Dienstag, 7. April 2015

kribbelig

Ich bin kribbelig (lt. Duden Synonym zu fahrig, fiebrig, flatterig, konfus, kopflos, fickerig, fusselig, ruschlig ...) - die Haut juckt. Entweder kommt die Unruhe von innen nach außen oder von außen nach innen. Natürlich kann man mit einem juckenden Ausschlag an Knöcheln, Schienbeinen, Ellbogen nicht ruhig sitzen. Ich begebe mich demütig in die Meldorfer Hautarztpraxis.

Montag, 6. April 2015

Ostermontag

Feiertag - keine Mahnwache in Meldorf! Erstmals wurden radioaktive Spuren vor der Küste Nordamerikas nachgewiesen. Cäsium 134 hat den Pazifik durchquert. Das Isotop, sagen die Wissenschaftler, sei charakteristisch für den Fukushimagau, die Konzentration liege aber "tausendfach" unter der für Trinkwasser empfohlenen Höchstmenge. Aber das Gift ist mittlerweile überall.

Sonntag, 5. April 2015

Ostern

Wer es nicht glaubt, vergleiche dieses Foto mit dem Foto vom 22.3.: und sie bewegt sich doch.
Bald wird die Sonne hinter dem Haus des Nachbarn aufgehen.
Der Morgen ist frostig, die Ostereier eingefroren!

Samstag, 4. April 2015

Karsamstag

Heute ist der stillste Tag im Kirchenjahr. Und ich lärme zwei Stunden auf meiner Terrasse mit einem Hochdruckreiniger. Bin von oben bis unten bespritzt vom Sand, den ich aus den Steinplatten spüle. Das ist der Lauf der Dinge: das eine wird sauber, das andere dreckig. Irgendwo muss die Materie bestehen, irgendwie das Gleichgewicht bewahrt bleiben.

Freitag, 3. April 2015

Karfreitag

Karfreitag ist Chaos pur. Draußen Ruhe. Drinnen Unruhe. Dazwischen dünne Haut. Verletzlich. Entzündet. Intoleranzreaktionen.
Ich lese Hans Henny Jahnns Briefe an Ellinor "Liebe ist Quatsch" - ein Zitat aus dem Brief vom 2.5.1935 hat dem Buch den Titel verliehen. Aber der Satz stammt nicht von Jahnn selbst, er legt ihn seinem Freund Ernst Eggers in den Mund: "Jedenfalls behauptet Ernst, dass Liebe Quatsch sei".

Donnerstag, 2. April 2015

Ausverkauf ...

... der Heimat. Die Schweizer suchen auf demokratischem Weg eine neue Nationalhymne. Hier kann nachgehört, nachgelesen und abgestimmt werden: https://www.chymne.ch/de/beitraege.
Ich weiß nicht, ob auch nicht-Helvetier_innen ihr Votum abgeben dürfen, ich habe es selber nicht ausprobiert. Peinlich berührt von den poetisch-patriotischen Ergüssen. Die musikalischen sind ja wenig innovativ.

Mittwoch, 1. April 2015

Kein Aprilscherz

Meldorf ist eine lebenswerte Stadt ... unten mein vollständiger Text. Die Zeitung gab den Rahmen vor und ich hatte mich nicht daran gehalten, deshalb wurde gekürzt:


Meldorf ist eine lebenswerte Stadt, weil …
… es hier einen Bahnhof gibt! Jeder Mensch will irgendwann ankommen, aus dem fahrenden Zug aussteigen, seinen Fuß auf festen Boden setzen und zu Hause sein. Untypischerweise kam ich von Norden an. Am Ostersamstag 2007 hievte ich mein bepacktes Fahrrad auf den damals noch einzigen Bahnsteig in Meldorf, wo mich W. erwartete und in die Arme schloss.
Eine gute halbe Stunde zuvor war ich von Süden durch den Meldorfer Bahnhof durchgebraust. In einem IC, in dem ich seit Berlin in Fahrtrichtung am Fenster saß. Aus Rücksicht auf das Fahrrad wollte ich nicht öfter als nötig umsteigen. Und so kam es, dass ich um die Mittagszeit durch einen fast verlassenen Bahnhof rauschte. Nur ein einziger Mensch stand dort, unter der Bahnhofsuhr und vollführte riesige kreisende Bewegungen mit beiden Armen. Falls ihn jemand – außer mir – gesehen hatte, musste er gedacht haben, da stehe ein Besessener. Es war W., der mich in Meldorf willkommen hieß, bevor ich angekommen war. Auf meiner ersten rasanten Durchfahrt. In Heide verließ ich den Schnellzug, wechselte den Bahnsteig und fuhr mit dem nächsten Triebwagen der NOB sieben Minuten lang zurück.
W. arbeitete seit Semesterbeginn an der FHW und bewohnte tage-, wochenweise eine Ferienwohnung nach der anderen. Er zog immer weitere Kreise um seinen Arbeitsplatz, bis er Anfang April in Meldorf über einer Zahnarztpraxis landete. Eine Mitarbeiterin der Tourismusinformation hatte ihn dorthin geschickt, weil das doch gut passe, wie sie sagte. Eine Schriftstellerin und eine Malerin. Damit meinte sie mich und die Zahnarztfrau.
An den Weg vom Bahnhof an die Hafenchaussee kann ich mich nicht erinnern. Wir müssen, beide auf den Fahrrädern, irgendwie über den Domhügel gekommen sein. Wahrscheinlich fuhren wir trotz des Fahrverbots durch die Gehstraße. Ich keuchend hinter W. her, die Geschäfte waren sicherlich bereits geschlossen, das Pflaster noch nicht erneuert. Am Dom vorbei. Ostern stand vor der Tür. Hatte ich ihn auch nur eines Blickes gewürdigt? Ich weiß es nicht mehr. Wahrscheinlich brummte mir der Schädel von der mehrstündigen Fahrt am Fenster und rüttelte mich erst das Kopfsteinpflaster vor der Polizeiwache etwas auf.
Wir fuhren noch monatelang hin und her. Ich schrieb über der Zahnarztpraxis das schlimmste Kapitel meines Lebens auf. Die Tourismusinformation hatte sich nicht geirrt. Es passte gut. Ich arbeitete am frühen Morgen, noch bevor der Zahnarzt zu bohren anfing, so lange, bis es nicht mehr ging. Dann fuhr ich zum Deich. Meldorf ist eine lebenswerte Stadt, weil sie an der Zielgeraden zur Nordsee liegt!
Mittlerweile gibt es einen zweiten Bahnsteig und wir wohnen auf der anderen Seite der Bahnlinie. Mein Weg ans Wattenmeer ist länger geworden. Am Bahnhof komme ich jetzt entweder auf der richtigen oder auf der falschen Seite an. Ich muss aus beruflichen Gründen immer wieder wegfahren. Manchmal für längere Zeit. Nach Osten, über die Landesgrenze, nach Warschau oder Kwiatonowice, in den hintersten Zipfel Europas. Oder nach Süden, in die Schweiz – ein Land, in dem es vor lauter Bergen keinen Wind mehr gibt. Nicht nur deshalb atme ich immer erleichtert auf, wenn ich am neuen Bahnsteig ankomme. Meldorf ist eine lebenswerte Stadt, weil es hier keine Berge gibt und nichts dem Wind im Wege steht.