Mittwoch, 19. Juli 2017

Nilsson

Das Morgenhochwasser läuft einen halben Meter weniger hoch auf als normal. Wir, eine Handvoll Tagesschwimmerinnen, planschen im nur knietiefen Wasser herum und fahren trotzdem erfrischt wieder nach Hause. Der Ostwind hat mich in phänomenalen 32 Minuten an den Deich gepustet, und plagt mich entsprechend auf der Rückfahrt. Pause bei meinem Lieblingsladen: Nilsson verkauft mir eine Gummi-Kupplung IP 44 schwarz und ich repariere zu Hause im Garten beide am Samstag zerschnittenen Kabel. Sie sind nun etwas kürzer, aber aus dem einen abgeschnittenen Teil wird noch ein drittes werden. Aus zwei mach drei. Ich muss nur noch einmal zu Nilsson.

Montag, 17. Juli 2017

Mahnwache in Meldorf

18:00-18:30 Südermarkt
Meldorfer Mahnwache für den sofortigen Atomausstieg 

danach: "Hooger Nüsse" in Heide. Nicht öffentliche Lesung.

Sonntag, 16. Juli 2017

Kater

Muskelkater nach dem gestrigen Gartentag. Sommerregen in Meldorf. Ich verbringe den Sonntag im Bett und pflege meinen Schmerz. In Polen protestieren Tausende. In allen Städten. Mit jedem Tag, den die PIS länger an der Macht ist, verliere ich mehr Freunde in Polen. Das ist eine seltsame mathematische Gleichung, ohne Weltbewegende Bedeutung. Sie trifft nur meinen wunden Punkt. Nach Einbruch der Dunkelheit Kerzenketten. In Warschau rund um das Oberste Gericht. Aber auch in Bydgoszcz, Poznań, Gdynia ... und wahrscheinlich, so meine Hoffnung, an vielen anderen Orten, von denen ich nichts weiß. Hier die ersten Bilder: http://wiadomosci.gazeta.pl/wiadomosci/56,114944,22102952,lancuch-swiatla-w-calej-polsce-tysiace-osob-protestuja,,12.html

Samstag, 15. Juli 2017

Das Spiel mit dem Feuer

Ich schneide die Hecke. Schon nach 5 Minuten ist das erste Kabel durch und die Sicherung raus. Das zweite Kabel hält etwas länger, immerhin fast 3 Stunden. Die Sicherung fliegt nochmals raus, diesmal die andere, da ich rund ums Haus mehrmals das Kabel neu einstecken muss. Den Rest erledige ich mit einem Kabel des Nachbarn in panischer Angst.
Dabei hätte ich so schön nach Sylt fahren können: http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/schleswig-holstein_magazin/Nostalgiefahrt-Mit-der-Reichsbahn-nach-Sylt,shmag47442.html

Donnerstag, 13. Juli 2017

Auto, Fleisch, Flugzeug, Kind

In alphabetischer Reihenfolge sind dies laut einer neuesten Studie die 4 Wege (wir erinnern uns an Futsi I) für jede/n Einzelne/n, ihren/seinen Anteil zur Verringerung des weltweiten Kohlendioxid-Ausstoßes beizutragen - sprich: das Klima zu retten oder zumindest retten zu wollen:
  • nicht Auto fahren, 
  • kein Fleisch (genauer: nur Produkte pflanzlichen Ursprungs) verzehren
  • nicht fliegen
  • keine Kinder zeugen
Da komme ich persönlich ziemlich gut weg und kann guten Gewissens jetzt allein zum schwimmen aus eigener Kraft durch den Speicherkoog zum Elpersbütteler Badestrand radeln.
http://iopscience.iop.org/article/10.1088/1748-9326/aa7541

Mittwoch, 12. Juli 2017

Die Joldelunder Margarethe

Regen über Meldorf wie in Macondo ... Einsamkeit wie in der Weltliteratur. Der "Margarethenberg" zwischen Bordelum und Sönnebüll und Dörpum, den ich kürzlich auf meinem Fußmarsch links liegen ließ, ist überhaupt kein Berg. Es gibt keine Berge in Nordfriesland. Früher, als es die Todesstrafe noch gab, war dort eine Hinrichtungsstätte. Wie der Hügel damals hieß, weiß ich nicht. Den heutigen Namen bekam er seltsamerweise von der Margarethe, der Letzten, die dort öffentlich enthauptet wurde. Die Margarethe kam aus Joldelund - deshalb fasziniert sie mich! Sie war eine unbescholtene Magd, bis sie in Addebüll bei einem "Vollhufner" in Dienst trat, der sie schamlos benützte.
Und das Ende vom Lied? Sie wurde rechtmäßig als Mörderin verurteilt, denn sie hatte tatsächlich im Liebesrausch oder vor Eifersucht ganz von Sinnen der zweiten Ehefrau des Vollhufners die Kehle durchgeschnitten. Er kam ungeschoren davon. Der einzige Trost: Sein Name kennt heute niemand mehr (außer mir). Und ihr Name ist aus der Landschaft nicht mehr wegzudenken.

