr in der gleichen Sekunde entdeckte ich auf der anderen Straßenseite den steilen altertümlichen Handschriftzug „Lampenschirmerzeugung“ über einem gänzlich blinden und undurchsichtigen Schaufenster. In der Nacht hätten wir weder das eine noch das andere Wort finden können. Denn weder das eine noch das andere war, das konnten wir deutlich sehen, an den Strom angeschlossen.
W. wollte von mir wissen, wer sich denn die Wimpern verlängern lasse.
Ich wollte von ihm wissen, wer sich denn Lampenschirme erzeugen lasse.
Wir kamen nicht vom Fleck. Draußen blitzte und donnerte es. Und die Welt verfinsterte sich. Karfreitag soll der stillste Tag im Kirchenjahr sein, hatte ich einmal gelernt. Oder ist es Karsamstag? In Wien waren zum Glück Freitag und Samstag alle Geschäfte geöffnet. Wir mussten uns dringend einen Regenschirm besorgen.
Die Frauen, antwortete ich ihm.
Aber wozu denn, fragte er.
Um euch Männern schöne Augen machen zu können.
Die Frauen, antwortete er mir.
Aber wozu denn, fragte ich.
Um mit uns Männern darunter schöne Abende verbringen zu können.
Montag, 31. März 2008
Gartenzeit
Nun fällt noch mehr Licht ins Wohnzimmer.
Und die Drosseln, Buchfinken und Kohlmeisen picken aufgeregt auf dem neu zugänglichen Terrain herum, rupfen erbarmungslos Würmer aus dem aufgewühlten Boden und fangen an, mit den Zweigresten ihre Nester zu bauen.
Die kräftigen Männer haben mir auch ein Gemüsebeet umgepflügt. Ich werde Tomaten pflanzen, Erdbeeren, Mohrrüben, Fenchel, Zucchini, Puffbohnen, Melonen, Schnittsalat, Staudensellerie und Grünkohl. Ein Kräuterbeet anlegen für W. Mit Lorbeer, Basilikum, Rosmarin, Thymian und vielem anderem mehr.
Ich werde einen Anbauplan anlegen und in Zukunft sorgsam auf den Fruchtwechsel achten, um Bodenermüdungserscheinungen vorzubeugen. Ich werde ein angenehmes Kleinklima schaffen durch eine immergrüne Hecke aus Laub- und Nadelhölzern, denn ich weiß, dass auch ein schwacher Wind schädlich ist für den Ernteertrag. Ich werde bis zur Einführung der Winterzeit nur noch im Garten arbeiten. Ich werde als erstes die verschiedenen Aussaattechniken unterscheiden lernen. Von der Rillenaussaat oder Reihenaussaat über die Breitsaat bis hin zur Horstsaat. Es sei darauf zu achten, dass das Saatgut Bodenkontakt habe, sagte mir der Kurzhaarige, es müsse gründlich gewässert oder eingeschlämmt werden. Wie kann ausgerechnet der Bodenkontakt vermieden werden, fragte ich verwirrt zurück und bekam keine Antwort. Es gibt Kurztagspflanzen und Langtagspflanzen. Es gibt Lichtempfindlichkeiten und Wärmeempfindlichkeiten. Krümeliger Lehmboden, versicherte mir der Chef und verstaute die Säge, sei für Gemüse ideal, da er reich sei an Nährstoffen, Mikroorganismen und Regenwürmern. Dann fuhren die Männer nach Hause.
Morgen früh kommen sie wieder. Die Reisezeit ist vorbei. Die Gartenzeit ist da.
