Freitag, 5. November 2021

Zweitpass

Kopfschmerzen. Müdigkeit. Mattigkeit. Wäre nicht Herr Caruso gerade auf mein Bett gesprungen, hätte sich nicht laut schnurrend auf meine Brust gelegt, ich würde wohl noch lange weiterfahren müssen im Traum meinem noch unerkannten Zielbahnhofe zu ...

Gestern in Berlin lieferte ich auf der Botschaft die biometrischen Daten für meinen Zweitpass ab. Dazu musste ich persönlich an Ort und Stelle, an der Otto-von-Bismarck-Allee vorsprechen. Mehr zu diesem Otto findet sich im Oktober. Ich musste mich dort fotografieren und mir die Abdrücke beider Zeigefinger abnehmen lassen, eine Unterschrift leisten sowie den Obolus für das Ganze entrichten. Alles Kontaktlos und hinter Panzerglas. Zum Obolus siehe auch Oktober. Von Berlin sah ich den vorhergesagten Dauerstarkregen. Wurde, obwohl die besagte Allee kurz ist und vollständig in Sicht- und Laufnähe des Hauptbahnhofs verläuft, mehrmals bis auf die Haut nass. Obwohl ich seit bestimmt zehn Jahren zum ersten Mal einen Regenschirm über meinem Haupte aufgespannt hielt. Ich hörte ein Grüppchen ebenfalls Durchnässter vor dem benachbarten Kanzleramt nach Gerechtigkeit für alle schreien. In diversen Sprachen. Die mitgebrachten Fahnen hingen allesamt tropfend an ihren Stangen, über kunterbunten Regenschirmen, so dass ich weder eine politische noch eine geografische oder ethnische Zuordnung dieser Demonstrierenden erkennen konnte. Der vor dem in Granit gemeißelten Eingang zur Konsularabteilung der Botschaft rauchende Pförtner erklärte mir auf meine Frage: Ach, wissen Sie, hier wird jeden Tag für oder gegen etwas demonstriert. Der Zweitpass ist eigentlich - in der Chronologie meiner irdischen Existenz - der Erstpass. Im tatsächlichen Zweitpass sind auch zwei Fingerabdrücke hinterlegt. Aber hinterlistigerweise zwei andere. Den Erstpass brauche ich also höchstens zur Vervollständigung meiner Hand. Oder Hände. Vom übermütigen mal-irgendwohin-fahren-wollen bin ich nun für geraume Zeit wieder restlos geheilt. Alle Züge waren aus unbekannten Gründen verspätet, alle aus bekannten überfüllt. Was mich aber nicht daran hinderte, auf der Hin- und Rückfahrt jeweils einen Original-Glauser zu verschlingen.

Donnerstag, 4. November 2021

Zwiebelfisch

 Ich fahre nach Berlin und komme in tiefer Nacht, mit dem Neumond wieder zurück.

Mittwoch, 3. November 2021

Zweischneidig

Mehr als die identischen, sichtbaren, eindeutig ein- oder zweieiigen Zwillinge faszinieren mich die nichtidentischen, die versteckten, einverleibten, parasitären oder verkümmerten Zwillinge. Die Mediziner nennen das fetale inklusion, foetus in foeto, fetus in fetus oder einfach kurz fif. 

In Polen starb eine 30 jährige Schwangere nach Komplikationen im Krankenhaus, weil die Ärzte sich weigerten, das offenbar lebensunfähige Ungeborene aus dem Bauch zu holen, um das Leben der Mutter zu retten. Sie falteten die Hände und warteten ab, bis das Menschenskind, denn als solches gilt es juristisch und darf natürlich ab dem ersten Herzschlag nicht mehr abgetrieben werden, im Mutterleib eines "natürlichen" Todes starb und das Blut der Mutter vergiftete. Der Gesundheitsminister dazu: es sei eine biologische Tatsache, dass Menschen stürben. Wer will in so einem Land noch leben?