Montag, 10. Juli 2017

Sonntag, 9. Juli 2017

孔子

Sonntagsvollmond. Die Sonne ist eben untergegangen und der Mond steht pünktlich vor meinem Fenster. Ich nehme den Mund voll. Ich bin heißhungrig. Seit der Raum wieder aufgetan ist und ich jeden Tag in der Nordsee bade. Mittlerweile schätze ich die zwölfeinhalb Kilometer, die ich hin, und die zwölfeinhalb Kilometer, die ich zurück radle. Die Fahrzeit addiert sich immer auf das mehr oder weniger selbe eindeutige Resultat: ich brauche seit Tagen, Wochen zwischen 1:06:00 und 1:18:00. Gegen- und Rückenwind heben sich in dieser Rechnung restlos auf und es ist vollkommen überflüssig, sich über Böen zu beschweren. Der Weg ist das Ziel (Konfuzius) - diese DenkArt war mir auf Hooge abhanden gekommen, ohne dass ich es gemerkt hätte. Auf der Hallig ist kein Platz für Wege. Heute habe ich unverhofft ein großes Stück geistiger Gelassenheit zurückgewonnen - so unverhofft, wie zuweilen ein Regenschauer über einen kommt - und erst in dem Moment, als die Schädeldecke sich hob und das Hirn sich die Unendlichkeit zurückholen konnte, wurde ich gewahr, was mir fast zwei Jahre lang gefehlt hatte! 孔子- Fuzzi! Der Weg ist das Ziel! Ungewollt und absichtslos. Auf halbem Weg zum bereits aufgelaufenen Wasser, ungefähr auf der Höhe des Kronenlochs. Ein Geschenk der Speicherkoogtrolle.
Der verschwundene oder "wie eine Brausetablette" aufgelöste Weg in einer zu winzig geratenen Welt bedeutet nicht, dass das Ziel vor Augen läge und mit Händen zu greifen wäre. Oh nein! Ganz im Gegenteil, es ist das Dilemma aller Schurken und Diebe, aller Ehrlosen und Gottlosen, aller Gewissenlosen und Sprachlosen, die sich in der Sackgasse um den Trugschluss, angekommen zu sein, versammeln - und weinen.

Samstag, 8. Juli 2017

"das hätte ich Dir auch erklären können"

Das sind die Kommentare, die wir lieben: sie kommen per mail und wissen immer alles besser. Niemand muss meinem lyrischen und eindeutig beschränkten Ich hier irgendetwas erklären. Ich (das andere, unpoetische, das raffiniert berechnend auf der anderen Seite des Spiegels steht) bestimme, wann es was und warum - oder warum nicht! - erfährt.
Da lob ich mir meinen Helden ohne jeden Charakter (Hervorhebungen von mir): "Am nächsten Tag sprang Macunaíma früh in die Piroge und ruderte bis zur Quelle des Rio Negro, um sein Gewissen auf der Insel Marapatá zu lassen. Er ließ es genau auf der Spitze eines zehn Meter hohen Kaktus, damit es nicht von den Blattschneiderameisen gefressen würde." (op. cit. S. 32)

Freitag, 7. Juli 2017

Dämmerungsphasen

Es gibt, was ich bis eben nicht wusste, drei "Dämmerungszeiten", oder - je nach Standpunkt - Dämmerungsphasen: die bürgerliche, die nautische und die astronomische. Die gelten - jeweils in umgekehrter Reihenfolge - sowohl für die Morgendämmerung wie für die Abenddämmerung. Die bürgerliche (oder "zivile") Dämmerung hat natürlich mit dem Bürgertum (oder der Zivilisation) zu tun: Laut Definition kann der Mensch während der bürgerlichen Dämmerung im Freien noch lesen! Sie dauert in Deutschland durchschnittlich 39 Minuten - in Meldorf heute Abend aber fast eine Stunde. Das reicht für 12 Kapitel Macunaíma auf der Gartenbank.
Die nautische oder mittlere Dämmerung setzt am Abend später ein und dauert noch länger, in ihrem Verlauf kann die Höhe der Sterne über dem Horizont bestimmt werden. Die Linie zwischen Meer und Himmel ist der "nautische Horizont" und heißt - was ich ebenfalls nicht wusste - Kimm.
Die astronomische Abenddämmerung von heute endet erst morgen - Um 1 Uhr in der Nacht. Da beginnt schon wieder die astronomische Morgendämmerung des nächsten Tages. Das ist das Geheimnis der weißen Nächte!