Montag, 24. März 2008
Reisezeit 4
Wir reisen nur noch. Heute nach Timmerlah zu einem runden Geburtstag. Tapfer stehen wir auf. Tapfer gehen wir zu Fuß zum Bahnhof. Tapfer lassen wir uns einschneien. Tapfer hören wir um 5.59 Uhr die Ansage, die NOB aus Husum verspäte sich auf unbestimmte Zeit wegen Weichenstörung. Wir erfrieren fast am Ostermontagmorgen am Meldorfer Bahnhof. Nach einer Dreiviertelstunde fährt ein gut geheizter Zug ein. Ohne Ansage. Ich zittere vor Kälte, bis wir den Nordostseekanal überfahren haben. In Altona verpassen wir den Anschluss. W. geht Geld ziehen. Ich setze mich in einen ICE. Wir treffen mit zwei Stunden Verspätung in der Dorfschenke ein. Mittlerweile scheint eine kalte Sonne. Der Taxifahrer erzählt von einem Holzklotz, der von einer Autobahnbrücke geworfen wurde und eine Frau tötete. Dann sehe ich viele Gesichter zum ersten Mal. Und mache mir einen Reim auf ihr Leben. Am Abend sind alle Bahnhöfe voll. Es schneit wieder. Die Weichen frieren erst ein, wenn der letzte Zug durch ist.
Mittwoch, 19. März 2008
Reisezeit 3
Wir fliegen nach Wien. Gleich holt uns das Taxi ab und bringt uns zum Flughafen. Wir besuchen Imme, von der hier schon einmal die Rede war. Sie erzählte mir am Telefon, sie sei so glücklich, dass endlich, nach fast zwanzig Jahren, ein ganz normaler Arzt festgestellt habe, warum sie immer müde war, diverse Dinge nicht mehr essen konnte, nicht mehr trinken konnte, immer mehr, immer weniger.
Mangel an Vitamin B12.
Zuerst bekam sie täglich eine Spritze, jetzt nur noch einmal wöchentlich.
So einfach ist das manchmal.
Wir beschlossen, gleich loszufliegen und mit ihr - Fastenzeit hin oder her - einen Heurigen zu trinken.
Mangel an Vitamin B12.
Zuerst bekam sie täglich eine Spritze, jetzt nur noch einmal wöchentlich.
So einfach ist das manchmal.
Wir beschlossen, gleich loszufliegen und mit ihr - Fastenzeit hin oder her - einen Heurigen zu trinken.
Dienstag, 11. März 2008
Reisezeit 2
Ich fliege nach Warschau.
Zum Begräbnis von Gustaw Holoubek, 85, Schauspieler. Er sagte einmal, für eine neue Rolle müsste ein guter Schauspieler höchstens einen Viertel des Textes neu auswendig lernen. Alles andere hätte er bereits im Kopf.
Das heisst umgekehrt, dass wir Schreibende drei Viertel unserer Texte füllen mit leeren Phrasen, wiederholbaren Alltäglichkeiten, nichtssagendem und verzichtbarem Kolorit.
Ich fliege nach Warschau.
Zu meinem Meister, Tadeusz Konwicki, 81, Schriftsteller. Er sagte mir gestern am Telefon, nun sei er ganz allein auf der Welt.
Zum Begräbnis von Gustaw Holoubek, 85, Schauspieler. Er sagte einmal, für eine neue Rolle müsste ein guter Schauspieler höchstens einen Viertel des Textes neu auswendig lernen. Alles andere hätte er bereits im Kopf.
Das heisst umgekehrt, dass wir Schreibende drei Viertel unserer Texte füllen mit leeren Phrasen, wiederholbaren Alltäglichkeiten, nichtssagendem und verzichtbarem Kolorit.
Ich fliege nach Warschau.
Zu meinem Meister, Tadeusz Konwicki, 81, Schriftsteller. Er sagte mir gestern am Telefon, nun sei er ganz allein auf der Welt.
Montag, 3. März 2008
Reisezeit
Die nächsten Tage verbringe ich in den verschiedenen Zügen der NOB oder der Deutschen Bahn, an verschiedenen Bahnhöfen, in verschiedenen Zimmern, an verschiedenen Fenstern. Falls gestreikt wird, werde ich auch zu Fuß unterwegs sein.
Details werden auf Wunsch nachgetragen.
Details werden auf Wunsch nachgetragen.
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