Dienstag, 2. November 2021

Zwillinge Zwo

Sonne. Noch einmal Sonne! Auch die Aichinger-Zwillinge wurden von Dr. Mengele untersucht, oder befragt (siehe Interviewlinks von gestern). Zu Hause, im privaten Gespräch, in Gegenwart und mit Einverständnis der Mutter, die auch Ärztin war. Die Schwestern waren noch nicht getrennt, erst 9 und nicht auskunftfreudig. Die Nationalsozialisten waren noch nicht an der Macht und der ehrgeizige Zwillingsforscher noch nicht berühmt.

Auch Julia Franck hat eine Zwillingsschwester und liebt das Schweigen.

Montag, 1. November 2021

Zwillinge

Ilse Aichinger wäre heute hundert Jahre alt geworden, auch ihre um wenige Minuten jüngere Zwillingsschwester Helga natürlich. Der Krieg trennte sie für den Rest des Lebens. Ilse starb eine Woche nach ihrem 95., Helga ein Monat vor ihrem 97. Geburtstag. Hätten sie nicht in verschiedenen Welten gelebt, gäbe es keinen, oder nur einen viel dünneren Briefwechsel. In den Kommentaren, die ich heute lese oder höre, taucht immer wieder die "identische" Zwillingsschwester oder (schlimmer) "der identische Zwilling" auf. Und ich frage, was das denn heißen soll.

Ilse Aichinger antwortet 2001 - zum Achtzigsten: "Meine Schwester und ich sind identische Zwillinge. Wir sind gewissermaßen Klone, Doppelexistenzen. Da wünscht man sich, gar keine Existenz zu sein, jedenfalls nicht auch noch doppelt. Wir sahen vorerst ganz gleich aus, haben noch immer die gleichen Stimmen. Immer wieder kam die Frage: Die eine oder die andere. Ich wollte dann schon lieber die andere sein, die eine keinesfalls."

Fünf Jahre zuvor sagte sie - zum Fünfundsiebzigsten (man und frau beachte die maskuline Form!): "Ich bin ein identischer Zwilling, der ältere, der lebenskräftigere, wir hatten beide schwere Krankheiten, aber meine Schwester war dem Tod immer näher. Der Stauffenberg hatte auch einen identischen Zwilling, aber der ist bei der Geburt gestorben. (...) Man begreift dabei, daß die ganze Biologie eine terroristische Überlebensstrategie ist, der man eigentlich gar nicht gewachsen sein möchte. Man wird nicht gefragt. Man wird auch nicht gefragt, ob man sterben will. Ich will tot sein, aber sterben möchte ich auch nicht, weil ich einige Male mitangesehen habe, wie lange das dauern kann. Diese Zumutungen, nicht nur an mich, sondern an jeden, der lebt. Aber zu meinem Erstaunen sind die meisten Menschen vollkommen einverstanden."

Sonntag, 31. Oktober 2021

Ohne ...

 ... Ende. Ohne Anfang. Orgel trifft Barock. Das Ensemble Canto d'angelo spielt um 15 Uhr seine "himmlische Musik" mit Gesang auf historischen Instrumenten (zwei Traversföten, Viola da Gamba und Theorbe) in der Auferstehungskirche in Heide. Geistliche Kantaten von Teleman, szenische Kantaten von Bononcini, galante Kantaten von Reinhard Keiser.

Und 16 Uhr Vernissage in Meldorf: Norden im Licht. Fotoausstellung von Walter Mayr. Im Traumausstatter. Nein, kein Traum. Sondern Licht im Norden. Kurz vor Sonnenuntergang. Dauer der Ausstellung bis zum 11. Dezember. Öffnungszeiten FR, SA, SO 15-18 Uhr oder nach Vereinbarung.

Samstag, 30. Oktober 2021

ooo ...

... Morgenlicht! Zum letzten Mal. Der Wetterdienst gibt die Sonnenauf- und -untergangszeit bereits in der nach Winterzeit an 7:22! Da ist es vor meinem Fenster noch fast finster. Das Leuchten hat nun fast eine ganze Stunde Zeit. Später am Tag wird es warm regnen.