Donnerstag, 6. Juli 2017

"niemand wusste von nichts"

Ich greife ein Buch, klein und handlich, das ich mitnehmen kann an die Meldorfer Bucht, um darin zu lesen, wenn ich nach dem Schwimmen zehn Minuten zum Trocknen auf dem grünen Deich sitze. Macunaíma. Der Held ohne jeden Charakter. Und wieviele wunderliche Wörter und Tiere gibt es darin:
"Sie fragten alle Lebewesen, die großen Süßwasserschildkröten Mulitagürteltiere Erd- und Baumheuschrecken, die Tapiucaba-Wespen Feldschwalben Sumpfspottdrosseln Klopfspechte Hokko-Hühner, den Japu-Stärling und seine Gevatterin die Hummel, die mannstolle Schabe, den Vogel, der "Taám!" schreit, und seine Gefährtin, die "Taím!" antwortet, die Mauereidechse, die Katz spielt mit der Maus, die Tambaquis, Tucunarés, Pirarucu-Krötenfische, die Curimatás des Flusses, die Pecaís, Tapicuru-Bäume, die Iererês des Strandes, all diese Lebewesen, aber niemand hatte etwas gesehen, niemand wusste von nichts."  (Originalsatzzeichensetzung; Mário de Andrade, Macunaíma. Der Held ohne jeden Charakter. Aus dem brasilianischen Portugiesisch und mit einem Nachwort und Glossar versehen von Curt Meyer-Clason, suhrkamp tb 3198, S. 29)

Mittwoch, 5. Juli 2017

Eurydike

Ich bin allein am Meer. Eine Meerassel, lese ich nach dem Schwimmen, sei derzeit unterwegs, die einen beim Baden schon mal stecken oder pieksen kann. Ganze 5 Millimeter lang und doch frech, vorwitzig, witzig. Sucht auch nur das Überleben. Also Futter. Von meinem Zeh wird sie nicht satt, denn der muss ja für die Assel so etwas wie das Matterhorn oder der Zauberberg sein. Sie ist blind und hungrig und ungefährlich. Im Volksmund heißt sie Schöne Eurydike, weil sie schnell ermüdet und kraftlos von der Wasseroberfläche in die Tiefe sinkt.

Dienstag, 4. Juli 2017

Erdbeersegen

Der Wind ist immer noch heftig und in Böen abschreckend. Die Sonne unbeständig. Es ist eher kalt als warm. Ich fahre trotzdem. Die Flut hat eine Tageszeit erreicht, die mir zuträglich ist. Außer den Dauercampern kein Mensch weit und breit. Der Deichabschnitt "Badestrand" wurde gemäht und die Schafe sind nach wie vor ausgesperrt. Auf dem Rückweg mache ich Halt beim Kartoffelautomaten und kaufe Dithmarscher Erdbeeren. Diese kleine Verzögerung reicht aus und ich gerate auf den letzten Metern in den Regen.

Montag, 3. Juli 2017

Sonntag, 2. Juli 2017

Luftkurort

Sonntagsausflug: Petri-Kirche in Burg in Dithmarschen. Burg ist ein Luftkurort, das wird jedem Bahnreisenden durch den entsprechenden herrlich altmodischen Schriftzug am Bahnhof im fahrenden Zug klar. Ganz egal, ob er aussteigt oder nur durchfährt. Ich steige aus. Und besuche die Ulme im Windschatten der Kirche. Die Kirche - die älteste Kirche Schleswig-Holsteins! - ist eine Sühnekirche! Erbaut als Sühneleistung für den Mord am Landesherrn, dem Stader Grafen Rudolf II. Die Burger Bauern erschlugen ihn im Jahr 1145 aus Not auf seiner stolzen Böckelnburg, weil er ungeachtet schlechter Erntejahre den (das?) Zinskorn unerbittlich eintrieb. Rudolfs Bruder Hartwig, der spätere Erzbischof von Bremen, ordnete im Rahmen eines Rachefeldzugs den Bau der Sühnekapelle auf einer Anhöhe am Rand der Süderdithmarscher Geest an. Im Schatten der Kirche wächst unbeeindruckt von Legenden und Schietwetter ein Naturdenkmal. Die Feldulme - Ulmus minor. Im Gegensatz zur Flatterulme (Ulmus laevis) oder Bergulme (Ulmus montana oder U. scabra). Ulmen sind seit 100 Jahren durch das Ulmensterben bedroht, aber die Burger Ulme im Schatten der Petri-Sühnekirche steht! Ulme ist die Bezeichnung nur für den lebendigen Baum, das Holz einer gefällten Ulme heißt Rüster. Oder Rusten. Die Ulme, wenn sie denn gesund bleibt, ist ein Kernreifholzbaum. Die Informationstafel klärt die Baumbesucherin über die Krankheit auf: "Der Ulmensplintkäfer überträgt eine aus Ostasien eingeschleppte Pilzerkrankung. Dabei werden die Wasserleitbahnen verstopft und der Baum vertrocknet." Sanfter Landregen fällt unaufhörlich über Süderdithmarschen.

Samstag, 1. Juli 2017

Halbzeiten

Der Starkregen hat aufgehört. Gegen Abend wird der Himmel wie so oft sauber und klar. Das Tagewerk ist getan, die zweite Jahreshälfte hat angefangen und der Mond steht genauso halb und blass bereits im strahlenden Blau. Ich kämpfe mich bei steifem Nordwest an die Meldorfer Bucht, ziehe mich im Windschatten eines verlassenen Strandkorbs aus und springe in die wilden Fluten. Kein Mensch weit und breit, nur auf der Nordermeldorfer Seite des Hafens leuchten die bunten Segel der Kitesurfer. Soviel Wind war schon lange nicht mehr. Und sogar am Finanzamt weht eine deutsche Fahne auf Halbmast.